Von Mammendorf nach Abu Dhabi An stählernen Seilen

Viel Glas, eine Neigung von 50 Grad und große Hitze - das sind die Herausforderungen für die Mitarbeiter des Maschinenbau-Unternehmens Manntech. Mit einem weltweit einzigartigen System ermöglicht die Mammendorfer Firma das Fensterputzen an den Foster-Towers in Abu Dhabi

Von Erich C. Setzwein

Vom Dach des neuen Zentralmarkts an der Hamdan-Bin-Mohammed-Straße in Abu Dhabi geht es gut 273 Meter in die Tiefe. An eine geregelte Arbeitszeit wie im heimatlichen Mammendorf denkt der Mitarbeiter der Firma Manntech GmbH derzeit nicht. 45 bis 50 Grad heiß ist es tagsüber, berichtet er aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Bayern. Die Kollegen im Werk an der Mannesmannstraße setzen einen Blick des Bedauerns auf, bei ihnen geht die Temperatur dieser Tage gerade mal in die zwanziger Grade. Doch in wenigen Wochen wird auch einer von ihnen, Richard Horkovy, die Hitze im Emirat spüren, wenn er auf dem noch höheren Zwillingsturm mit 382 Metern bei der Montage des von ihm konstruierten Fassadenlifts dabei sein wird.

Um die schrägen Dächer der Glastürme von Norman Foster in Abu Dhabi zu simulieren, wurde im Gewerbegebiet von Mammendorf eine spezielle Konstruktion errichtet.

(Foto: Günther Reger)

Es sind nicht irgendwelche Hochhäuser, die an der Stelle des alten Souks von Abu Dhabi stehen, es sind zwei Türme aus dunklem Glas, die der Architekt Norman Foster erdacht hat. Inspiriert von der traditionellen Architektur, sollen die Gebäude den Marktplatz als zeitgenössischen Komplex mit unterschiedlicher Nutzung darstellen, schreibt Foster auf seiner Homepage. So einfach und doch so komplex. Ursprünglich sollten es drei Türme werden, doch auch in Abu Dhabi spürte man die Wirtschaftskrise, sodass ein Gebäude auf nur wenige Stockwerke reduziert wurde. Deshalb spricht man dort wie auch in Mammendorf nur von "Tower 2" und "Tower 3", den beiden verglasten Türmen mit jeweils 88 Stockwerken. Tower 3 mit 273 Metern, der Büroturm, und Tower 2 mit 382 Metern, in dem Hotels und Apartments untergebracht sind, stehen bereits, nur die Anlage, mit der die Fensterputzer einmal auf und ab fahren und die Flecken von Seeluft und Wüstenwind beseitigen sollen, die wird noch aufgebaut.

Vor drei Jahren hat Manntech-Geschäftsführer Erich Dinkler den Auftrag aus dem Emirat an Land ziehen können. Nur die Ideen aus seiner Firma erfüllten die komplexen Anforderungen, die die Hochhausbauer an das sogenannte Fassadenbefahrsystem stellten. Dabei handelt es sich wie bei fast jedem System zwar um einen Kranausleger, der auf Schienen auf dem Dach hin- und herfahren kann und an einem Kran einen Korb für zwei Fassadenreiniger hängen hat. Aber die Dächer des Aldar Central Markets sind schrägt, 50 Grad Neigung, total verglast. Hinzu kommt, dass das Schienensystem gleichzeitig als eine Art Ornament auf dem Dach sichtbar und die Liftkrane unsichtbar sein sollten, wenn sie nicht benötigt werden. Es lag also eine Menge Tüftelarbeit vor Horkovy, als er mit der Arbeit begann. Auf Flachdächern waren solche Konstrukte für ihn kein Problem, hat der Maschinenbau-Ingenieur doch in den vergangenen sieben Jahren bei Manntech etwa 20 Anlagen geplant.

