Fußgänger wollen Straßen zurückerobern Auf dem Vormarsch

Probelauf an der Isar: Wolfgang Püschel, Rainer Schießler, Helmut Gottschling, Benjamin Davids, Sabine Nallinger und andere auf der Steinsdorfstraße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Fußgänger wurden von den Verkehrspolitikern lange vernachlässigt, nun versuchen Aktivisten in München, die öffentlichen Plätze und Straßen zurückzuerobern. An der Isar soll an Wochenenden die Straße zum Boulevard werden.

Von Christian Mayer und Marco Völklein

Am Donnerstagabend haben sie schon mal geprobt, sie haben sich gewissermaßen dem Strom entgegengestemmt - und das Resultat war erwartbar und schrill: ein Hupkonzert vor der St.-Lukaskirche am Mariannenplatz. Stadtpolitiker, Urbanauten, Umweltaktivisten und die Pfarrer der beiden Isar-Gemeinden, Rainer Schießler von St. Maximilian und Helmut Gottschling von St. Lukas, wollten auf Einladung des Arbeitskreises Isarlust demonstrieren, wie man in aller Seelenruhe die Steinsdorfstraße Richtung Isar überqueren könnte. Im Münchner Feierabendverkehr, wenn die Ampel umschaltet, führt das unweigerlich zu erregten, auch zornigen Reaktionen der Autofahrer.

Der Probelauf hatte aus Sicht der Teilnehmer vor allem einen Zweck: Er sollte zeigen, dass sich in München etwas bewegt. Fußgänger wollen sich Straßen und öffentliche Plätze zurückerobern. Schon in diesem Sommer wollen sie ein Zeichen setzen: mit einem temporären Fußgänger-Boulevard an der Isar, wo täglich bis zu 37 000 Autos fahren. Benjamin David, Sprecher der Urbanauten, ist optimistisch, die Idee bereits an einem Wochenende im Juni und dann im gesamten August realisieren zu können.

Notwendig wäre dazu allerdings ein Stadtratsbeschluss; einen entsprechenden Antrag für eine temporäre Straßenumwidmung haben die Grünen bereits eingereicht. In der Sitzung vom 8. Mai wird sich der Planungsausschuss damit befassen, im Juni tagt der Stadtrat. "Es ist toll zu erleben, wie eine Idee endlich reif und wohl auch bald Realität wird", sagt David.

Eines haben die Aktivisten schon jetzt erreicht: Das Thema Entschleunigung, die zu einer "Renaissance des öffentlichen Raumes" führen soll, ist zurück auf der Tagesordnung der Lokalpolitik. Die OB-Kandidaten Dieter Reiter (SPD), Josef Schmid (CSU) und Sabine Nallinger (Grüne) haben bereits ihre Unterstützung für das Modellprojekt zugesagt, wobei Wirtschaftsreferent Reiter eine Einschränkung macht: Falls der temporäre Isar-Boulevard kommt, dürfe es deshalb zu keinem Verkehrschaos kommen - eine Befürchtung, die Anwohner im Lehel haben, wie der Vorsitzende des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel, Wolfgang Püschel, sagt: "Ich fände es viel konsequenter und besser, an Wochenenden im Sommer die komplette Innenstadt innerhalb des Altstadtrings für den Autoverkehr zu sperren."

Die Idee, zentrale Plätze und Straßen in München für Autos zu sperren, ist übrigens keineswegs neu: Bereits 2007 wollte der Bezirksausschuss Maxvorstadt eine temporäre Durchfahrtssperre am Königsplatz durchsetzen - allerdings ohne Erfolg. "Ohne konkreten Anlass (kulturelle Veranstaltungen, Straßenfeste etc.)" sei dies rechtlich nicht möglich, begründete das Planungsreferat die Absage.

"Jetzt müssen wir auch mal zur Tat schreiten"

Am weitesten prescht nun die grüne OB-Kandidatin Sabine Nallinger vor - für sie ist der Isar-Boulevard erst der Anfang. "Wir machen ein Rechts- und Verkehrsgutachten nach dem anderen. Jetzt müssen wir auch mal zur Tat schreiten und es einfach ausprobieren!" Sollte es wider Erwarten zu einem Verkehrschaos im Lehel kommen, "müssen wir eben nachjustieren". Vorbilder für eine solche Fußgänger-Offensive gebe es bereits: Städte wie Paris, aber auch Barcelona oder Madrid "geben auf diese Weise den Menschen Platz und Lebensqualität zurück."

Einen Schub für ihre Fußgängeroffensive erhoffen sich die städtischen Planer von der Konferenz "Walk 21", die vom 11. bis 13. September in der Alten Kongresshalle auf der Schwanthalerhöhe stattfinden wird. Mehr als 500 Fachleute, Stadtplaner und Verkehrspolitiker aus aller Welt werden erwartet. Zum Programm gehören rund 100 verschiedene Vorträge, Exkursionen und Workshops. Planer aus London, Brüssel, Zürich und Berlin, die bei der Fußgängerförderung weiter sind als München, werden von ihren Erfahrungen berichten. Zudem ist geplant, dass sich auch die Münchner beteiligen können. Erste Ideen sind unter anderem ein "Sigi-Sommer-Walk" auf den Spuren des einstigen Abendzeitungs-Kolumnisten sowie ein "Barfußpark" auf dem Freigelände vor der Kongresshalle.

Zu Fuß gehen ist zwar die älteste und umweltfreundlichste Form der Mobilität. In der Stadtplanung allerdings wurden Fußgänger lange vernachlässigt. Auch wenn seit den Siebzigerjahren in immer mehr Städten Fußgängerzonen entstanden - noch immer müssen Fußgänger vielerorts große Straßen durch dunkle Unterführungen queren. Oder Plätze sind so vom Autoverkehr umtost, dass ein Aufenthalt dort kaum möglich ist. Mit einem Anteil von 28 Prozent am Gesamtverkehr liegen die Fußgänger in München zwar nicht schlecht. Ziel der Verkehrsplaner ist es aber, diese Zahl weiter zu steigern. Dazu müssten Straßen und Plätze aber so gestaltet werden, dass sie dazu einladen, auch längere Wege zu Fuß zu absolvieren. Auch ein Fußgängerleitsystem wünschen sich die Planer, das nicht nur zeigt, in welche Richtung man gehen muss, sondern auch, wie lange ein durchschnittlicher Läufer dafür benötigt. All das wird Thema werden auf der Walk 21-Konferenz.