Germering Die Welt in Schwarzweiß

Mit beeindruckender Akrobatik zeichnen die "Moving Shadows" in der Stadthalle einen Schattenriss der Realität

Von Karl-Wilhelm Götte, Germering

Eine Reise um die Welt. Eine Reise in die Welt der Schatten. Der Abend mit den "Moving Shadows" in der fast ausverkauften Germeringer Stadthalle ist jedoch keine Reise in die Abgründe der Schattenwelt. Diese Welt der Schatten ist voller Sonne und Licht, hell und warm, und selbst beim Silhouetten-Schlittschuhlauf oder beim Schattenschneemannbauen im Schneetreiben wird es einem warm ums Herz - und im Verlauf des Abends oft ein wenig schwindlig ob des Tempos und der rasenden und rasanten Choreografie, die neun Frauen und Männer auf die Leinwand zaubern. Das Publikum nimmt die von Menschen und Menschenknäulen dargestellten Dinge, Tiere, Pflanzen und auch Geschichten in der magischen Schattenwelt mit großem Erstaunen und Begeisterung auf.

Die fantasievolle Truppe aus Köln glänzt mit turnerischen Höchstleistungen, begleitet von stets wechselnden, beschwingten, polyglotten Melodien aller Musikrichtungen und vor allem enormer Präzision. Waren wir nicht eben noch in Scherenschnitt-China? Nun sind wir schon in Indien gelandet, und ein Kind neben uns lacht laut über die Schattenkängurus und -emus, die sich da in Down Under tummeln - noch bevor wir den brummenden Klang als Didgeridoo erkannt haben. Und, fast wie auf einem Kreuzfahrtschiff, geht es zwischen all den Scherenschnitt-Stationen auch mal in die Disko. Ausruhen gibt's hier nicht, weder für die Darsteller, noch fürs Publikum. Eine Szene ist schöner als die andere. Da bleibt kaum Zeit, sich zu fragen, wie die Akteure das schaffen, mit purer Körperbewegung, mit Armen und Beinen und Beugen und Strecken, das Taj Mahal abzubilden oder das Brandenburger Tor, den Eiffelturm und dabei eine ganz eigene, unverwechselbare Stimmung zu erzeugen.

Jeder tanzt für sich und wächst oder schrumpft durch den raffinierten Einsatz der Spots auf die ihm zugedachte Größe. Das Kunstwerk entsteht im Zusammenspiel.

(Foto: Günther Reger)

Tiere und Bäume und Pflanzen, Pandabären und Büros, Häuser und Kirchen und Landschaften, Klaviere und Klavierspieler, eine fröhliche Familie im Auto (mit ausklappbarem Rückspiegel und der Option, das "Verdeck" zu öffnen und im Cabrio zu fahren) kurz: alles, was nur denkbar ist, und in jeder Szene, unterstützt von Ton und Licht. Und die Reise in so viele Welten führt auch in die Welt von Märchen, Musical und Film, Rapunzel, Hair oder James Bond. Erst in der Pause hat man Zeit, sich zu fragen, wie viele Arbeitsstunden mit welchen Tüfteleien hinter diesem akrobatischen Kunstwerk stecken, denn jede einzelne Figur muss ja ausgedacht, ausprobiert und einstudiert werden.

"Wir haben das drei Monate lang geprobt", wird Harald Fuß, Choreograf und Chef der Company, später erklären. Fuß war einst Absolvent der Kölner Sporthochschule. Inzwischen ist er 61 Jahre alt, aber seinen muskulösen Oberarmen sieht man immer noch seine Turnervergangenheit an. Mit anderen Sportkollegen hat er schon in den Achtzigerjahren eine Truppe gebildet, die Bewegungstheater aufführte. Jetzt lässt er mit Turnern, Tänzerinnen und Tänzer mit Ballettausbildung und Akrobaten hinter der Leinwand alles entstehen. Wirklich alles. Grenzen der Darstellung scheint es nicht zu geben. Pyramiden, ein Schlittenhundegespann, Winter in Alaska, Untergang der Titanic, einen Baum - alles aus einem Guss. Sechs Menschen - die zählt man bei der Auslösung der Figur - haben den riesigen Baum dargestellt, den die Besucher mit Szenenapplaus goutieren.

Tier, Pflanze, Fingerzeig: Die Interpretation bleibt dem Betrachter überlassen.

(Foto: Günther Reger)

Fragen tauchen auf. Wie geht das? Wie viele einzelne Arme und Beine braucht es, um zwei ganze Menschen fröhlich Schattenfahrrad fahren zu lassen? Welchen Abstand zur Leinwand? Denn je näher ein Körper von hinten an die Leinwand heranrückt, desto riesiger erscheint er. Wie funktioniert das, mit farbigen Projektionen von vorn und dem Scheinwerfer, der hinter der Bühne die Leinwand anstrahlt? Diese Fragen werden im Kopf sofort wieder verworfen, als plötzlich Spinnen an den Wänden krabbeln, fantasievolle Sandburgen am Strand gebaut werden und draußen auf dem Meer ein Wellenreiter auftaucht. Bei Star Treck mit leuchtendem Schwert oder den Dinosauriern blicken die Kinder im Saal gebannt nach vorne. Manche kennen Schattenspiele aus eigener Erfahrung - wenn sie abends im Bett liegen und im Schein der Leseleuchte mit den Händen Häschen und Krokodile an die Wand malen. Harald Fuß denkt an ein neues Programm. "Das wird schwer", sagt er, "ich habe bei der aktuellen Reise um die Welt schon jetzt kaum etwas ausgelassen."