Sport Déjà-vu

Fast 70 Fußballfreunde treffen sich, um den SC Fürstenfeldbruck vor der Insolvenz zu retten. Doch der Abend bleibt ohne echtes Ergebnis. Einzig alte Feindschaften innerhalb des Vereins treten wieder zutage

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Albrecht Huber ist da. Wie in alten Zeiten hat er seinen SUV nicht am Straßenrand, sondern auf dem Sportgelände geparkt. Zwölf Jahre lang hatte Huber den SC Fürstenfeldbruck geführt, 2008 trat er ab, wird seither im Range eines Ehrenpräsidenten geführt. Am Mittwochabend führt er einen "Initiativkreis fußballbegeisterter Unterstützer" an. Ziel: den SCF retten. Der Abend wirkt wie ein Déjà-vu. Huber steht, eingerahmt von den Stadträten Markus Droth (CSU) und Karl Danke (BBV), an einem Stehtisch, die drei haben das Treffen organisiert. Danke wird sogleich Opfer Huberschen Alltagshumors. Der habe hier auch mal Fußball gespielt, erzählt Huber über Danke, aber "damals war er noch schlanker". Fast 70 Leute sind gekommen, vor allem viele aus dem früheren Umfeld des Brucker Sportclubs. Auch Ulrich Bergmann, der 1996 als Präsident des SCF buchstäblich vom Hof gejagt wurde und damals eine Kampfabstimmung um die Vereinsführung verlor - gegen Albrecht Huber. Seither gibt er den Fußballmanager in Oberweikertshofen, ist aber immer noch SCF-Mitglied. Die Welt ist klein. Huber begrüßt ihn als "meinen Vorgänger". Will man Bergmann wieder zum SCF holen?

Die wichtigste Frage aber ist: Wird der Verein überhaupt noch Funktionäre brauchen? Ihm droht die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. 100 000 Euro soll er umgehend beschaffen, um diesem noch entgehen zu können. Der Spendenakquise dient deshalb der Abend in der Sportgaststätte. Wie viel Geld tatsächlich benötigt wird, diese Frage wird oft gestellt an diesem Abend, aber nie beantwortet. "Um die 100 000 Euro, sagt Droth, müssten im Februar vorliegen. Etwa 3000 Euro haben die Initiatoren des Abends eigenem Bekunden zufolge schon gesammelt. "Jeder Cent ist willkommen", sagt Droth. Die Spenden würde man auch als eine Art "Munition" für die Verhandlungen im Stadtrat brauchen. Karl Danke hofft, "dass der Verein nicht untergeht" und im nächsten Jahr das 100-jährige Bestehen gefeiert werden kann.

Spenden akquirieren soll die Versammlung, um den SC Fürstenfeldbruck zu retten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Verschiedene Vorschläge werden vorgebracht, wie man den Verein retten könnte: Zum Beispiel Mitgliedsbeiträge für den benötigten Betrag verwenden, auf Leihbasis quasi, oder Gespräche mit der Brauerei, die bisher die Lieferrechte besaß, führen. Oder "keine Spieler bezahlen", wie Steffen Enzmann, Kreisvorsitzender des Bayerischen Landes-Sportverbandes, vorschlägt: "Damit wäre ein Zeichen gesetzt." Die Mutter eines Fußballers aus der Nachwuchsabteilung kritisiert, die Botschaft über die Brisanz der Lage werde nicht klar rübergebracht und viele fühlten sich deshalb gar nicht angesprochen. Eine andere Mutter wünscht sich ein Sanierungskonzept, das aufzeige, wie es weitergehen soll. Man könne dazu Kompetenzen und Netzwerke der Fußballeltern nutzen, "aber hier fehlt es schon am E-Mail-Verteiler".

