Jugendkammerorchester Puchheim Herrlich unkorrekt

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt und Hans Well mit zweien seiner Kinder sorgen zum 20-jährigen Bestehen des Puchheimer Jugendkammerorchesters für einen fulminanten Abend.

Von Julia Berghofer

Wären vor etwa 25 Jahren die Wohnungen im Münchner Umland schon so rar gewesen wie heute, hätte am vergangenen Donnerstag kein Konzert des Puchheimer Jugendkammerorchesters stattgefunden. Dieter Hildebrandt wäre daheim geblieben und hätte sich über die immer gleichen Gesichter in der Talkshow-Landschaft der Öffentlich-rechtlichen mokiert. Und die Well-Kinder hätten ihr musikalisches Repertoire höchstens auf vier, fünf Instrumente begrenzt. Weil aber die Stadt Puchheim dem Ehepaar Michielsen damals glücklicherweise eine passende Immobilie anbieten und die beiden Geigenlehrer von einem Umzug nach Starnberg abbringen konnte, ist das Gegenteil eingetreten. Das von den Michielsens 1993 gegründete PJKO feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen in sieben Etappen, von denen bereits die fulminante Auftaktveranstaltung mit Dieter Hildebrandt und dem Biermösl-Nachwuchs Wellbappn am Donnerstag im Puchheimer Kulturzentrum restlos ausverkauft war.

Glückwünsche für das Puchheimer Jugendkammerorchester (von links): Jonas, Hans und Sarah Well sowie Dieter Hildebrandt.

(Foto: Günther Reger)

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatten der Dirigent Peter Michielsen und seine Frau Simone Burger-Michielsen die etwa 25-köpfige Formation, die von Anfang an als Wettbewerbsorchester gegründet worden war, fit die für die unterschiedlichsten Auftritte gemacht - etwa 2004 in Osnabrück, wo das PJKO zum besten deutschen Jugendorchester gekürt wurde. Dazu kamen zahlreiche Auslandsauftritte, unter anderem in Dänemark, Ungarn, Belgien, Frankreich und Japan. Selbst das hochanspruchsvolle Wiener Publikum konnte das Ensemble in einer musikalischen Spontanaktion auf der Kärntner Straße für sich gewinnen. Der ehemalige Puchheimer Bürgermeister Herbert Kränzlein, der die Veranstaltung anmoderierte, weiß, dass dies vor allem der exzellenten Führung der Michielsens und der "permanenten Aufbauarbeit" zu verdanken ist. So hätten viele der Jugendlichen nach ihrer Zeit beim PJKO den Sprung in die Welt der professionellen Musiker geschafft oder ein Studium an einer Musikhochschule aufgenommen.

Entsprechend harmonisch, dynamisch und getragen von einer reinen Klangfarbe, präsentierte das Orchester auch diesmal seine Stücke, die dem Jubiläumsprogramm seinen klassischen Rahmen gaben. Angefangen von dem Werk "Le Flaneur" des Pianisten Peter Lüttich über eine leichtfüßige holländische Volksweise, bis hin zu einem erfrischenden "Pizzicato" zum Abschluss demonstrierten die jungen Musiker, deren Durchschnittsalter derzeit bei knapp 16 Jahren liegt, dass sie zu Recht ganz oben in der Riege der deutschen Jungendkammerorchester mitspielen. Diejenigen, die den Sprung in die Professionalität bereits geschafft haben, kamen an diesem Abend besonders (vor-) laut zu Wort. Wer nämlich nach der Auflösung der Biermösl Blosn im Januar 2012 bange dem Ende des kritischen Musikkabaretts entgegensah, darf beruhigt sein: mit den Wellbappn steht nun die nächste Generation der Blosn rund um den Biermösl-Mitbegründer Hans Well auf der Bühne. Wells Kinder Tabea, Sarah und Jonas waren oder sind selbst Mitglieder des PJKO und beherrschen eine aberwitzige Bandbreite an Instrumenten - von der Geige, Bratsche und Kontrabass bis hin zu Akkordeon, Gitarre und Trompete, um nur ein paar zu nennen. Zurzeit muss das Quartett auf Tabea Well zwar verzichten - "die quält nämlich", so ihr Vater, "in Ecuador kleine Kinder mit Geigenunterricht". Doch auch als Trio begeistern die Wells mit Spitzzüngigkeit das Publikum. Von "political correctness" nicht die geringste Spur. Und schließlich ist es natürlich der Altmeister des politischen Kabaretts, bei dem all das gnadenlos verbal zerpflückt wird, was den Well-Kindern noch nicht zum Opfer gefallen ist. Einen Einblick in sein neues Soloprogramm gewährte Hildebrandt dem Publikum, indem er sich über die Hirnlosigkeit des Politpersonals und den bürokratischen Eiertanz der "Brüsseler Einfaltspinsel" lustig machte, die Finessen des Wintersports diskutierte und über Gruppentherapien für Burnout-Geschädigte und Lach-Yoga im Englischen Garten philosophierte.

Das Alter scheint dem 85-Jährigen so gar nichts anzuhaben: Wo andere schon längst einen gemütlicheren Zeitvertreib gefunden haben, als standhaft gegen den politischen Irrsinn von Politikern im Allgemeinen und dem der CSU im Besonderen anzuwettern, läuft Hildebrandt jetzt erst recht zu Höchstform auf und zeigt zum Finale mit einem selbstgezimmerten Rap, begleitet vom Rhythmus seines faltbaren Gehstocks, dass sich sogar Jugendidole wie Bushido vor ihm in Acht nehmen sollten. Alleine der Anblick Hildebrandts gibt einem jedenfalls das Gefühl, dass es noch Hoffnung gibt, wenn man die 80 erst einmal überschritten hat.