Tafeln Zuteilung nach dem Alphabet

Tafelläden im Landkreis versorgen immer mehr bedürftige Menschen. Die Ausgrenzung von Flüchtlingen wie in Essen lehnen sie jedoch ab. Damit die Ware für alle reicht, haben sie sich andere Lösungen überlegt

Von Ekaterina Kel, Fürstenfeldbruck

Immer mehr Bedürftige im Landkreis nehmen die Hilfe der Tafeln in Anspruch. Vor allem die Zahlen der Rentner und Flüchtlinge, die die vier Tafeln des Landkreises aufsuchen, steigen. Dies bestätigen Angaben der Bürgerstiftung für den Landkreis Fürstenfeldbruck, die die Einrichtungen in der Kreisstadt Fürstenfeldbruck, in Olching, Maisach und Puchheim unterhält. Auch die Angaben der Germeringer Tafel, die seit mehr als einem Jahr selbständig verwaltet wird, sind eindeutig. Doch keine der Tafeln hat bestimmte Kundengruppen ausgeschlossen, wie es vor etwa zehn Tagen der Chef der Tafel in Essen verkündete. Er akzeptiert zur Zeit keine Ausländer mehr, nur noch Bedürftige mit deutschem Pass bekommen dort Spenden. Der Essener Fall hat bundesweit für Debatten gesorgt, sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte die dortige Entscheidung. Die Leiter der Tafeln im Landkreis Fürstenfeldbruck halten den Ausschluss von Ausländern ebenfalls eindeutig für eine falsche Vorgehensweise.

"Wir unterscheiden nicht zwischen Einheimischen und Flüchtlingen", sagte auf Anfrage Elisabeth Weller vom Vorstand der Bürgerstiftung, die für die Tafeln zuständig ist. "So rigoros kann man Tafelkunden nicht in zwei Gruppen aufteilen." Bei den vier Tafeln, die sie betreut, wird nur nach dem Bedürftigen-Ausweis gefragt, nicht nach einem deutschen Pass. Einen entsprechenden Ausweis bekommt man, wenn man Arbeitslosengeld II bezieht. Auch anerkannte Flüchtlinge bekämen vom Jobcenter die Berechtigung zum Arbeitslosengeld II, weiß Weller, somit hätten sie die gleiche Berechtigung auf einen Bedürftigen-Ausweis, wie Menschen mit einem deutschen Pass.

Die Tatsache, dass die Tafeln des Landkreises zwischen Einheimischen und Ausländern nicht unterscheiden, mache es im Übrigen unmöglich, eindeutige Zahlen zu nennen, so Weller. Die Angaben der Leiter der einzelnen Tafeln vor Ort basierten also auf Beobachtung und Erfahrung. Weller selbst war jahrelang Leiterin der Tafel in Puchheim. "Es gibt eine kontinuierliche Steigerung, aber nicht signifikant", sagt sie. Zur Zeit versorge man in den drei Tafel 550 Erwachsene und 400 Kinder, in Bruck seien die meisten Kunden. Im Jahr 2016 gab es dort im Januar 385 Abholer und im Dezember 592.

Wenn Kapazitäten knapp werden sollten, sei es an Raum, an Helfern oder an Ware, gebe es andere Lösungen, als alle Ausländer auszuschließen, findet Weller. Dann müsse man eben einen allgemeinen Aufnahmestopp verkünden und bedürftige Menschen auf die Warteliste setzen. Es ziehe immer wieder jemand weg oder finde einen Arbeitsplatz und sei nicht mehr auf die Spenden der Tafel angewiesen. Im Moment seien solche Maßnahmen im Landkreis gar nicht nötig. Die Zahlen steigen zwar, man käme damit aber zurecht. "Es ist jetzt nicht so, dass wir Hilfe schreien", sagt Weller.

Wie lässt sich das Essen fair auf alle Bedürftigen verteilen? Eine Möglichkeit, mit den Herausforderungen umzugehen, zeigen die Brucker Tafeln.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Nur ein einziges Mal musste bisher ein Aufnahmestopp verhängt werden - in Puchheim, wo auch Bedürftige aus Eichenau versorgt werden. Eine Lösung wurde schnell gefunden: Die Menschen wurden zufällig in Gruppe A und Gruppe B aufgeteilt. Nur ein bisschen habe Weller geguckt, dass in beiden Gruppen ungefähr gleichviele große Familien und Einzelne vertreten waren. Seitdem bekomme man in Puchheim nur alle zwei Wochen etwas bei der Tafel, je nachdem, ob man zur Gruppe A oder B gehöre.

