Das Viertel rund um den Gärtnerplatz ist zum wichtigen Szenetreff geworden. Ein Spaziergang.
Das Leben kann so anstrengend sein. Vor allem als Frau in der großen Stadt. Geht man allein in eine Bar oder Kneipe, erntet man mitleidige Blicke, die signalisieren: Du hast wohl keinen abgekriegt. Oder, was noch schlimmer ist, einer dieser Vorstadt-Casanovas hofft, mit spannenden Sprüchen wie: Kennen wir uns nicht irgendwoher? an diesem Abend nicht allein nach Hause gehen zu müssen.
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Lizard Lounge (© Rath)
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Und nun ist wieder einmal einer dieser Freitagabende, an dem die besten Freunde zuhause sitzen und ihre Kinder hüten. Die vielen guten und weniger guten Bekannten sind im Theater, auf einem Fest oder zu müde, um auszugehen.
Was also tun? Sich auf die Couch kuscheln und Fernsehen gucken? Also doch allein losziehen. Irgendwohin, wo Frauen nicht belästigt werden. Es gibt Menschen, die behaupten, das Gärtnerplatzviertel sei für derlei Unternehmungen besonders geeignet. Mal sehen.
Erste Station an diesem Abend muss ein Lokal sein, in dem man auch etwas zu essen bekommt - die Grundlage für eine lange Nacht. Vielleicht im Rincon in der Rumfordstraße? Das ist doch immer voller schöner Menschen, die alle so aussehen, als seien sie hier, um bewundert zu werden.
Im Designmuseum
Ohne Reservierung ist allerdings diesmal nichts zu machen. Und außerdem: Das Restaurant eignet sich angesichts der vielen Pärchen und Cliquen für eine Frau, die alleine unterwegs ist, allenfalls zum Frühstücken.
Also weiter ins Pacific-Times, ein angenehmer Laden an der Baaderstraße mit Südseeflair. Aber es gibt nur noch Plätze an der langen Bar, der Essbereich mit den gemütlichen Korbstühlen ist voll.
Also ins Lux in der Reichenbachstraße. Die Einrichtung könnte aus einem Siebziger-Jahre-Designmuseum stammen: bunte Kleeblattmuster an der Wand, in türkis, grün, orange und braun; davor schwarze Lederbänke und eine schlichte Bar aus Holz.
Die Auswahl der Speisen - von Entenleber mit Preiselbeeren bis hin zu Dorade rosé mit Blattspinat - sowie das Wein- und Cocktailangebot sind in Ordnung. Und an dieser Bar gibt es keine dummen Anmachsprüche - allenfalls nette Gespräche über Gott und die Welt.
Zum Beispiel mit einem 33-jährigen Fotografen, der direkt ums Eck lebt und sich gerade von seinen Freunden im Baader-Café (seit 16 Jahren Kult bei allen, die sich für intellektuell halten) verabschiedet hat. Er hat noch einen Tipp: "Der Ksar Club in der Müllerstraße."
Die Amüsiermeile
Es ist mittlerweile kurz vor zehn. Das Ksar ist brechend voll. Der DJ spielt Lounge-House-Sound, und die Gäste überbieten sich im coolen Schick. Doch so empfehlenswert diese Mischung aus Club und Bar auch ist: Wer es am Wochenende nicht schafft, vor 21 Uhr einzulaufen, wird keinen Platz mehr finden.
Zur Abwechslung geht's nun mal in die Klenzestraße - auf ein Glas Weißwein ins Morizz. Vielleicht ist ja hier zu erfahren, warum sich Frauen im Gärtnerplatzviertel so wohl fühlen.
Ricci Scholze, einer der beiden Geschäftsführer, ist ein großer, schlanker Typ mit kurzen hellbraunen Haaren, der laufend von Frauen und Männern mit den Worten angesprochen wird: "Mann, du siehst so gut aus heute Abend, wirklich."
Scholze lebt seit 20 Jahren in dieser Gegend, die früher als reines Schwuleneck galt. "Die Schwulen haben ja erst in den Achtzigern begonnen, sich zu outen. Das war eine Zeit, in der man sich zunächst nur im Glockenbachviertel traf."
