Familie aus Syrien Flucht war der einzige Ausweg

Wieder vereint: die Familie von Hayel Alkhlyef (zweiter von rechts).

(Foto: Günther Reger)

Seit 2011 ist eine siebenköpfige Familie aus Syrien auf der Flucht vor dem IS - auf getrennten Wegen. In Puchheim finden sie wieder zusammen.

Von Erich C. Setzwein, Puchheim

Nein, sagt Hayel Alkhlyef, die Zukunft Syriens könne er sich nicht vorstellen. Es sei keine Lösung in Sicht, zu viele Gruppen mit unterschiedlichen Interessen seien in den Bürgerkrieg verwickelt. Deshalb waren Hayel Alkhlyef und seine Frau Wafaa Al Hamoud seit dem 12. Juli 2011 auf der Flucht. Erst innerhalb ihres Heimatlandes Syrien, dann in die Türkei.

Dem Bürgerkrieg entronnen

Im März 2013 kam das Ehepaar mit seinen fünf Kindern im Alter zwischen drei und 15 Jahren aus dem vom IS besetzten Raqqa in einer riesigen Zeltstadt unweit der türkisch-syrischen Grenze an. Dass sie heute als Familie noch und wieder zusammen sind und nun in einer Flüchtlingsunterkunft in Puchheim leben, hat mit ihrem Lebensmut zu tun - und ein wenig auch mit der Hilfe des Asylhelferkreises Eichenau.

Die siebenköpfige Familie, die mit einem minderjährigen Verwandten in Puchheim wohnt und sich zu integrieren versucht, ist ein Beispiel dafür, wie weit ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe wirkt. Viele Familien werden auf ihrer gemeinsamen Fluchtroute nach Europa auseinandergerissen, halten sich möglicherweise zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Ländern auf, oft nur verbunden durch die sozialen Netzwerke.

Suche unter Tausenden Neuankömmlingen

Kommt dann ein Flüchtling nach Eichenau und der Asylhelferkreis erfährt vom Schicksal der Angehörigen, kümmert sich ein eigener Arbeitskreis um solch einen Fall. Das Ziel lautet dann: Die nachfolgenden Angehörige unter den Tausenden Neuankömmlingen ausfindig machen, die Paare oder Familien wieder zusammenzubringen und für sie, wenn nötig eine passende Unterkunft in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden zu finden.

Mit jedem Tag wachsen die Sorgen

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Hayel Alkhlyef war nicht mit seiner Familie unterwegs, als er sich im September 2014 über die Ägäis, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland durchschlug. Der 50-Jährige ließ seine Frau und die Kinder erst einmal in der Flüchtlingsstadt zurück, die Familie sollte erst nachfolgen, wenn er sicher angekommen war. Zwei Monate und zwei Tage war Alkhlyef unterwegs, bis er in München aus dem Zug stieg. Seit Januar lebte er in der Asylunterkunft am Eichenauer Schreberweg und wartete darauf, dass seine Frau mit den Kindern ebenfalls eine passende Gelegenheit zur Flucht übers Mittelmeer erwischte.

Tagelang ohne Wasser und Nahrung

Es gelang der 37-Jährigen unter enormen Strapazen mit weiten Strecken zu Fuß, tagelang ohne ausreichend Essen und Wasser in einer Gruppe bis zur mazedonischen Grenzen zu gelangen, um dort mit einem Zug Richtung Ungarn fahren zu können. Ihr Mann musste voriges Jahr das ganze Land durchwandern, um dann in Ungarn unfreundlich behandelt zu werden und für zwei Tage ins Gefängnis zu kommen. Wafaa Al Hamoud aber hatte Glück, wie sie berichtet. Sie sei in Ungarn bis zum Zug gut betreut worden.

Nach dem Umweg über eine Erstaufnahmeeinrichtung in Nürnberg führten die Wege der Familie in Eichenau und nun in Puchheim wieder zusammen. Sie sind gekommen, um zu bleiben, hört man aus ihren Worten, und beide sind überglücklich, wieder vereint zu sein. Mit dabei haben sie einen Neffen, den 17-jährigen Sohn von Al Hamouds Bruder, der dem IS-Regime entkommen ist.

Wafaa Al Hamoud berichtet von den Rekrutierungen der Islamisten, die nur Jugendliche als Kämpfer aussuchten. "Die Syrer haben Angst um ihre Söhne, die vom IS entführt werden." Der Neffe habe den Terror des IS selbst erlebt, als er nur einen Gebetstermin versäumt habe. Zur Strafe habe er auf einem Friedhof Grabsteine mit dem Hammer zerschlagen müssen, weil der IS solche Zeugnisse nicht dulde. Flucht war da der einzige Ausweg.

Die Jüngste hat noch nie einen Baum gesehen

Aber nicht nur der Neffe entdeckt nun eine Welt, in der nicht Gewalt und Tod und Zerstörung den Tag bestimmen, sondern Frieden. Neue Erfahrungen machten die Kinder jeden Tag, sagt die Mutter und erzählt von ihrer jüngsten Tochter, die in der Zeltstadt ohne jegliche Treppen aufgewachsen sei und erst jetzt lerne, wie man Stufen steigt. Das Kind habe bis zum Verlassen des Lagers auch keinen Baum gekannt. "Sie erfreut sich jetzt an jedem Baum", sagt Wafaa Al Hamoud.

"Die Sicherheit der Kinder war mir das Wichtigste", sagt Wafaa Al Hamoud, alles andere komme irgendwie. Die Kinder, vier Mädchen und ein Junge, haben in Puchheim schon Anschluss gefunden, "die Älteren lernen Deutsch und die Jüngeren schnappen von ihnen schon was auf", sagt die Mutter. Auch für sie ist jetzt erst einmal Deutsch lernen angesagt, ihr Mann besucht schon einen Integrationskurs in München.

Klarer Berufswunsch

Während Wafaa Al Hamoud sich erst noch Gedanken über ihre Zukunft machen will und noch so gar nicht weiß, ob und wie sie als Mutter von fünf Kindern vielleicht einen Beruf als Büroangestellte wie einst in Syrien wieder ausüben kann, hat sich bei ihrem Mann der Berufswunsch schon verfestigt. Er möchte in der Pflege arbeiten, Kontakt zu alten Menschen - das würde ihm Freude bereiten.

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Alkhlyef kommt ja eigentlich aus der Erdölindustrie, aber da im Landkreis oder in der Region höchstens einmal nach heißem Wasser für Geothermie gebohrt wird, malt er sich da keine besonders großen Berufschancen aus. Wichtig ist ihm zunächst einmal, die Sprache seiner neuen Heimat zu beherrschen. So viel Deutsch kann Hayel Alkhlyef aber schon, dass er auf die Frage, wie es ihm denn nun gehe, antworten kann: "Ich bin wieder glücklich."