Konflikte, wie es wohl welche in Essen gab, gebe es auch im Landkreis immer wieder an der Ausgabe oder beim Warten. "Es ist eine Situation mit viel Konfliktpotenzial, da kann schon mal Neid aufkommen", bestätigt Weller. Mit 30 Leuten in der Schlange stehen und auf Essen warten, mache ja auch keinen Spaß, betont sie. An den Konflikten seien aber nicht nur Flüchtlinge beteiligt, Deutsche habe Weller auch schon mal verweisen müssen. Ein Tafelleiter müsse eben für Ordnung sorgen.

Das findet auch Lidija Bartels, Leiterin der Brucker Tafel. Die Entscheidung des Essener Tafelchefs Jörg Sartor zeuge von Chaos-Zuständen, sagt sie. "Er hat wohl überhaupt keine Organisation gehabt." Bei ihr wäre so etwas überhaupt nicht infrage gekommen - und auch gar nicht nötig, so die Leiterin. "Bei uns ist es extrem straff durchorganisiert". Es gibt ein Farbsystem mit Karten, das die Kunden nach Gruppen einteilt, die dann im Halbstunden-Takt kommen können.

Bartels Angaben zufolge sind 60 Prozent der Tafelkunden in Bruck Rentner. Insgesamt machten anerkannte Flüchtlinge etwa ein Drittel aus. Unter den restlichen zwei Dritteln seien Einheimische und Menschen aus Griechenland, Türkei oder Italien, die seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland lebten. Von der Trennung in Deutsche und Ausländer halte sie nichts. "Ich finde, das ist ein fatales Signal in der heutigen Zeit", sagt Bartels. Dass solch "braune Gesinnung" ganz ohne Scheu geäußert werden könne, mache sie sprachlos.

Mitarbeiterinnen befüllen die Regale der Germeringer Tafel an der Planegger Straße. Nur sechs Kunden auf einmal haben darin Platz.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Eindeutiger als bei den Tafeln der Bürgerstiftung sehen die Zahlen der Germeringer Tafel aus. Die Zahl der Tafelkunden habe sich von etwa 500 auf etwa 1000 Bedürftige verdoppelt, berichtet der Leiter Jürgen Quest. Mehr als 670 Erwachsene und 330 Kinder registrierte er im vergangen Jahr. Dieses Jahr seien es zwar noch wegen Wegzügen etwas weniger, "aber wir kommen schon wieder auf Tausend, da bin ich mir sicher", sagt Quest. Wöchentlich stellt er im Schnitt einen bis eineinhalb neue Ausweise aus. Und auch in Germering sind es vor allem Rentner und Flüchtlinge, die die Zahlen der Bedürftigen in die Höhe treiben. 75 bis 80 Prozent der Kunden in Germering seien Flüchtlinge. Das Verhältnis habe sich komplett gewendet, "früher waren es 75 Prozent Einheimische". Quest helfen bei der Einschätzung die Adresseinträge der Bedürftigen. Da sehe er gleich, wenn jemand aus der Asylunterkunft an der Industriestraße komme.

Er ist das Problem pragmatisch angegangen: Die Menschen, deren Nachnamen mit den Buchstaben von A bis K anfangen, kommen in einer Woche. Und alle anderen im Alphabet in der Woche darauf. Auch Quest räumt ein, dass es bei ihm im Laden gelegentlich zu Unstimmigkeiten komme. Früher auch mit Menschen aus dem Irak oder Afghanistan. Inzwischen, so Quast, gebe es keine Reibereien mehr zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. "Die mussten sich erst einmal akklimatisieren."

Wie die Leitung in Essen mit den steigenden Flüchtlingszahlen umgegangen sei, findet Quest, genauso wie seine Kollegen, falsch. "Ich käme nie auf die Idee, die Menschen in irgendwelche Gruppen nach Religion oder Herkunft einzuteilen und auszuschließen." Das Ziel der Tafel sieht Quest darin, Bedürftigen zu helfen, und das unabhängig davon, ob sie Einheimische oder Flüchtlinge seien. Letztere seien "Bedürftige, wie alle anderen auch".

Die Angaben der Tafelleiter stimmen in einem weiteren Punkt überein: Die Flüchtlinge, die zum ersten Mal zur Tafel kämen, wüssten oft nicht, wie das Konzept überhaupt funktioniere. "Sie werden vom Landratsamt geschickt, ohne, dass sie wissen, was das ist. Sie denken dann natürlich, das sei ein Geschäft", so Bartels. Und Weller erinnert daran, dass in den Tafelläden Ehrenamtliche arbeiten. Alles, was es dort gibt, kommt von freiwilligen Spenden.

Bartels und ihre Kollegen haben sich deshalb etwas ausgedacht, um das Unwissen vieler Flüchtlinge aufzufangen: Sie haben Plakate angebracht, auf denen auf Farsi und Arabisch erklärt wird, was die Tafel ist, wie das Essenausteilen geht und wer da arbeitet. "Das hat funktioniert."