Irgendwann später, vielleicht vor zehn Jahren, sei die Szene auch an den Gärtnerplatz "geschwappt". Vor etwa drei Jahren habe sich die Gegend nun zur Amüsiermeile auch für Heteros gemausert.
"Schwabing - alter Hut, Haidhausen - na ja. Und außerdem: Schwule sind offen und liberal. Und es geht bei Schwulen nie ohne Frauen. Die fühlen sich einfach wohler bei uns als in irgendwelchen Machoecken." Und Ende der Neunziger hätten hier viele traditionelle Lokale zugemacht.
Für alle jenseits der 20
Gleichzeitig stellte sich für die Kneipiers des Kunstparks die Frage, wie lange sie noch in der Grafinger Straße verweilen können. "Viele, sogar Nicht-KPO-ler, haben sich deshalb ein zweites Standbein gesucht, etwas, was auch mal für Publikum jenseits der 20 geeignet ist, und es hier gefunden," sagt Scholze.
Im Park Café next door an der Ecke Klenzestraße / Fraunhoferstraße ist das erste, was auffällt, das plüschige Ambiente. Die Wände sind in rotes Tuch eingeschlagen, die Sitzmöbel sind schwarz, an der Decke hängen Kronleuchter, überall Kerzenlicht.
Aus den Lautsprechern tönt Club-Culture-Musik. An der Bar, direkt vor einer goldenen Schaufensterpuppe, sitzt eine Dame so um Mitte fünfzig, neben ihr ein junger Mann, Typ Generation Golf. "Mein Mann feiert heute seinen 60. Geburtstag, mit seinem Bruder! Nicht mit mir - dabei bin ich doch seine Frau", sagt sie.
Der junge Mann zeigt Verständnis und spendiert ein Glas Rotwein. Ganz hinten, in einem durch einen Vorhang abgetrennten Separee, knutscht junges Glück.
Daneben feiert eine Start-Up-Firma ihr zweijähriges Überleben. Überhaupt: Partys mit bis zu 300 Gästen - beispielsweise die erste Absinth-Party der Stadt - sind der Grund, warum es diese Bar gibt. Ursprünglich war sie nämlich als reine "Event-Location" konzipiert.
Kurz nach Mitternacht, Zeit für ein Kontrastprogramm: ein Versuch im Ododo, eine kleine Bar mit Clubatmosphäre, aber da drängt gerade viel Jungvolk hinein, also in die Aloha Bar in der Corneliusstraße. Wer glaubt, hier Hawaiihemden und Piña Colada zu finden, der irrt.
Die Einrichtung ist zwar aus Bambusrohr. Doch die Musik hat keinen Südseecharme: Man hört Punk, Psycho, Independent - schrille Töne. "Clubbiger" geht es dann ein paar Häuser weiter zu, in der Lizard Lounge.
Am Eingang steht eine Mittzwanzigerin: "Wir haben nur Frauen als Türsteher, das ist charmanter", sagt sie. Den Zutritt zu den Sitzwürfeln und Sofas erhält jeder - es sei denn, die Bar ist voll oder der Gast betrunken.
Die Stimmung unter den Leuten hier ist flippig, jeder spricht mit jedem, es wird geflirtet, gelacht, getanzt. Ein Ort, der zum Bleiben einlädt - vielleicht wegen der sphärischen Klänge, die entspannend wirken. Sogar nette Konversation gelingt.
Doch die Neugier siegt. Das Hit the Sky muss einfach noch sein. Die einen loben es in den Himmel, die anderen verspotten es als Laden für Wichtigtuer, die in der Werbebranche oder als Hairstylisten arbeiten.
An diesem Abend ist von denen jedenfalls nichts zu merken. Allerdings: Allein als Frau sollte man heute hier nicht sein. Was will man aber auch um drei Uhr morgens erwarten?
Man sollte vielleicht einmal früher wiederkommen. Und dann vielleicht noch ins Fraunhofer, ins Holy Home, ins Padres, in die Tankstelle oder wohin auch immer gehen.
Kneipenhopping ist zwar anstrengend, aber nach einer Nacht im Gärtnerplatzviertel ist klar: Hier macht es Spaß.
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