SPD-Neujahrsempfang Kein Grund, Trübsal zu blasen

Franz Josef Radermacher (rechts) neben Ortsvereinschef Klaus-Peter Müller, links Herbert Kränzlein

(Foto: Günther Reger)

Club-of-Rome-Mitglied Franz Josef Radermacher warnt bei der SPD Germering vor der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich - und gibt sich dennoch überzeugt, dass alles gut wird, wenn die Länder besser zusammenarbeiten

Von Stefan Salger, Germering

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer und die Flüchtlingskrise beschleunigt den Weg in eine Zweiklassengesellschaft. Ein besorgniserregendes Szenario hat das Club-of-Rome-Mitglied Franz Josef Radermacher beim Neujahrsempfang der Germeringer SPD vor etwa 200 Gästen in der Stadthalle gezeichnet. Gleichwohl warnt der Ulmer Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz vor Pessimismus. Den Menschen in den westlichen Ländern gehe es heute so gut wie nie. Schraubt man seine Erwartungen nicht zu hoch, dann kann man seiner Überzeugung nach trotz aller Unwägbarkeiten mit breiter Brust ins neue Jahr gehen. "Wir werden es hoffentlich hinkriegen", so schloss der 65-jährige Referent seinen Vortrag in Anlehnung an Worte der Kanzlerin.

Allzu große Euphorie herrscht im Amadeussaal an diesem späten Sonntagvormittag ohnehin nicht. Die Genossen werden per Handschlag von Ortsvereinschef Hans-Peter Müller, seiner Stellvertreterin Tinka Rausch sowie dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Robert Baumgartner begrüßt. Auf den Tischen liegen SPD-Servietten und rot verpackte Gummibärchen, über der Bühne hängt ein großes SPD-Banner. Doch auch die flotten Weisen der "Swinging Westside Dixie Lander" können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die SPD in Germering, im Landkreis und auch im Bund schon bessere Zeiten erlebt hat. Im Stadtrat sehen sich acht Mitglieder der SPD-Fraktion einer 21-köpfigen CSU-Übermachtgegenüber. Immerhin ist das Klima besser als in der Koalition auf Bundesebene, was auch daran abzulesen ist, dass CSU-Oberbürgermeister Andreas Haas ebenso gekommen ist wie sein CSU-Stellvertreter Wolfgang Andre. Den Weg in den Amadeussaal gefunden haben auch Alt-OB Peter Braun sowie Vertreter anderer Ortsvereine und des Unterbezirks, darunter Michael Schrodi und Bezirksrat Martin Eberl.

In seinem Grußwort gibt Müller einen Vorgeschmack darauf, wie etwas später die provokante Frage "Sind wir noch zu retten?" beantwortet werden wird. Müller weist auf die Rolle der Informationstechnologie hin, die mittels Sozialen Medien und allgegenwärtiger Bilder Menschen in südlichen Ländern suggeriert, in Europa erwarte sie ein Paradies. Dass so viele sich durch den Winter nicht von einer entbehrungsreichen und gefährlichen Flucht abschrecken lassen, wertet er freilich auch als Beleg dafür, dass sie schlicht "nichts zu verlieren haben". Wer etwas gegen die Krise tun will, der muss Müller zufolge bei den Fluchtursachen ansetzen und etwas gegen die extrem unterschiedliche Verteilung des Vermögens und der knappen Ressourcen tun.

Ins gleiche Horn stößt Radermacher, der auch provokante Thesen nicht scheut. Die Explosion der Weltbevölkerung bezeichnet er als zentrales Dilemma. Lebten 1965 noch drei Milliarden Menschen auf der Erde, so sind es zurzeit 7,5 und 2100 voraussichtlich 12 Milliarden. Vor allem rund um Indien und in Afrika habe man es versäumt, sich Chinas Ein-Kind-Politik zum Vorbild zu nehmen. Verschärft wird der daraus resultierende Migrationsdruck laut Radermacher noch durch den vor allem vom Westen verursachten Klimawandel. "Früher wussten die Armen nicht, dass es in anderen Ländern besser ist. Das hat sich geändert." Kein Wunder also, wenn da viele Menschen nach Europa drängen. Radermacher lehnt Obergrenzen für Flüchtlinge ab, will aber nur solche Menschen aufnehmen, die sich zu den westlichen Werten bekennen. Viele dieser Flüchtlinge reihen sich dann ein in eine ohnehin wachsende Unterschicht. Denn auch in Deutschland gebe es alarmierende Tendenzen: Betriebe suchen nach Steuerschlupflöchern, private Taxidienste oder Zimmervermittlungen sparen Sozialabgaben und Verluste großer Banken seien in der Finanzkrise sozialisiert worden. Internationale Verträge verschärften das Problem, spülten sie doch unter Umgehung demokratischer Kontrolle Geld vor allem in die Kasse der Elite.

Und doch hat Franz Josef Radermacher die Hoffnung nicht aufgegeben. Zwar skizziert er die "Brasilianisierung" und damit die Ausblutung der Mittelschicht als wahrscheinlichstes Szenario. Es gebe aber ermutigende Zeichen wie die langsame Abkehr von der Marktliberalisierung um jeden Preis. Radermacher plädiert für Querfinanzierungen - zwischen Bundesländern ebenso wie in Form eines Klimafinanzausgleichs zwischen reichen und armen Ländern. Sein Vortrag mündet in die Erkenntnis, dass das ganze Leben zwar "ein Desaster ist", mit einer positiven Einstellung aber dennoch erfüllend sein kann.