Konkrete Kunst Mehr als Striche, Flächen und Farben

Die aktuelle Ausstellung im Fürstenfeldbrucker Kunsthaus widmet sich den Vertretern der Konkreten Kunst in Österreich. Sie erweitert damit den Blick auf die Gattung, der bisher vor allem auf die deutschen Anhänger gerichtet war

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Wenn es darum geht, Künstler nach Fürstenfeldbruck zu locken, die in ihrem Genre zur absoluten Spitze gehören, dann bekommt das kaum einer so gut hin, wie Gerhard Derriks mit seiner Leidenschaft für die Konkrete Kunst, seiner Expertise und seinen Kontakten. Dieses Mal hat er die führenden österreichischen Vertreter dieser Gattung im Kunsthaus versammelt. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits mehrfach die wichtigsten konkreten deutschen Künstler dort zu sehen waren, ist die aktuelle Ausstellung "Österreich konkret" eine interessante Ergänzung.

Beispielhaft für die Bedeutung der gezeigten Werke stehen die drei Fotos von belichteten Polariods von Inge Dick. Nach der Ausstellung in Fürstenfeldbruck werden sie bald in der Londoner Tate Gallery of Modern Art zu sehen sein, wie Derriks erzählt. Auf den Bildern von 1998 ist kein Motiv zu sehen, Dick hat sie einfach nur mit Licht in verschiedenen Stärken in Kontakt gebracht. Die Wahrnehmung von Licht, dessen Sichtbarmachung und die Vielfalt seiner Farbigkeit, gehören zu den wichtigen Themen der 1941 geborenen Wienerin. Das zeigt sich auch in "Winter licht weiss 2015/40b" von 2015. Innerhalb knapp einer Stunde, von 15.52 bis 16.49 Uhr, hat sie 40 Mal die Helligkeit an einem bestimmten Ort festgehalten. Die einzelnen Bilder hat sie in wenigen Zentimeter breiten Streifen aneinandergereiht. Der Betrachter kann so fast im Minutentakt den Wandel nachvollziehen, kein Motiv stört die Konzentration auf das für Dick Wesentliche.

Durch die Skulptur "Dome" von Eric Kressnig wird der Blick auf das Foto eines Polaroids der Wienerin Inge Dick gelenkt.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Doch die Wienerin ist nur eine von 18 Künstlerinnen und Künstlern, deren Werke gezeigt werden. Dass die konkrete Kunst bis heute immer wieder Anhänger findet, zeigt sich am Altersspektrum. Der 1925 geborene und 2010 gestorbene Heinz Gappmayr ist der älteste Vertreter, die 1984 geborene Anna Maria Bogner die jüngste. Die konkrete Kunst, 1924 von Theo van Doesburg erstmals benannt, wollte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang in der Kunst schaffen - und zwar dadurch, diese zurück zu führen zum Ursprünglichen: Form und Farbe, klare Strukturen und Regeln, Geometrie. Danach hat sich die Konkrete Kunst beständig weiterentwickelt. Etwa soweit, das hat die Kunsthaus-Ausstellung mit Werken von Christian Muscheid im Dezember 2016 gezeigt, dass die jungen Vertreter langsam aber ganz bewusst und oft mit ironischen Anspielungen, die strengen Regeln, die sich das Genre gesetzt hat, brechen.

Die aktuelle Ausstellung dagegen zeigt weitgehend konservative Konkrete Kunst. Roland Goeschl beispielsweise ist wohl der Meister der Reduktion. In seinen Werken konzentriert er sich auf die Primärfarben Gelb, Rot und Blau. Dazu arbeitet er mit einfachen geometrischen Figuren. Eine seiner Arbeiten zeigt in den Primärfarben gehaltene Rechtecke, die nach einem strengen Muster angeordnet sind: gelbes neben blauem Rechteck, darunter und darüber je ein rotes, das so groß ist wie die beiden anderen. Viermal kombiniert er dieses Grundmuster, jeweils leicht variiert.

Nicht zum Ausruhen, sondern nur zum Anschauen sind die "drawing chairs" von Doris Fend. Dahinter konkrete Poesie von Heinz Gappmayr.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das älteste gezeigte Werk stammt aus dem Jahr 1962 von Helga Philipp. Ihr "Kinetisches Objekt" gehört zu den frühen Werken der Kinetischen Kunst. Es besteht aus zwei übereinander gelagerten Siebdrucken, die jeweils aus unterschiedlich großen schwarzen und weißen Rechtecken bestehen. Durch die Bewegung des Betrachters entlang des Werkes verändert sich dieses, es entstehen verschiedene Räume und Tiefen. Philipp stand ebenso der Wiener Gruppe nahe, wie Heinz Gappmayr. Er allerdings steht für einen komplett anderen Stil, die Konkrete Poesie. Seine Werke beschäftigen sich mit der Wirkung von Zeichen und Wörtern. "Alles nur einmal" ist da zu lesen oder "fast unbewegt". Was der Betrachter aus diesen kurzen Statements macht, ob er darüber philosophiert oder sie so zur Kenntnis nimmt, sich auf den Text konzentriert oder die Typografie, all das gibt Gappmayr bewusst aus der Hand.

So zeigt die Ausstellung "Österreich konkret" vielleicht mehr als die Vorgängerausstellungen zur Konkreten Kunst, welche Bandbreite die Anhänger dieses Stils beschäftigt hat und noch beschäftigt. Zwar bleibt es für den Laien schwer, all das ohne Hilfe nachzuvollziehen, was hinter dem Sichtbaren steht, die Muster, Berechnungen oder Regeln. Der Besucher bekommt aber ein gutes Gefühl dafür, dass Konkrete Kunst mehr ist als Striche, Flächen und Farben.

Ausstellung "Österreich konkret" im Kunsthaus Fürstenfeldbruck. Vom 19. Januar bis 18. März, zu sehen mittwochs bis sonntags von 13 bis 17 Uhr