SZ: Herr Hildebrandt, die Frankfurter Rundschau schrieb, Sie seien der "unerschrockenste Einzelkämpfer der öffentlichen Unterhaltung". Auch Sie, Herr Gauweiler, stellen sich oft gegen die Parteilinie. Wie wird man zum Einzelkämpfer?

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Hildebrandt: Indem man bei dem bleibt, was man sich gedacht hat. Das ist ganz einfach. Eines Tages steht man dann allein da.

Gauweiler: Man lebt so auch besser.

Hildebrandt: Eigentlich ja.

Gauweiler: Man lebt irgendwie besser, weil man es nicht dauernd allen recht machen muss.

SZ: Also eine bewusste Rollenwahl.

Gauweiler: Solche Verhaltensweisen sind genetisch, so wie jeder Mensch unterschiedlich auf Sonneneinstrahlung reagiert. Aus jeder Behinderung muss man etwas Positives machen.

SZ: Aber man ist allein.

Hildebrandt: Einsam habe ich mich nie gefühlt, weil man immer Freunde hat, die, selbst wenn sie an einem zweifeln, an einem hängen. Und ich hänge an ihnen. Das ist mein Heimatgefühl. Wo die Freunde sind, bin ich zu Hause. Deswegen ist München meine Heimat, sonst wäre sie ja Schlesien - um Gottes willen, da will ich nicht wieder hin.

SZ: Wie hätte sich München verändert, wenn Peter Gauweiler 1993 die Wahl zum Oberbürgermeister gegen Christian Ude gewonnen hätte?

Hildebrandt: Ach, es war abzusehen, dass es nicht dazu kommt. Hier OB-Kandidat der CSU zu sein, ist ein Verheizungsposten. Das ist so, wie damals gegen Beuys zu argumentieren. Das war auch tapfer.

Gauweiler: Sehr nett. Immerhin habe ich bei der Wahl 43 Prozent bekommen.

Hildebrandt: Das war viel. Während des Wahlkampfs habe ich mich an seine Zeit als Chef des Kreisverwaltungsreferates erinnert. Da hat er seine Macht ausgenutzt. Wenn er meinte, dass es in irgendeinem Lokal unter einem Stuhl irgendwo ein kleines Kokain-Spürchen gibt, fuhren gleich zehn Polizeiautos mit Sirenen los. Da war er wirklich der Ayatollah.

SZ: Was wäre er als OB geworden?

Gauweiler: Auf jeden Fall gäbe es in der Stadt-Silhouette nicht das Hochhaus hinter dem Siegestor.

Hildebrandt: Flachbauten-Idealismus in einer Millionenstadt wurde aber auch immer verspottet.

Gauweiler: Ich mag diese turmhohen King-Kong-Palisaden einfach nicht. München ist keine Wolkenkratzer-Stadt wie Schanghai. Da ist mir das bisserl Spießige einfach lieber.

SZ: Wie steht es denn um die soziale Gerechtigkeit in der Stadt? Die Innenstadt wird immer mehr zur Luxusinsel.

Hildebrandt: Das war eigentlich immer so. Es gibt zwei Bevölkerungen in München, die in der Adventszeit auf dem Marienplatz zusammentreffen: Die eine kommt aus der Theatinerstraße mit den großen Paketen, die andere aus der Kaufingerstraße mit den kleinen Beuteln - beides furchtbar. Schlimm ist auch, dass es in München zum Beispiel keine Maler mehr gibt. Früher waren lauter Ateliers in Schwabing. Dort war Faschingszeit, da war Leben! Heute ist Schwabing tot. Warum? Die Leute, die die Räume vermietet haben, sind gestorben, und ihre vier bis fünf Kinder bilden jetzt die gefürchtete Erbengemeinschaft. Die wollen nur Rendite. Wir sind mit der Lach- und Schießgesellschaft um ein Haar der Entmietung entkommen. Löwenbräu hat uns damals gerettet. Aber die kleinen Läden - alle weg! Jetzt sind überall Konzerne wie McDonald's drin. So wird Schwabing langsam entschwabingt. Und es gibt keinen Ersatz.

Gauweiler: Was Sie da eben beschrieben haben, war eine neue Kommerzgeneration: Gier frisst Hirn. Aber das Ganze geht ja noch weiter - nur in einer höheren Etage. Weil: Wem gehört denn jetzt Löwenbräu? Und mit dem Prozess des Shareholder-Value-Globalisierungs-Gaunertums machen sich doch überall namenlose Heuschrecken breit. Familienunternehmen gibt es immer weniger. Und da, wo wir früher am heftigsten gestritten hatten, über die staatsbayerische Energiepolitik, die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, Bayernwerk und Bayerngas - wo sind sie? Es gibt sie nicht mehr. Sie sind verschwunden, gekauft von Namen, die schon keiner mehr weiß. Viag? Ist jetzt ein Bestandteil von Eon, irgendwo in Düsseldorf. Hat mit Bayern nichts mehr zu tun.

Hildebrandt: Das Problem ist, dass ein großer Arbeitgeber sich heute nicht mehr für seine Arbeiter interessiert. Er kennt sie gar nicht. Früher ist der Unternehmer, Grundig oder wie sie alle hießen, persönlich durch die Fabrik gegangen. Der kannte seine Leute und hat sie nicht einfach so entlassen können. Er wollte das auch nicht.

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  1. "Wo die Freunde sind, bin ich zu Hause"
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