Roßstall-Theater in Germering Des Pudels Kern

Es muss nicht immer gleich der ganze "Faust" sein. Manchmal tut es auch nur eine einzige Szene als Dauerschleife. Wie das funktioniert, zeigt das Roßstall-Theater derzeit in Lutz Hübners "Gretchen 89ff."

Von Valentina Finger

"Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag" - so spricht der Theaterdirektor im Vorspiel zum ersten Teil von Johann Wolfgang von Goethes "Faust". Wenn's nur so wäre, könnte man sagen, muss ein Theater doch so vielem gerecht werden. Wo genau zwischen Profit, Unterhaltung und künstlerischem Anspruch ein ausgereiftes Theaterspiel liegt, lässt Goethe die Vertreter der entsprechenden Seiten in seinem "Vorspiel auf dem Theater" diskutieren.

Urkomisches Zusammenspiel: Daniela Fiegel und Willi Hörmann vom Roßstall-Theater als Gretchen und der Regisseur.

(Foto: Günther Reger)

"Faust" wird, wie sollte es anders sein, zum universalen Kompromiss - und meistbesuchten Theaterstück auf deutschen Bühnen. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich mit Lutz Hübner einer der in Deutschland meistgespielten Dramatiker des Stoffes angenommen hat. Herausgekommen ist die Satire "Gretchen 89ff.", die derzeit im Germeringer Roßstall-Theater aufgeführt wird.

Wer im "Faust" nachschlägt, wird sehen - oder auch nicht, je nachdem, ob einem die richtige Reclam-Ausgabe vorliegt -, dass hier nicht der Gelehrte, sondern seine naive Geliebte Margarete, genannt Gretchen, im Mittelpunkt steht. Ja, es geht um die berühmte "Kästchenszene", in der Gretchen ein Schmuckkästchen als Geschenk von Faust in ihrer Kammer findet. Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes. Man nehme eine Szene, lege sie verschiedenen, äußerst skurrilen Regisseuren und Darstellern in die Hände und betrachte sich dann, was die damit anstellen. So gibt es in diesem Stück im Grunde die immer gleiche Szene in Dauerschleife, die aber immer anders. Denn wie heißt es im "Faust" so schön: Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch.

Willi Hörmann, der zusammen mit Cecilia Gagliardi auch abseits der Bühne für die Regie verantwortlich ist, schlüpft im Laufe des Stücks in die Rolle von fünf Regisseurs-Typen, die alle ihre eigenen, durchaus eigenartigen Vorstellungen von Goethes Gretchen haben. Da gibt es den "Schmerzensmann", grantig und kettenrauchend, der Leidenschaft mit Tollheit verwechselt und sein Gretchen (Cecilia Gagliardi) lodernd vor Schwüle am Boden wälzen lässt. Es folgt der "Haudegen", der in den unpassendsten Momenten Memoiren aus seiner zu langen Theatervergangenheit auffährt und Schritte, Pausen und Blicke auf die Sekunde abstimmt, allerdings ohne sich den Namen von Gretchen-Darstellerin "Fräulein Brigitte" (Rosanna Gebauer) merken zu können.

Es ist schwer zu sagen, welche Interpretation des Faust-Stoffes absurder ist, aber Willi Hörmann ist jedes Mal einfach großartig. Da ist eine unaufgesetzte Slapstick-Komik in seinem Spiel, die sich in jeder Rolle hält. Auch in der des "Tourneepferds"; ein Virtuose mit Wiener Dialekt, der nach allseitiger Beliebtheit strebt, dafür in der Theaterkantine gerne mal einen ausgibt und aus Gretchen (Daniela Fiegel) oder "Kati", wie er sie nennt, eine im falschen Walzertakt tänzelnde, dauerzwinkernde Schönheitskönigin macht. Wenig Lust auf Theater hat dafür der "Streicher", der seinen Namen daher hat, weil er durchweg alles streicht. Immerhin ist das "Kästchen" ja nur ein Nebenstrang und die Szene irgendwie auch überflüssig.

Ja, und dem "Freudianer" schließlich ist der Text "scheißegal", nicht aber die sexuelle Vorgeschichte seines Gretchens (Daniela Fiegel), die ihr Kästchen strippend in der Dusche findet, das allerdings kein Kästchen, sondern eine Mülltüte und außerdem ein Phallus-Symbol ist. Ist Willi Hörmann alleine schon köstlich, so ist das Zusammenspiel mit Daniela Fiegel als überengagierte Jungschauspielerin wahrlich urkomisch. Nachdem es fast einem Hitzeschock erlegen wäre, fällt ihr Gretchen pausenlos auf die Knie, hyperventiliert und kreischt so überschwänglich, dass Regisseur Hörmann kurz vor dem Herzkasperl steht. Es geht dann noch ganz lustig weiter, aber, und das merkt man auch am stilleren Publikum, spielt Willi Hörmann nicht mit, fehlt was auf der Roßstall-Bühne.

Die Auswahl des Stücks ist sehr gelungen, das Spiel der Darsteller herrlich überhöht und die Ankündigungen der einzelnen Szenen durch Ansager Rüdiger Trebes sind immer komisch. Trotzdem plätschert die zweite Hälfte der Darbietung ein bisschen dahin, was schade ist, weil man zuvor aus dem Lachen kaum mehr herauskam. Gegen Ende wird es noch einmal wirklich komisch - Dank an Florian Ranzinger, der als überforderter Hospitant vor dem Weg zum Arbeitsamt noch das geschlechtsneutrale Gretchen mimt.

Eben weil Theater eine so subjektive Angelegenheit ist, wird man "Gretchen 89ff." in dieser Version vermutlich nur im Germeringer Roßstall zu sehen bekommen. Mit dem Geheimrat Goethe hat die nicht mehr viel zu tun, Spaß macht sie aber sehr - und das ist, wie es der gute Faust wohl ausdrücken würde, hier wohl des Pudels Kern.

Weitere Aufführungen von "Gretchen 89ff." im Germeringer Roßstall-Theater gibt es an diesem Freitag und Samstag um 20 Uhr, am Sonntag um 19 Uhr sowie am 19., 20. und 26. April jeweils um 20 Uhr. Kartenreservierung unter 089/841 47 74.