Der Abend will, was seine Intention angeht, nicht so recht in die Gänge kommen. "Seit Wochen ist nichts passiert", schimpft Albrecht Huber: "Wenn wir das nicht schaffen, dann gibt's nichts mehr zu diskutieren. Dann geht eine Ära zu Ende." Er fordert: Man möge jetzt nur an den SCF denken. Egal, wie die Schulden entstanden seien, "das wollen wir heute nicht besprechen", sagt er noch. Andere wollen das dann doch, und so scheinen die unüberwindlichen Animositäten im Verein immer wieder durch. Ein "mentales Problem" diagnostiziert später Stadtrat Markus Droth, als SCF-Vizepräsidentin Ursula Valier jene 220 000 Euro an Steuerschulden, die nach einer Betriebsprüfung eingefordert werden, "Schulden der Vergangenheit" nennt. Diese würden dem Verein "das Genick brechen", deshalb müssten von den damaligen Funktionsträgern "Signale" kommen, so Valier. Auch Markus Wiedmann von der Abteilung Alte Liga wird mehr als deutlich: Es sollten "diejenigen büßen, die den Verein dorthin geführt haben. Das geht seit 25 Jahren in diesem Verein so, und jetzt hat's ihn zerrissen."

Auch Ex-Präsident Ulrich Bergmann ist da.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Aus der Vereinsführung der Jahre 2010 bis 2013, für die das Finanzamt Fürstenfeldbruck die Gemeinnützigkeit entzogen hat, sitzen Siegfried Müller, der damals Präsident war, und die zeitweise aktiven ehemaligen Stellvertreter Antonio di Gorga und Frank Demmer ganz hinten an einem Tisch. Sie beteiligen sich nicht an der Diskussion. Der vorläufige Insolvenzverwalter Oliver Schartl hatte im Dezember "die für die Verfehlungen verantwortlichen Personen" aufgefordert, "Schadenswiedergutmachung zu leisten". Später wird Demmer im Gespräch mit der SZ klagen, man sei von der aktuellen Vereinsführung nie einbezogen worden, als die Probleme auftauchten. Er redet sich in Rage und sagt: "Ich bin nicht für einen Schaden verantwortlich, den ich nicht kenne." Müller sieht das auch so. Es gebe Ehemalige, die den SCF unterstützen würden, "aber nicht die Führung", weiß Demmer: "Will diese Vereinsführung überhaupt die Insolvenz vermeiden?". Er ist sich da nicht so sicher. Er sei deshalb davon ausgegangen, dass der aktuelle Präsident Jakob Ettner an diesem Abend zurücktreten werde.

Hatten sich deshalb so viele Ehemalige eingefunden? Wollten sie einen Personalwechsel einleiten? Albrecht Huber spricht zwischendurch davon, dass sich der Verein im Falle seiner Rettung neu aufstellen müsse - "mit Jakob Ettner und seinem Team, das ist seine Sache, oder mit jemand anderem". Bis spätestens Ende März muss laut Satzung die turnusmäßige Jahreshauptversammlung mit Neuwahlen stattfinden. Aber existiert der Verein dann noch? Er vermisse eine Aufbruchstimmung, klagt lautstark der ehemalige Spieler Thomas Herber, der sich dem Initiativkreis angeschlossen hat. Jakob Ettner, seit 2014 Vereinschef, meldet sich auch zwischendurch zu Wort und hat an diesem Abend eine ganz aktuelle Information dabei: Ein ehemaliger Jugendspieler habe gerade einen Vertrag bei Lazio Rom erhalten. Das will eigentlich niemand wissen.

Stadtrat Markus Droth (von links), Ehrenpräsident Albrecht Huber und Stadtrat Karl Danke haben die Veranstaltung initiiert.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Tags darauf tut der vorläufige Insolvenzverwalter kund, dass die geforderte Summe nicht zusammengekommen ist. In einer Pressemitteilung weist Oliver Schartl von der Münchner Kanzlei Müller-Heydenreich, Bierbach und Kollegen darauf hin, dass die Eröffnung des Insolvenzverfahrens kurz bevorstehe. Dabei benötigt der Verein auch im Falle eines Insolvenzplanverfahrens, das eine Sanierung herbeiführen könnte, Geld. Das Benefizspiel der Münchner Löwen vor zwei Wochen hatte dazu einen Beitrag von 10 000 Euro geleistet. Gleichzeitig stoppten zuletzt einige SCF-Mitglieder den Lastschrifteinzug ihrer Beiträge. "Kontraproduktiv" nennt Schartl das.