Sport Letzter Hoffnungsschimmer im Saustall

Die Existenz des SC Fürstenfeldbruck hängt nun davon ab, ob die ehemaligen Präsidiumsmitglieder, die den Verein finanziell in die Bredouille gebracht haben, Schadenersatz leisten. Damit könnte der Sportclub der Insolvenz entgehen

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Unruhig blinken die Lichter des Christbaums, den der Sportclub Fürstenfeldbruck in seiner Vereinsgaststätte aufgestellt hat. Ein bisschen sinnbildlich ist das, denn unruhig sind auch die Zeiten für den SCF. Vor drei Monaten hat er Insolvenzantrag gestellt, weil er Steuernachforderungen in sechsstelliger Höhe nicht bedienen kann. Wie es nun weitergehen soll mit dem Verein, der in zwei Jahren sein 100-jähriges Bestehen feiern würde, erläutern bei einem Informationsabend der vorläufige Insolvenzverwalter Oliver Schartl von der Münchner Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen und sein Kollege Henrik Brandenburg, ebenfalls Fachanwalt für Insolvenzrecht. Hören wollen das gerade mal zwei Dutzend Interessierte. Dabei hat der SCF, der inzwischen ein reiner Fußballverein ist, knapp 400 Mitglieder. Mehr als die Hälfte davon sind jugendliche Fußballer.

Es bleiben also reichlich Plätze frei in der Sportgaststätte. Schon die jüngste Jahreshauptversammlung Ende April war von ähnlich wenigen Mitgliedern besucht worden. Die anwesenden Fußballer der Bezirksliga-Mannschaft, die im Falle einer Insolvenzeröffnung als erster Absteiger feststünde, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen an diesem Abend, ihr Trainer Michael Westermair ist auch da. Die beiden Ehrenpräsidenten Albrecht Huber und Hans Hahn sind gekommen, zudem die ehemaligen Präsidiumsmitglieder Frank Demmer und Andreas Conrad, aus dem Brucker Stadtrat Karl Danke (BBV) und Georg Stockinger (FW), der auch Kassenprüfer des SCF ist, sowie aus der Stadtverwaltung Michael Maurer. Oberbürgermeister Erich Raff (CSU) weilt beim Weihnachtsessen der Stadträte, das Finanzamt entsendet erst gar keinen Vertreter.

SCF-Präsident Jakob Ettner ist nachdenklich.

(Foto: Johannes Simon)

Stadt und Finanzamt sind die Hauptgläubiger, zusammen fordern sie etwa 220 000 Euro vom SCF an Körperschafts-, Umsatz- und Gewerbesteuern nach. Die Gemeinnützigkeit hat das Finanzamt dem Verein für die Jahre 2010 bis 2013 nach einer Betriebsprüfung entzogen. Schon zuvor hatte der SCF laufend Schulden abgebaut, doch die nun in September eingeforderte Summe überstieg die finanzielle Belastbarkeit. Der Verein stellte am 21. September Insolvenzantrag. "Es war dies die Pflicht des Vorstands", auch um zu vermeiden, selbst haftbar gemacht zu werden, stellt Insolvenzverwalter Schartl gleich zu Beginn klar. Und er sagt auch, dass der aktuelle "Vorstand alles andere als eine leichte Aufgabe übernommen hat und völlig zu unrecht angefeindet wird". Schartl bezieht sich damit auf Stimmen im Verein, die Präsident Jakob Ettner für die Insolvenz verantwortlich machen wollen.

Es seien indes "deutliche Verfehlungen" in der Vergangenheit festgestellt worden, als der aktuelle Vorstand "noch nicht in Amt und Würden war", ergänzt Brandenburg. Namen nennen beide nicht. "Einen Saustall" nennt Schartl später, wie beim SCF agiert wurde. Das dort praktizierte Belegwesen seien "Fresszettel" gewesen: "Das geht so nicht!" In klaren Worten erläutert Schartl dann, welche Lösung es geben könnte, und lässt die Anwesenden sicherheitshalber noch wissen: "Wir sind nicht die Anwälte des Vereins, sondern unsere Aufgabe ist es, die bestmögliche Lösung für die Gläubiger herbeizuführen". Der vorgeschlagenen Lösung zufolge sind Finanzamt und Stadt Fürstenfeldbruck als Gläubiger bereit, einen Vergleich zu schließen, das heißt, sich mit weniger als den geforderten Summen zufrieden zu geben. Auf welchen Anteil sie verzichten würden, will Schartl nicht verraten. Um das Geld dafür aufzutreiben, appelliert er zum einen an die Mitglieder, "einen freiwilligen Beitrag zu leisten". Der würde auf jeden Fall zurückbezahlt, falls das Insolvenzverfahren doch eingeleitet werden müsste.

