S-Bahn Germeringer Pendlersorgen

Der Pendlerverkehr hat in den letzten Jahren stark zugenommen - die Taktdichte der S-Bahnen nicht.

(Foto: Günther Reger)

Eisenbahningenieur Stefan Baumgartner kennt die Probleme der S-Bahn-Nutzer und kritisiert im Umweltbeirat der Stadt den Bau der zweiten Stammstrecke

Von Ekaterina Kel, Germering

Fünf Minuten. Das ist die Differenz zwischen S-Bahn und Auto, wenn man von Germering-Unterpfaffenhofen zum Münchner Marienplatz fährt - der Umweltmobilcheck der Deutschen Bahn rechnet es so aus. Ausgenommen sind die Wartezeiten, und zwar sowohl am Gleis als auch im Stau. Diese Wartezeiten sind es aber vor allem, die bei den Germeringern für Missmut sorgen. Um den unzufriedenen Grundtenor unter den Pendlern mit fundierten Zahlen zu unterfüttern, hat der Umweltbeirat der Stadt den Diplomingenieur Stefan Baumgartner eingeladen. Der Experte bei einem Treffen seine Kenntnisse zum S-Bahn-Verkehr im Landkreis und in München vorgestellt und die Diskussion um Lösungsansätze wieder angefacht.

Der zweite Vorsitzende des Beirats, Elmar Schulte, pochte eingangs noch auf die Tatsache, dass der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs letztlich im Interesse einer nachhaltigen Umweltpolitik, "gerade im Hinblick auf den Dieselskandal", sei. So seien es nicht nur die fünf Minuten, die den Unterschied zwischen Auto und S-Bahn ausmachten, sondern auch der CO₂-Ausstoß, der sich beim Auto um das Dreieinhalbfache vergrößere: 2,9 Kilogramm CO₂ blase das Auto auf der Strecke Germering-München in die Luft. Fährt ein Pendler also 200 Tage im Jahr mit der S-Bahn statt mit dem Auto, vermeidet er etwa 580 Kilogramm CO₂. Der Experte im Umweltbeirat konzentrierte seine Ausführungen allerdings vielmehr auf die Unzulänglichkeit der Fahrpläne der S 8 als auf mögliche Umweltfaktoren.

Baumgartner hatte schon 2001 ein Konzept für eine Stadtbahn vom Würmtal aus nach Germering erstellt und gilt als Sachkundiger. Im Auftrag des Grünen Landtagsabgeordneten Markus Ganserer hat er unter dem Namen "S-Bahn 2030" einen Alternativplan zum Bau einer zweiten Stammstrecke konzipiert. Seit 1973 habe sich am S-Bahn-Gesamtnetz nicht viel verändert, konstatierte Baumgartner. Eine Weichenstörung an der Hackerbrücke reiche schon aus, um alle anderen S-Bahnen entlang der Stammstrecke zu behindern. "Eine zweite Stammstrecke bringt überhaupt nichts."

Um an den Kern der Problematik zu kommen, müsse man zuallererst nach der Finanzierung fragen. Aus Töpfen des Bundes und des Landes würden den Gemeinden zusätzliche Hilfen zur Verbesserung ihrer Verkehrnetze zur Verfügung gestellt werden. Diese Gelder kommen aus dem sogenannten Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG). Allerdings werde alles, was für Bayern vorgesehen sei, bereits für den Bau der zweiten Stammstrecke eingeplant, der mindestens 3,2 Milliarden Euro kosten wird, so Baumgartner. Woher könnte also das viele Geld für mehr Fahrten, also eine höhere Taktung der S-Bahnen kommen?

Zur Zeit bringt alle zwanzig Minuten eine Bahn die Pendler von Germering nach München. 32 Prozent der Bewohner Germerings pendelten täglich in die Landeshauptstadt. Eine Taktverdichtung von Unterpfaffenhofen aus brächte den Sparfüchsen jedoch nichts, die mit Auto oder Rad zur S-Bahn-Station Harthaus fahren, um erst dort einzusteigen, weil dort ein günstigerer Tarif gilt. Denn eine geplante Express-Bahn würde genau diese Haltestelle auslassen. "Die Stadt Germering ist eine Stadt", konstatierte Baumgartner - eine zehnminütige Taktung der S-Bahnen müsse daher eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Den Einschätzungen des Experten zufolge stünden zusätzliche Züge ungenutzt im Depot und würden nicht eingesetzt werden. Als kritisch empfinden die Germeringer das schnelle Wachstum des angrenzenden Neubaugebiets Freiham. Dort stiegen mehr Fahrgäste ein, als ursprünglich geplant. Der Experte warnte: "Das wird die S-Bahn an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringen."

Nach den Ausführungen des Ingenieurs stellten sich viele im Saal des Rathauses eine Frage: Was tun? Die Bürger könnten sich beispielsweise ans Landratsamt wenden, so Baumgartner. Oder an die Presse. Die Idee zu einer Demonstration wurde von einem Bürger geäußert und fand viel Anklang. Baumgartner plädierte zum Schluss noch für "mehr Transparenz bei der Ergründung der Alternativen". Zwar fehle das Geld, aber das sei "eine politische Frage."