Steinzeitfunde Die Sammler und Jäger von Haspelmoor

Funde zeigen, dass vor mehr als 11 500 Jahren Menschen im heutigen Landkreis lebten. Der Archäologe Robert Graf plädiert dafür, die Gegend genauer zu erforschen.

Von Manfred Amann

Pfeilspitzen und Harpuneneinsätze gehören zu den Funden im Haspelmoor.

(Foto: oh)

Seit Kreisheimatpfleger Toni Drexler 1994 in Erinnerung an ein Luftbild südlich von Hattenhofen erfolgreich nach menschlichen Spuren aus vorgeschichtlicher Zeit suchte, gibt es keinen Zweifel mehr: Am Rande des früheren Haspelsees, einem Eisrandstausee der Glazialzeit, von dem das Haspelmoor heute noch zeugt, lebten schon vor rund 11 500 Jahren Menschen. Da man bis dahin glaubte, dass die Steinzeitmenschen das Land zwischen Alpen und Donau wegen seiner Unwirtlichkeit gemieden hätten, war das eine kleine Sensation.

Der Archäologe Robert Graf, der die Funde im Rahmen seiner Dissertation geprüft und bewertet hat, ist sich sogar sicher, dass die Jäger und Sammler im Mesolithikum eine der bedeutsamsten Fundstellen ganz Südbayerns hinterlassen haben. Überdies teilt er die Auffassung des Historischen Vereins Fürstenfeldbruck (HVF), dass auch gegraben und weiter geforscht werden sollte, denn alle rund 12 700 dort entdeckten Artefakte seien Lesefunde. "Ich möchte jeden ermuntern, in diese Richtung zu denken, um den Umfang der frühen Besiedelung umfassend dokumentieren zu können", sagte Graf, nachdem ihn Vorsitzender Otto Meißner entsprechend "gekitzelt" hatte. Von den mehr als hundert Besuchern, die auf Einladung des HVF ins Veranstaltungsforum gekommen waren, gab es dafür Applaus. Der Verein will nun einen Grabungsantrag beim Landesamt für Denkmalpflege stellen. Fundstellen aus der Zeit gibt es laut Graf auch in Purk, Eismerszell und Jesenwang, aber keine sei so ergiebig wie die am Haspelmoor. Man könne davon ausgehen, dass der Standort zwar nicht dauerhaft besiedelt war, aber ständig wieder aufgesucht worden sei - und das rund 2600 Jahre lang, den Artefakten nach mit Schwerpunkt in der Früh-Mittelsteinzeit. Vermutlich, weil sich am ehemaligen Gletscherrand das passende Steinmaterial finden ließ und weil es hier zumindest im Sommer ausreichend Fische und jagdbares Wild gab, die man mit Angeln und Reußen fangen beziehungsweise mit Pfeilen und Harpunen erlegen konnte.

Laut Fritz Aneder vom HVF zählten die nomadisierenden Gruppen damals zwischen 56 und 150 Menschen und waren mit Zelten oder Jurten unterwegs. Unter den Funden sind laut Graf viele Kernsteine und Abschläge, über tausend Klingen und fast 200 Mikrolithen (steinzeitliche Kleinstgeräte), darunter längliche und trapezförmige Pfeilspitzen, scharfe Schneidklingen und Rückenmesser. Hergestellt wurden sie mit im Laufe der Zeit veränderten Schlagtechniken. Die Mikrolithen sind dabei kaum zehn Gramm schwer. "Das war echte Feinarbeit", befand der experimentelle Archäologe, der einige Techniken selbst schon ausprobiert hat. Das Steinmaterial (Silex, Quarzit, Raiolarit) stammte überwiegend von den Nordalpen und war vom Würmgletscher herangetragen worden. Man habe aber auch Schlagsteine und behauenes Material aus dem Altmühl- und dem Donautal gefunden sowie aus dem Tessin in der Nähe des Gotthardtunnels und von der Baltischen Kreideküste. "Wie das Material hierher gekommen ist, wissen wir nicht", sagte Graf, einen Handel habe es damals sicher noch nicht gegeben.

Interessant sei, dass die Menschen dem Steinmaterial offensichtlich unterschiedliche Wertschätzung entgegenbracht hätten. So habe man am Haspelmoor erstmalig festgestellt, dass abgebrochene Spitzen aus Baltischem Kreidestein zur Wiederverwendung nachbearbeitet wurden, vermutlich, weil der Stein besonders hart und daher wertvoll war. "Wir haben es hier mit ersten Ansätzen von Recycling zu tun", sagte Graf. Diese und die vielen anderen wertvollen Erkenntnisse machen seiner Meinung nach das Haspelmoor zu einem Vorzeigeprojekt für Forschungsschätze, denn es zeigt "dass es sich lohnt, Fundorte und Artefakte genau zu analysieren".