Die Insolvenzfachleute Henrik Brandenburg (links) und Oliver Schartl erläutern, wie es mit dem Verein weitergehen soll.

(Foto: Johannes Simon)

Zum anderen will Schartl "die für die Verfehlungen verantwortlichen Personen auffordern, Schadenswiedergutmachung zu leisten". Das bedeutet: Jene, die als Präsidiumsmitglieder in den beanstandeten Jahren 2010 bis 2013 im Amt waren, sollen nun das Geld herbeibringen, das die Gläubiger befriedigen soll. Mit bloßen Zusagen werde er sich dabei nicht zufrieden geben, kündigt Schartl an: Es zähle der Eingang des Geldes auf dem Konto. Wie viele ehemalige Präsidiumsmitglieder er dafür anschreiben will, beantwortet er auch auf Nachfrage der SZ nicht. Warum seien die Verantwortlichen denn nicht früher in Haftung genommen worden, wenn doch das Finanzamt davon Kenntnis gehabt habe?, sagt ein Mitglied später zur SZ. Es ist mehr ein Statement denn eine Frage.

Damit hängen Wohl und Wehe des Vereins nun von denen ab, die den Verein erst in die finanzielle Schieflage gebracht hatten. Die Alternative dazu ist laut Schartl nur die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Das allein bedeute zwar noch nicht, "dass der Verein stirbt", allerdings gebe es Unwägbarkeiten: Blieben die Mitglieder überhaupt im Verein? Würden Sponsoren dann noch Geld geben? Im Insolvenzfall muss Schartl das Vermögen des Vereins zu Geld machen, vor allem den Kunstrasenplatz, der dem SCF gehört, für den die Stadt Fürstenfeldbruck mit 200 000 Euro gebürgt und für den sie ein Darlehen des Bayerischen Landes-Sportverbandes (BLSV) mit 160 000 Euro vorfinanziert hatte. Dieses BLSV-Darlehen würde im Insolvenzfall ohnehin nicht mehr fließen. Stattdessen müsse er dann "den Kunstrasen aufrollen und verkaufen", sagt Schartl bewusst plakativ.

Bis Ende Januar/Anfang Februar möchte Schartl eine Lösung haben: "Ich kann das vorläufige Insolvenzverfahren des Vereins nicht beliebig in die Länge ziehen." Sicher gestellt ist allerdings, dass die fünf angestellten Mitarbeiter des Vereins das von der Arbeitsagentur ausgezahlte Insolvenzgeld auch über die ersten drei Monate hinaus bekommen. Jakob Ettner darf den Verein vorläufig weiterhin als Präsident vertreten - allerdings mit Einschränkungen. So darf er "kein Geld ausgeben oder Mitarbeitern kündigen, ohne mich zu fragen", sagt Schartl der SZ. Am Donnerstagabend sitzt Ettner, der bisweilen impulsiv werden kann, dann weitgehend schweigend an seinem Tisch und hört den Ausführungen der Insolvenzfachleute zu. Auch das geplante Gastspiel des TSV 1860 München, der inzwischen nur noch in der Regionalliga spielt, aber bei einigen immer noch Kultstatus genießt, gegen die Brucker Bezirksligamannschaft am 27. Januar darf Ettner nicht verkünden. Das macht Insolvenzverwalter Schartl, nicht ohne zu erwähnen, dass die Partie seiner guten Beziehungen zu Löwen-Geschäftsführer Markus Fauser wegen zustande kommt. Sie soll Zuschauereinnahmen bringen. Auch wenn es dann heißen möge: "Ein Pleiteverein hilft dem anderen", kalauert Schartl.