Kommentar Der Zwang zur Erlebniswelt

In Reih und Glied: Lebensmittel einfach nur im Regal zu präsentieren, mag für einen Kauf bald nicht mehr ausreichen. Inszenierung heißt das Schlagwort.

(Foto: Johannes Simon)

Wie das Online-Ordern von Lebensmitteln die Supermärkte verändert

Von Christian Hufnagel

Schöne neue Supermarktwelt in Fürstenfeldbruck: Hundert Gramm Salami werden nicht mehr nur von der Maschine geschnitten. Langweilig. Der Wurstverkäufer wirft das gute Stück in die Luft, zieht sein Florett und trennt blitzschnell und millimetergenau Scheibe für Scheibe ab. Die fallen passgenau auf die Waage. Atemberaubend. Bei der Brottheke wird es kreativ. Zwei Brezen sollen es sein. Teigklumpen werden gereicht. Man darf sie selbst formen und gleich backen. Ein bisschen wie im Volkshochschulkurs. Spaßig geht es am Obststand weiter, an dem man sich den Orangensaft pressen kann. Die Hälften liegen griffbereit, um sie genussvoll herumzudrehen - an der Nase eines Angestellten, die aus einer Sperrholzplatte mit aufgemaltem Clowngesicht spitzt.

Wer dieses Einkaufsszenario nun für eine Stationen-Lachnummer aus einer Indoor-Kinderspielvergnügungsstätte hält, der irrt und sollte die Augen öffnen für die marktkapitalistischen Wirklichkeit und den unerbittlichen Konkurrenzkampf in der Lebensmittelbranche. Dass akrobatische Einlagen des Personals samt Dienstleistungsunterhaltungsprogramm einmal zum Standard gehören könnten, ist nur konsequent weiter ausgemalt, was die regionalen Branchengrößen an künftiger Marketing-Strategie skizzieren. Die Fürstenfeldbrucker Brüder Klaus und Udo Klotz philosophieren darüber, den Kunden "ein Einkaufserlebnis" bieten zu wollen, damit diese ihre Lebensmittelgroßmärkte, elf an der Zahl, "als Teil ihres Lifestyles" wahrnehmen könnten. Und deshalb müsse man "die Waren inszenieren". Lebensmitteln eine Bühne zu bereiten, klingt zwar nach ein wenig arg viel Theater, ist aber doch dringend notwendige zeitgemäße Verkaufspsychologie, damit die Menschen überhaupt noch einkaufen gehen und sich Nudeln, Gebäck und Puddingpulver eigenhändig aus den Regalen holen.

Denn die Gefahr scheint groß, dass der Supermarkt sich selbst abschafft. Weil die Internetisierung des Alltäglichen dem Menschen auch diesen Weg ersparen will und bald jeder Käse online bestellt werden kann. Eine neue Rewe-Filiale in der Kreisstadt macht es nun zudem noch möglich, dass man für die Produkte des täglichen Lebens niemanden mehr sehen und sprechen muss: Am Computer ordern und in dafür eingerichteten Automaten abholen, wann immer man will. Dieses Angebot entsozialisiert den Einkauf endgültig, auf der Strecke bleibt damit eines: die Ansprache, der Kontakt zu anderen Menschen. Aber davon kann man ja nicht abbeißen, es handelt sich ja nur um ein seelisches Nahrungsmittel.