Gedenkfeier für Opfer des NSU Kleiner Trost für tiefe Wunden

Zwei der zehn Morde hat die Terrorgruppe NSU in München verübt. Die Familien der Opfer leiden bis heute, viele wurden selbst von den Ermittlern verdächtigt. Der Ausländerbeirat und die Stadt suchen jetzt nach einer angemessenen Form der Erinnerung.

Von Christian Mayer

Der Grieche Theodorous Boulgarides wurde in seinem Schlüsseldienst-Laden in der Trappentreustraße mit Kopfschüssen ermordet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit einer Gedenkveranstaltung am Freitag um 18 Uhr auf dem Odeonsplatz will der Ausländerbeirat der Stadt München an die Opfer der Neonazi-Morde erinnern. Es geht dabei auch darum, welche Konsequenzen Politik und Gesellschaft aus den falschen Verdächtigungen gegen Angehörige der Opfer ziehen will. Oberbürgermeister Christian Ude sprach von einer "moralischen Pflicht der Anteilnahme mit den Familien". Er kündigte an, dass die Stadt eine dauerhafte Form würdigen Gedenkens suche.

München war Schauplatz von zwei der insgesamt zehn Morde der Terrorgruppe NSU (Nationalsozialistischer Untergrund): Der aus der Türkei stammende Habil Kilic wurde am 29. August 2001 getötet, der Grieche Theodoros Boulgaridis am 15. Juni 2005. Der Prozess gegen die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe und die Helfer der NSU wird wohl vor dem Oberlandesgericht in München stattfinden.

Oberbürgermeister Christian Ude gehört zu den Rednern der Veranstaltung am Freitag. Er hält es einerseits für eine politische Pflicht, noch einmal auf die "schweren Versäumnisse der Staatsbehörden" hinzuweisen und sich deshalb bei den Opfern zu entschuldigen. Jahrelang hätten Polizei und Staatsanwaltschaft an eine Mordserie im Halbdunkeln des Ausländermilieus geglaubt - aus diesem Grund seien die Familien der Opfer in den Fokus der Ermittler geraten.

Gemeinsam mit anderen Städten wie Kassel oder Nürnberg, die ebenfalls Schauplatz von NSU-Morden waren, wolle München noch eine Form für ein würdiges Gedenken suchen. Beschlossen hat die Stadt bisher nur, dass es eine zentrale Gedenktafel für die beiden Münchner Opfer geben soll, "ob in Tatortnähe oder in der Innenstadt müssen wir noch sehen", sagt der Oberbürgermeister.

Jeder Zehnte hat rassistische Tendenzen

Die Vorsitzende des Münchner Ausländerbeirats Nükhet Kivran hat die Veranstaltung am Freitagabend mitorganisiert. "Uns ist es ganz wichtig, dass sich ein Jahr nach der Aufklärung der Morde auch die Münchner noch einmal daran erinnern, was für erschreckende Dinge in unserem Rechtsstaat geschehen sind - von völlig dubiosen Verdächtigungen bis hin zur Aktenvernichtung."

Zudem gehe es darum, ein Zeichen gegen den Rechtsextremismus zu setzen, der keineswegs aus der deutschen Gesellschaft verschwunden sei: Immerhin jeder zehnte Bundesbürger habe nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung rassistische Tendenzen, klagt Kivran.

Tiefe Wunden bei den Angehörigen

Bei den Familien der beiden Münchner Opfer gebe es noch immer eine tiefe Empörung über das damalige Verhalten der Behörden - selbst entfernte Verwandte und Freunde seien in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen worden, es gab wahllose Verhöre und erkennungsdienstliche Prozeduren. "Dabei hat der Münchner Ausländerbeirat schon relativ rasch darauf hingewiesen, dass vieles auf einen schieren Ausländerhass der Mörder hindeutet", sagt Kivran.

Sie ist sehr froh, dass am Freitag auch die Ombudsfrau der Opfer des NSU-Terrors sprechen wird. Die frühere Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, Barbara John, halte engen Kontakt zu den Münchner Opferfamilien, etwa zur damals zehnjährigen Tochter von Habil Kilic. "Trotzdem ist es ein schwerer Schritt für sie, die Veranstaltung am Freitag zu besuchen."

Auch Apostolos Malamoussis, der Erzpriester des Ökumenischen Patriarchats, hält die Gedenkveranstaltung für notwendig und überfällig. Der griechisch-orthodoxe Seelsorger berichtet von langen Gesprächen mit dem Bruder von Theodoros Boulgaridis, der nach der Bluttat im Sommer 2005 nicht mehr in München leben wollte. Auch er war mit seiner Familie ins Fadenkreuz der Ermittler geraten. Erst nach der Aufklärung der NSU-Mordserie konnte sich Boulgaridis dazu entschließen, von Thessaloniki wieder nach München zurückzukehren - mithilfe der Stadt fand er für sich und seine Familie eine Wohnung und auch eine Arbeit.