Fürstenfeldbruck Wildbret an Cäsium

Jäger und Veterinäre werden immer noch mit den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl konfrontiert

Von Erich C. Setzwein

Mehr als 27 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist das Fleisch von Wildtieren noch immer so hoch mit dem radioaktiven Cäsium belastet, dass es teilweise nicht verwertbar ist. Betroffen sind in erster Linie Wildschweine, die mit ihren Schnauzen den Boden nach Nahrung durchwühlen und zum Beispiel ebenfalls belastete Pilze fressen. Die Belastung sei höchst unterschiedlich, berichten Jäger, und auch amtliche Untersuchungen belegen dies.

Radioaktive Stoffe aus dem Atomkraftwerk Tschernobyl stecken immer noch im Boden. Wildschweine nehmen sie auf.

(Foto: dpa)

"Nach Tschernobyl hat man uns gesagt, dass die Belastung mit Cäsium nach 25 Jahren zurückgeht, weil es tiefer in den Boden eindringen wird", erinnert sich Rainer Grüter, Kreisjagdberater aus Egenhofen. Doch als die 25 Jahre um waren, sei die Cäsium-Belastung immer noch hoch gewesen, der radioaktive Stoff, herübergeweht über 1400 Kilometer aus der Ukraine, war keineswegs tiefer im Boden.

"Teilweise ist die Belastung sehr hoch, und dann gibt es Frischlinge, die überhaupt kein Cäsium aufweisen", sagt Grüter. Festgestellt würde das nach der obligatorischen Fleischbeschau, bei der neben der Prüfung auf die für den Menschen gefährlichen Trichinen auch auf Radioaktivität getestet werde. Die Jäger handeln da durchaus in eigener Verantwortung, die Kontrolle übernehmen sogenannte qualifizierte Messstellen im Auftrag des Landesjagdverbandes.

Im Kreis Fürstenfeldbruck sind nach Angaben des Veterinäramtes in den Jahren 2010 bis 2012 insgesamt 194 Wildschweine offiziell untersucht worden. Von diesen Tieren hätten 35 den Grenzwert für Cäsium 137 von 600 Becquerel pro Kilogramm überschritten. Laut dem bayerweiten Probenplan wurde im vergangenen Jahr ein Wildschwein untersucht, und dessen Cäsium-Belastung im Fleisch war laut Behördensprecherin Pia Schmahl "weit unter dem Grenzwert".

Jagdberater Grüter berichtete davon, dass zwischen 1. April 2012 und 31. März 2013 über 430 Wildschweine innerhalb der Kreisgrenzen geschossen wurden. Grüter zufolge hat sich in den dichten und zusammenhängenden Wäldern der bayerischen Staatsforsten bei Moorenweis und Geltendorf eine starke Population entwickelt, die die Jagdausübungsberechtigten seit einigen Jahren beschäftige. Dort seien auch gut zwei Drittel aller erlegten Wildschweine geschossen worden.

Die Bejagung aber sei schwierig. Gingen einzelne oder einige Jäger zusammen auf die Jagd, müssten sie nachts ansitzen. Da heißt es dann warten. Oft ohne Erfolg. Die Sauen bei Drückjagden aus ihren Verstecken aufzustöbern, brächte ebenfalls nicht den erwünschten Erfolg, die Bestände zu verkleinern. "Sie sind einfach gewitzter", sagt Grüter respektvoll, "sie kennen die Jagdmethoden der Menschen." Daher blieben ganze Rotten, die Leitsau mit den Frischlingen, im Dickicht, bis die Jäger an ihnen vorbeigezogen seien.

Das Interesse der Revierpächter an überschaubaren Wildschwein-Beständen liegt unter anderem darin begründet, dass die Jäger gegenüber Grundbesitzern schadenersatzpflichtig sind. Zerstört eine Rotte Wildschweine ein Maisfeld, könnte der betroffene Landwirt Regress verlangen. Allerdings habe es in jüngster Zeit keine größeren Schäden gegeben, sagt der Fachberater.

Geholfen hat den Jägern auch, dass manche Bauern den Empfehlungen gefolgt seien und mit dem Mais- und Getreideanbau nicht mehr direkt an den Waldrand gerückt seien. Außerdem seien in den Maisfeldern sogenannte Schussgassen angelegt worden, damit die Sauen weniger Deckung haben, wenn sie bei Jagden in die Felder flüchten.