Germering Im Dickicht der Bürokratie

32-Jährige gerät auf dem Weg zum Traumjob ins Ämter-Chaos

Von Heike A. Batzer, Germering

Irgendwann hat Aische G. ihr Leben selbst in die Hand genommen. Die 32-jährige Türkin, die in Wirklichkeit anders heißt und die seit zehn Jahren in Deutschland lebt, trennt sich von ihrem Ehemann, lebt eine Zeit lang im Frauenhaus und beschließt, Kinderpflegerin werden zu wollen. Das gelingt ihr, doch der Weg dorthin ist mühsam. Wäre nicht Johannes Rauter auf die Frau aufmerksam geworden, sie hätte sich wohl im bürokratischen Dickicht verfangen: "Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft", weiß sie. Zwischendurch habe sie die Hoffnung verloren, er habe sie wieder motiviert. Rauter hilft ihr durch die Fährnisse deutscher Behördengründlichkeit. Dank seiner Hartnäckigkeit tun sich Möglichkeiten auf, die Geschichte geht gut aus: Aische G. geht jetzt auf die Berufsfachschule für Kinderpflege - mit der Aussicht auf Anstellung in einer Kindertagesstätte in Germering.

Rauter ist dennoch unzufrieden: Die Politik werde nicht müde, zu betonen, "dass dem Menschen Chancen gegeben werden müssen, dass er sich bilden und selbstverantwortlich handeln soll", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Germeringer Sozialstiftung. Doch in der Realität ist es häufig erheblich komplizierter. Es begann mit G.s Scheidung. Für eine Türkin "die totale Ausgrenzung aus Familie und Community", weiß Rauter. Zehn Monate lebt G. im Frauenhaus. Über die Sozialstiftung erfährt Rauter im August 2016 davon. In der Türkei hat G. ein Studium zur Lebensmittelkontrolleurin absolviert, mit ihrem Mann kommt sie nach Deutschland. Zuletzt arbeitet sie fünf Jahre lang in einer Germeringer Kindertagesstätte in der Küche, den Job kündigte sie zugunsten ihrer neuen Ausbildung. Diese will sie über Arbeit am Wochenende und Bafög finanzieren. Damit beginnen die ersten Probleme.

Denn der Bafög-Antrag wird abgelehnt. Man sagt ihr, die Förderungsgrenze liege bei 30 Jahren. Aische G. ist damals 31. "Ich habe eine große Wut gehabt", erinnert sie sich. Sie habe immerhin zehn Jahre gearbeitet und Steuern bezahlt. Rauter schaltet sich ein. Eine Altersgrenze dürfe dem Bundesausbildungsförderungsgesetz zufolge keine Rolle spielen, wenn "außerordentliche Ereignisse" in der Biografie auftauchten, liest Rauter nach. Eine Scheidung sei kein solch einschneidendes Ereignis, bescheinigt man ihm.

Zwischenzeitlich erhält Aische G. die Nachricht, dass sie den gewünschten Ausbildungsplatz in der Kinderpflegeschule bekommen wird. Sie hat ein Ziel vor Augen: "Ich will mich weiterbilden." In der Tagesstätte, in der sie früher gearbeitet hat, freut man sich für sie. Dort macht Aische G. ein Praktikum, die Einrichtungsleiterin würde sie später gerne übernehmen. Doch wie soll sie bis dahin ihren Lebensunterhalt bestreiten? Ein halbes Dutzend Mal fährt Rauter nach Fürstenfeldbruck, um sich in Arbeitsagentur und im Jobcenter durchzufragen. In der Arbeitsagentur habe er die Aussage erhalten, man sei nur zuständig für Leute, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden. Jemand in Ausbildung tue das aber nicht. Die Bewilligung für das Arbeitslosengeld wird aufgehoben. Auch das Jobcenter, das Hartz-IV-Leistungen vergibt, sieht Rauters Schilderungen zufolge keine Möglichkeit, da G. ja eine Beschäftigung hatte, die sie freiwillig aufgeben hat.

Um allen Anforderungen zu genügen, haben Rauter und Aische G. mittlerweile 32 Anlagen für die Ämter zusammengestellt: Formblätter, türkische Zeugnisse - übersetzt -, Lebenslauf, Personalausweis, Gehaltsabrechnungen, Lohnsteuerbescheinigungen, Untermietvertrag mit dem Frauenhaus, Aufenthaltsbestätigung des Frauenhauses, Kontoauszüge, Erklärung des Kreditinstituts, Erklärung der Krankenkasse, Erklärung und Bescheinigung der Kinderpflegeschule, Angabe zu Kraftfahrzeugen, Bestätigung einer Praktikumsstelle parallel zur Ausbildung, Sprachzertifikat B 2 und auch den Nachweis, dass sie dauernd getrennt lebt. "Alles SGB-konform", also von der Sozialgesetzgebung gedeckt und "so gesehen keine Schikane", weiß Rauter. Allerdings empfindet er die Bereitschaft in den Ämtern, Hilfesuchenden ein wenig Empathie entgegen zu bringen, als "äußerst sparsam ausgeprägt", wie er höflich umschreibt, dass Einzelschicksale in den Amtsstuben offenbar kaum interessieren.

Und das nächste Problem wartet schon: Im Frauenhaus können Betroffene nicht unbegrenzt lange bleiben. Doch wohin im teuren Münchner Großraum? Rauter rät, vorsorglich einen Antrag auf Mietzuschuss zu stellen. Inzwischen stellt sich auch die Frage, wie G. eigentlich krankenversichert ist, seit sie gekündigt hat, um die Schule beginnen zu können. Rauter bleibt am Ball, eine weitere Nachfrage beim Jobcenter - "jetzt eine Stufe höher", wie er sagt - führt dazu, dass E. eine Härtefallklausel im Sozialgesetzbuch nutzen kann. "Warum aber musste das fast drei Monate dauern?", fragt sich Rauter. G. freut sich. Derweil geht die Suche nach einer Wohnung weiter, auch die Suche nach einer WG endet ohne Erfolg. Dann hat sie endlich Glück. Über eine städtische Stelle kann sie in ein gerade fertig gestelltes Appartement ziehen.

Und noch etwas gibt es zu klären: G. war "aus nicht nachvollziehbaren Gründen", wie Rauter sagt, in zwei Mobilfunkverträge geraten. Die Bitte, daraus entlassen zu werden, schlägt fehl. Rauter schreibt einen Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Telefongesellschaft und schildert die Umstände. Keine Reaktion. Dann schreibt er nochmals, droht mit der Kündigung seines eigenen Vertrags. Nun meldet sich die Beschwerdestelle des Anbieters mit der Mitteilung, man würde Frau G. aus dem Vertrag entlassen.

Die Politik, sagt Rauter abschließend, dürfe nicht zulassen, dass Menschen, die selbstverantwortlich handelten, sich im bürokratischen Gestrüpp verhedderten - "in Abteilungen, von denen, die eine nicht weiß, was die andere tut oder welche Möglichkeit sie hätte". Aische G. hat es in ihren "Traumberuf", wie sie ihn nennt, geschafft, im Juli wird sie die Ausbildung zur Kinderpflegerin beenden. Doch den Ämtern, sagt Rauter, fehlten Ansprechpersonen für "unklare Ausgangslagen", die Betroffene vorab mit Überblick beraten: So jemand hätte Aische G. "in einer Stunde klar machen können, welchen Weg sie beschreiten muss".