Die extreme Schräge aber und die Sonderanforderungen stellten die großen Herausforderungen dar. Zwei Befahrsysteme pro Hochhaus sind nötig, je eine Schienenstrecke misst etwa 100 Meter, die gut zehn Tonnen schweren Geräte ziehen an den Schienen. Horkovy plante deshalb vier Bremsen ein, wo normal eine genügen würde, er ließ einen Motor mehr einbauen - nur zur Sicherheit. Zusammen mit den Zahnradschienen liegt das Komplettgewicht bei 300 Tonnen - ein weltweit einzigartiges System, wie Geschäftsführer Dinkler bei der Präsentation in Mammendorf stolz anmerkt. Und auch das Auftragsvolumen ist mit 16 Millionen Euro ein Ausnahmebetrag. Einzigartig ist selbst der Teststand, der auf dem Firmengelände gebaut werden musste. 65 Tonnen Stahl wurden verschraubt, um das schräge Dach von Abu Dhabi im Gewerbegebiet Kugelfang zu simulieren. Auf die Konstruktion wurde ein Teil der Schiene aufgebracht - inklusive einer Weiche, über die das Fahrgerät in seine Garage gebracht wird, wenn die Fensterputzer mit ihrer Arbeit fertig sind.

Für maximal 80 Grad Hitze hat Robert Horkovy die Systeme ausgelegt. Der Stahl vertrage das leicht, die Elektronik aber nicht so gut. Deshalb wird sie von Klimaanlagen in den Schaltschränken kühl gehalten. Wenn der Korb, in dem sich höchstens zwei Menschen aufhalten dürfen, an der Glasfassade auf- und abschwebt, so ist das wörtlich zu verstehen. Nur 3, 8 Meter pro Minute bewegt sich das Gerät am Haus entlang, in gut einer halben Stunde Fahrt haben die Reiniger dann etwa ihre Hälfte eines Geschosses befahren und damit auch sauber, ebenso ihre Kollegen auf der gegenüberliegenden Seite. Danach geht's ein paar Meter tiefer, die Prozedur beginnt von Neuem. Bedient wird der Lift vom Arbeitskorb aus, die Arbeiter können von der Dachkante bis zum Erdgeschoss hinabfahren - und wieder hinauf, wenn sie die Geräte parken müssen.

Der Korb hängt, wie bei allen anderen Geräten auch, die Manntech seit fast 60 Jahren baut, an zwei Stahlseilen, am Traggestell befindet sich ein Windmesser. Immer, wenn eine bestimmte Windstärke erreicht wird, setzen ein akustischer Alarm und eine Signalleuchte ein, dann wird es Zeit zum Auf- und Ausstieg. "Eine Automatik gibt es nicht, das wäre zu gefährlich", erläutert Horkovy die Technik. Alles soll von Hand bedient werden können, es liegt in der Verantwortung des Personals, wann sie wegen Wind und Wetter ihre Arbeit beenden.

Mehr als 8000 dieser Fassadenbefahrsysteme hat Manntech nach eigenen Angaben in seiner Firmengeschichte hergestellt, bis 1999 unter dem Namen Mannesmann und nach der Zerschlagung des Konzerns als Manntech - zusammengesetzt aus Mannesmann und Technologie. "Es ist eines der wenigen Mannesmannunternehmen, das es heute noch gibt", sagt der geschäftsführende Gesellschafter Dinkler, einer der beiden jetzigen Eigentümer. 2002 zog die Firma von ihrem damaligen Sitz mitten in Olching bei München ins wenige Kilometer entfernte Mammendorf auf die grüne Wiese. Dort macht die GmbH einen Jahresumsatz im zweistelligen Millionenbereich. Außer diesem bayerischen Standort beschäftigt man in der Unternehmensgruppe rund 200 Mitarbeiter in den Niederlanden, den USA, Australien, Hongkong und eben auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Dort, am Golf, werden bis Ende des Jahres die aus 120 Einzelsegmenten bestehenden Schienen mit einem Gewicht von etwa 230 Tonnen ankommen. Zusammen mit zwei Weichen zu je 15 Tonnen und etwa 1900 großen Schrauben "M30", die das Ganze halten sollen. Vielleicht wird sich ein wenig kühle Luft aus Bayern im Container halten. In Abu Dhabi finden die Monteure extreme Bedingungen vor. Morgens und abends könne man ein paar Stunden arbeiten, heißt es, an eine Schicht unter der sengenden Sonne sei nicht zu denken. Von einer Erfrischung in fast 400 Meter Höhe können die Arbeiter nur träumen, obwohl sie sie direkt vor sich hätten. In der Dachmitte, berichtet Dinkler, sei unter dem Glasdach ein Swimmingpool eingebaut.