SZ-Interview "Sprache kann verletzen"

Der Olchinger Michael Schrodi, 37, ist Deutsch- und Geschichtslehrer und leitet den SPD-Unterbezirk.

(Foto: Johannes Simon)

In einer Resolution warnt der SPD-Unterbezirk vor ausländerfeindlicher Rhetorik. Vorsitzender Michael Schrodi erklärt, wie mit Sprache Politik gemacht und Menschen manipuliert werden und wirft dem Landrat vor, Vorurteile zu schüren

interview Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck

In einer einstimmig vom SPD-Unterbezirk verabschiedeten Resolution zur Integrationskultur werden die Landkreisbewohner dazu aufgefordert, verbales Zündeln und eine ausländerfeindliche Rhetorik zu unterlassen und Flüchtlingen mit Respekt und Achtung zu begegnen. SPD-Kreisvorsitzender Michael Schrodi erläutert im SZ-Interview, warum er einen solchen Aufruf für wichtig hält.

SZ: Was hat Sie dazu gebracht, in der SPD-Resolution die Selbstverständlichkeit zu fordern, dass die Bewohner des Landkreises sich im Umgang mit Flüchtlingen um eine die Menschenwürde achtende, respektvolle Sprache bemühen sollen.

Michael Schrodi: Es ist ein Aufruf an alle Bürger. Vor allem aber an die politisch Verantwortlichen im Landkreis Fürstenfeldbruck. Es geht um Respekt. Manche Formulierungen können Menschen die Würde absprechen und verletzend sein.

Wen wollen Sie mit dieser Forderung zum Umdenken bringen? Menschen wie den Landrat Thomas Karmasin, der vor einiger Zeit Flüchtlinge aus Kosovo als "Winterurlauber" bezeichnet hat und inzwischen die wachsende Zahl von Asylbewerbern als "gesellschaftliche Katastrophe" bezeichnet, oder Landkreisbewohner, die, wie geschehen, volksverhetzende Vergleiche mit Dachau ziehen?

Es sind Politiker wie Landrat Thomas Karmasin und der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, die Ängste und Vorurteile schüren. Die Winterurlauber Karmasins und die Asylflut Schäubles sind Beispiele dafür, dass mit Sprache Politik gemacht wird. Eine Flut lässt sich nicht aufhalten. So schürt man gegenüber Menschen bewusst Ängste, die hier Schutz suchen, und gegenüber solchen Menschen, die bereits hier sind.

Wer an Karmasins Vergleich von Flüchtlingen mit Winterurlaubern oder dem Pfingsthochwasser an der Amper nichts auszusetzen hat, wird sich von der SPD sicher nicht eines Besseren belehren lassen.

Ich glaube, dass ein Teil der Bevölkerung der Aufforderung der SPD sicher nicht nachkommen wird. Mir geht es darum, die Menschen zu sensibilisieren. Politiker sollten sich genau überlegen, was und wie sie etwas sagen.

Sich um politische Korrektheit zu bemühen ist zweifellos ehrenvoll und richtig. Aber brauchen wir dann nicht eine Sprachpolizei, um festzustellen, welche Formulierungen respektlos sind und welche nicht?

Dazu reicht der gesunde Menschenverstand aus. Jemand wie der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann weiß, was er tut, wenn er in einer Talkshow sagt, "Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat". Das Wort Neger stammt aus der Zeit der Sklaverei und Rassentrennung und hat einen abwertenden Charakter. Um das zu erkennen, reicht der gesunde Menschenverstand aus. Deshalb mein Appell: es genügt, sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen, um ein menschliches Miteinander zu ermöglichen.

Wo liegt die Grenze, wann beginnt Respektlosigkeit?

Es gibt natürlich auch gesetzliche Regelungen. So wird im Grundgesetz dargelegt, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden kann, wenn andere in ihrer persönlichen Ehre verletzt werden. Aber mir geht es gar nicht um die rechtlichen Grenzen, sondern darum, die Mitmenschen im täglichen Umgang nicht abzuwerten.

Die Spaltung der Gesellschaft in der Flüchtlingsfrage ist doch nicht wegzudiskutieren. Sie drückt sich auch in der Sprache aus. Deshalb wird hier ein Konsens nur schwer herzustellen sein.

Natürlich gibt es diesen sozialen Konflikt in der Gesellschaft. Das wollen wir überhaupt nicht übertünchen. Einerseits wollen wir sensibilisieren. Andererseits ist klar, dass eine soziale Balance in der Gesellschaft nur dann zu erreichen ist, wenn eine soziale Politik gemacht wird. Dazu gehört die Teilhabe am Wohlstand für alle Menschen, die hier leben. Deshalb fordern wir in der Resolution die soziale Teilhabe der Flüchtlinge und der hier lebenden sozial schwächeren Bürger, deshalb sind wir für eine schnellstmögliche Qualifizierung und Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit und deshalb ist Schulbildung für die Jüngeren so wichtig.

Sie sind von Beruf Gymnasiallehrer und Erzieher. Das kommt in der Resolution des Unterbezirks zumindest indirekt zum Ausdruck.

Ja, ich bin Lehrer. Als Lehrer haben wir den Auftrag, in den Schulen auch über sprachliche Manipulation aufzuklären. Ich habe das gerade heute in der Schule am Beispiel des Nationalsozialismus' getan. In der heutigen Situation weiß Herr Schäuble ganz genau, was er anrichtet, wenn er Flüchtlinge mit einer Naturkatastrophe vergleicht. So manipuliert man Menschen. Insofern gibt es eine Verknüpfung zwischen meinem Lehrauftrag und meiner politischen Tätigkeit als SPD-Kreisvorsitzender.

Darf eine politische Partei erwachsenen Menschen wirklich vorschreiben, wie sie sich zu benehmen und zu sprechen haben?

Wie gesagt, wir schreiben ja nichts vor. Wir fordern nur dazu auf, sich bewusst zu machen, was Sprache anrichten kann, wie manipulativ Sprache sein kann. Sprache kann verletzen. Vom Wort zur Tat ist es dann nicht mehr weit.