Im Kunsthaus in Fürstenfeld Wohlig und verstörend

Der nächste Coup des Museums Fürstenfeldbruck. Die Ausstellung "Graphzines" ist überregional relevant. Sie zeigt Werke aus einem Genre, die so noch nie in Deutschland zu sehen waren

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Es kommt nur selten vor, dass man im Landkreis Kunst zu sehen bekommt, die man so oder so ähnlich noch nie gesehen hat. Eine Ausstellung mit Werken aus einem Genre, dem in ganz Deutschland noch nie eine museale Ausstellung gewidmet wurde, ist allerdings eine Premiere. Und wieder ist es das Museum Fürstenfeldbruck, das voran geht und zeigt, wie zeitgemäße Ausstellungskonzeption aussehen kann, und wie es kleinere regionale Institutionen schaffen, überregional relevant zu werden. Ein erster Schritt war die anspruchsvolle Präsentation der Künstlerbücher von Reinhard Grüner Ende 2015, nun geht es mit der Ausstellung über das Genre der "Graphzines" weiter, die an diesem Donnerstag im Kunsthaus neben dem Museum eröffnet wird.

Und es ist eine gewaltige Ausstellung, die die Museumsleiterinnen Eva von Seckendorff und Angelika Mundorff gemeinsam mit der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München zusammen gestellt haben. Visuelle Reize aus allen Richtungen strömen schon im Erdgeschoss auf den Besucher ein, während er anhand übersichtlicher Texttafeln erst einmal lernt, was diese Graphzines überhaupt sind. Hat man all diese Informationen aufgesogen und verarbeitet, geht es ins Untergeschoss - und da wird es dann richtig wild.

Philipe Huger, oder UG, wie er sich nennt, schafft auch spielerische Werke, wie dieses dreidimensionale Pop-Up-Buch.

(Foto: Voxbrunner Carmen)

Doch erst einmal zurück zur Frage, was Graphzines eigentlich sind. Entwickelt haben sie sich im Frankreich der Siebzigerjahre, als gedruckter Ausdruck einer jugendlichen Protestkultur. Graphzines ist der Sammelbegriff der künstlerischen Publikationen die dabei entstanden sind, der Begriff erinnert an das Medium der "Fanzines", also mit einfachen Mitteln erstellte Publikationen von Fans für Fans bestimmter popkultureller Phänomene. Auch die Graphzines sind mit einfachen Mitteln entstanden. Die Künstler haben sich getroffen, haben ihre Bilder mitgebracht und wenn ein Kopierer in der Nähe war, wurde vervielfältig, zusammengebunden und unter die Leute gebracht. Die teilweise wild zusammengewürfelten Publikationen wirken wie aus dem Ruder gelaufene Künstlerbücher, hier schließt sich der Kreis zur Grüner-Ausstellung im Museum.

Protestiert wird in den Graphzines, die optisch mit dem Comic verwandt sind, gegen alles: Kunst, Gesellschaft Politik. Die Grafiken provozieren, loten die Grenzen des Darstellbaren und Betrachtbaren aus, sie zeigen Gewalt, Kindesmisshandlung, Krieg und Tod. Die Ausstellung zeigt anhand von zehn prägenden Künstlern und Gruppen, wie sich das Genre entwickelt hat. Von den Graphzines konnten ihre Schöpfer nicht leben, einige waren hauptberuflich Illustratoren, Grafiker oder Mitarbeiter kultureller Institutionen. Ihre Darstellungen sind oft unter Pseudonymen erschienen, bei manchen wurde erst viele Jahre später klar, wer sich dahinter verbirgt.

Aline Pronnet von der Bibliothek des Kunstgeschichtsinstituts und Antoine Frémon bringen ein extra für die Ausstellung gefertigtes Pferd an seinen Platz.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Zu den Pionieren gehört das Künstlerkollektiv Bazooka. Schon die Benennung nach einer durchschlagskräftigen Abwehrrakete zeigt, worum es geht. Als sich die Gruppe 1974 gefunden hat, waren einige Teilnehmer gerade einmal volljährig. In martialischen Bilder beziehen sie Stellung gegen den Krieg, kritisieren die damals dominierende abstrakte Kunst. Schon die Tatsache, dass die Graphzine-Künstler damals gegenständlich gemalt haben, war ein politisches Statement. Kurze Zeit durfte die Gruppe für die linke Tageszeitung "Libération" arbeiten, doch auch deren Lesern waren die Grafiken oft zu extrem. Eine Schlüsselrolle in der Szene, die bis heute in Frankreich aktiv ist, spielt Stéphane Blanquet. 1973 geboren, ist er zwanzig Jahre jünger als die Gründergeneration. Mit deren Ideen ist er aufgewachsen ist und die ihn nachhaltig beeindruckt haben. Er ist nicht nur Künstler, sondern gibt auch mehrere Graphzine-Editionen heraus.

Es ist geradezu ein Coup der Museumsleiterinnen, dass sie Blanquet dafür gewinnen konnten, nicht nur seine aktuellen Publikationen in der Ausstellung zu zeigen, sondern auch das komplette Untergeschoss quasi in ein lebendes Graphzine zu verwandeln. Bei der Eröffnung an diesem Donnerstag wird er persönlich anwesend sein.

Die Installation "New Lung Seeded Inside", die Blanquet dort aufgebaut hat, wabert irgendwo zwischen Alice im Wunderland und LSD-Trip. Durch verschiedenfarbige Trennwände ist der Raum in mehrere Parzellen unterteilt, die von scherenschnittartigen Fantasiefiguren und aufwendigen Wandteppichen geschmückt werden. Auf den Teppichen finden sich ebenfalls unzählige düstere Figuren, fratzenhaft, einhüllend, verstörend, menschliche Beine werden zu Blättern, aus dem Dickicht blicken bedrohliche Augen, das nächste Werk erstrahlt in bunten Farben. Wie in einem Wimmelbild kann der Betrachter archaische Symboliken entdecken. Die Stimmung oszilliert ständig zwischen wohlig und verstörend.

Der Künstler "Pierre la Police" hält seine Identität geheim.

(Foto: Voxbrunner Carmen)

Das Herzstück ist eine vollverspiegelte Kammer, in der mehrere schwarz-weiße Figuren zu sehen sind, ein Pferd hat Blanquet extra für die Ausstellung in Fürstenfeldbruck geschaffen. Mit einer Lichtchoreografie wird die Kammer in acht abwechselnd bestrahlte Bereiche geteilt. Wer es aus diesem Rausch der Sinne zurück ins Erdgeschoss schafft, der kann dort übrigens noch die spielerischen Elemente und den Einfluss der Graphzines auf die Popkultur entdecken. Und zudem bestaunen, wie es denn aussieht, wenn einer dieser radikalen Künstler ein echtes Kinderbuch illustriert.

Ausstellung "Graphzines" des Museum Fürstenfeldbruck im Kunsthaus, Vernissage an diesem Donnerstag von 19.30 Uhr an. Danach zu sehen bis zum Sonntag, 24. September. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum für 4,80 Euro erhältlich ist.