Gedenken an den 9. November "Haben sie geweint?"

Chaim Eytan will dem Vergessen etwas entgegensetzen.

(Foto: Inga Rahmsdorf)

Chaim Eytans Eltern sind Juden und haben Deutschland nach dem Krieg nie wieder betreten. Ihr Sohn macht heute Führungen zum jüdischen Leben in München

Von Inga Rahmsdorf

Chaim Eytan ist in Italien geboren und in Israel aufgewachsen. Dass er offizieller Gastführer in München geworden ist, hängt mit seiner Begeisterung für die Stadt zusammen, aber auch mit der Geschichte seiner Eltern. Mit ihrer Vergangenheit, über die sie niemals mit ihrem Sohn geredet haben. "Kein Wort", sagt Eytan. Nur weinen hören habe er sie nachts. Seine Eltern haben die Konzentrationslager überlebt und sich im KZ Bergen-Belsen kennengelernt. Vielleicht weil seine Eltern nicht über die grausamen Erlebnisse sprechen konnten, hat Chaim Eytan es sich zur Aufgabe gemacht, dem Vergessen und Verdrängen etwas entgegenzusetzen.

Und gerade weil Eytan München so schätzt, will er auch von ihren schrecklichen Kapiteln berichten. So bietet er nicht nur Führungen zu Schlössern, zu berühmten Frauen und zu bayerischem Essen an, sondern auch zur jüdischen Geschichte. Und anlässlich des 9. November 1938 macht er seit 30 Jahren eine besondere Tour. Von München aus gaben die Nationalsozialisten damals den Befehl zum Pogrom gegen Juden. Zehntausende wurden verhaftet und in KZ verschleppt, Synagogen, Betstuben und jüdische Geschäfte zerstört. Eytan zeigt an diesem Sonntag nicht nur, wo und wie das Terrorregime von Hitler in der Stadt gewütet hat, sondern auch, wie sehr das jüdische Leben immer schon zu München gehört und die Stadt geprägt hat - von der Kultur, über Banken und Brauereien bis hin zum FC Bayern München.

Chaim Eytan beginnt seine Führung dort, wo heute ein lebendiges jüdisches Zentrum steht, an der Hauptsynagoge auf dem Sankt-Jakobs-Platz, die 2006 eingeweiht worden ist. Und er beendet seine Tour fast drei Stunden später an dem Gedenkstein für die alte Hauptsynagoge, die in der Herzog-Max-Straße stand, bis sie 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde - schon ein halbes Jahr vor der Pogromnacht. "Hier nebenan stand das Künstlerhaus, in dem Hitler gerne frühstückte, wenn er nach München kam", sagt Eytan. "Doch der Anblick der Synagoge störte Hitler, und so ließ er bereits im Juni 1938 das gesamte Gebäude abreißen. Das zeigt, dass Hitler schon sechs Monate vor der Pogromnacht begann, jüdisches Leben systematisch zu zerstören", sagt Eytan. Im November 1938 wurden dann auch die anderen beiden großen und alle weiteren kleineren Synagogen in München zerstört.

Wie tief verwoben die jüdische Geschichte mit der Stadt ist, zeigen auch weniger erwartbare Stationen. Eytan hält am Fanshop des FC Bayern München an. Der Fußballclub wurde 1900 von jüdischen Familien gegründet. 1932 wurde er Meister, ein Jahr später wurden seine Manager und Sponsoren am 9. November verschleppt und in das KZ Dachau gebracht. Dem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer gelang die Flucht in die Schweiz, nach dem Krieg kehrte er nach München und zum FC Bayern zurück. Heute gibt es etwa 11 000 jüdische Münchner, so viele wie 1900. Damals waren das etwa zwei Prozent der Bevölkerung, heute sind es nur 0,6 Prozent.

Wo heute das Münchner Stadtmuseum steht, gründete der jüdische Kaufmann Heinrich Uhlfelder 1878 ein Kaufhaus, das erfolgreich lief, bis die Familie verhaftet wurde. Eine Steintafel und eine Leuchtschrift erinnern heute daran. Der jüdische Architekt Max Littmann baute das Hofbräuhaus. Und auf dem Rückweg vom Gebet kehrten auch religiöse Juden hier ein, wie die Familie Feuchtwanger. "Schließlich ist Bier immer koscher", sagt Eytan. Gegenüber von den Kammerspielen stand das Kulturzentrum "Die Pfeffermühle", wo politisches Kabarett geboten wurde, bis die Schauspieler, darunter viele Juden wie Therese Giehse, fliehen mussten.

Die Eltern von Chaim Eytan haben Deutschland nie wieder betreten. Und erst als ihr Sohn auch in der KZ-Gedenkstätte Dachau Führungen machte, rief seine Mutter ihn an und wollte wissen: "Wie haben die Leute reagiert? Haben sie geweint?"