Siegesfeier unter freiem Himmel: Volle Biergärten, Jubel im Olympiapark und auf der Leopoldstraße.
Bikinis in Schwarz-Rot-Gold, fröhliches Zechen in Schwabing, Bildschirm an Bildschirm in den Straßencafés: Obwohl das Spiel um den ersten Platz in der WM-Gruppe A noch zur Arbeitszeit ausgetragen wurde, stand die Stadt im Bann des deutschen 3:0-Sieges. Pech hatten nur jene, denen ihr Chef das Zuschauen untersagt hatte - wie im Kreisverwaltungsreferat und bei BMW. Andere Firmen stellten sogar Großbildleinwände auf.
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Die "Deutschland!"-Rufe sind schon vor dem Anpfiff zu hören und die Biergärten bereits am Mittag gefüllt mit gespannten Fußballfans. Allein am Chinesischen Turm verteilen sich viele hundert Zuschauer vor einer Großleinwand. Längst nicht alle finden Plätze.
"Zum Glück hatten wir heute um zwei Uhr Dienstschluss," sagt Nicki Nachtigall. "Aber auf unserer Station laufen natürlich auch die Fernseher", berichtet die 24-jährige Krankenschwester von der Chirurgischen Klinik in der Nußbaumstraße. "Bei uns läuft momentan sowieso nichts in der Arbeit," erzählt Sandra Zimmermann, Requisiteurin bei einer Filmproduktionsfirma, "weil es in München während der WM eine Drehsperre gibt."
Auch der Flaucher ist voll belegt. Dort ist eine Blondine im schwarz-rot-goldenen Bikini inmitten der männlichen Besucher der Blickfang. Viele Fans haben sich einen Platz reservieren lassen, so dass sie erst kurz vor Spielbeginn kommen müssen. Als die Deutschen ihre Tore zum 3:0 schießen, stört eigentlich nur eines: die Sonne. Sie trübt den Blick auf die Leinwand.
Bildschirm an Bildschirm
Auf der Leopoldstraße reiht sich Bildschirm an Bildschirm; die Münchner verfolgen das Spiel unter freiem Himmel. Schon beim 1:0 in der vierten Minute durch Klose übertönt ein kollektiver Aufschrei den ohnehin spärlich fließenden Verkehr. An vielen Bars und aus vielen Fenstern hängen Fahnen der WM-Teilnehmer. Die Stühle in den Straßencafés sind alle von Fußball-Fans besetzt. Gleich nach dem Abpfiff, als die Massen aus den Lokalen und von den Großleinwänden gen Schwabing strömen, wird die Leopoldstraße gesperrt.
Eine halbe Minute nach Spielende ist der Boulevard schon voll jubelnder Menschen. Fans singen und schwenken schwarz-rot-goldene Farben. "Sehr positiv" findet es Polizeisprecher Wolfgang Wenger, dass bei dieser WM die Autokorsos ausfallen: "Feiernde Fußgänger und fahrende Autos, das passt nicht." Gut 800 Beamte sorgen für die Sicherheit der Fans.
Der Einlass zum Fan-Park auf dem Olympiagelände klappt reibungslos. Wegen der frühen Uhrzeit ist es aber nicht ganz so voll wie sonst. Niemand muss draußen bleiben. "Die Männer in die Mitte, Frauen auf die Randbereiche verteilen", ruft ein Ordner vor der Einlassschleuse mit bereits angeschlagener Stimme. Alle folgen und kommen zügig aufs Gelände. Unmut gibt es nur über die Regelung, dass nur Halbliterflaschen mitgenommen werden dürfen.
Taschengeld mit Pfandflaschen aufbessern
Ein Markt für Sammler übrigens. "Jeden zweiten Tag stehe ich hier und sammle ein, was die Leute vor der Schleuse an Flaschen wegschmeißen", erzählt Katharina. Die Rentnerin aus Fröttmaning verdient sich so etwas hinzu: "Unter 20 Euro gehe ich hier eigentlich nie raus."
Auf der Fan-Meile im Olympiapark trinken sich derweil die Menschen ungestört in Laune. Christian Krumbachner und Johannes Würnstel sind aus Altötting angereist. "Für Deutschland haben wir uns freigenommen", sagt Würnstel grinsend. Die Altöttinger stimmen sich hier auf das morgige Spiel Serbien gegen Elfenbeinküste ein, das sie live im Münchner Stadion erleben werden.
"Wir werden Weltmeister", sind sich die jungen Männer nach der überzeugenden Vorstellung der Klinsmann-Elf sicher. Sie spielen selbst begeistert Fußball - im TSV Feichten. Beim 1:0, 2:0 und 3:0 prosten sie sich heftig zu. So macht Fußballschauen natürlich Spaß.
In der Masse lassen sich immer wieder versprengte blau-gelb-rote Farben ausmachen. Die Ecuadorianer halten ihrer Mannschaft trotz des aus ihrer Sicht unerfreulichen Spielverlaufs munter die Fahne. Jonathan Borja und Juan Teran sind extra aus Wien angereist. "Karten haben wir leider keine bekommen, aber die WM-Stimmung kann man nur in Deutschland richtig erleben und genießen." Und eine Runde weiter ist ihr Team ohnehin.
(SZ vom 21.6.2006)
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