Fürstenfeldbruck Protest gegen Erdoğans Politik

Gegen Erdoğan: die Demonstranten mit den Referenten Songül Akpinar (dritte von rechts) und Erkan Dinar (rechts).

(Foto: Günther Reger)

Redner kritisieren in Fürstenfeldbruck Verhaftungen und Entlassungen nach dem Putschversuch

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Wenn in der Türkei die Völker aufeinander schlagen, dann ist das dem Bürger hierzulande ziemlich egal. So heißt es in Goethes "Faust", und daran hat sich nicht viel geändert. Auch die Brucker zogen es am Freitagabend vor, nach Hause zu eilen, statt gegen die Zustände in der Türkei zu demonstrieren. Ein Dutzend Menschen war dem Aufruf der Partei Die Linke, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, des Sozialforums Amperland sowie des Bündnisses "FFB ist bunt" gefolgt und kam zur Kundgebung gegen das autokratische Regime des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf dem Platz vor der Sparkasse, beschirmt von vier Polizisten in Uniform und vielleicht auch einigen in Zivil. Zwischenfälle gab es keine. Die Veranstalter mochten Übergriffe von Erdoğan-Anhängern oder gar den faschistischen Grauen Wölfen gefürchtet haben, aber die blieben aus.

Lediglich ein Pärchen beobachtete das Geschehen vor der Sparkasse am Hauptplatz mit ablehnenden Gefühlen. "Da wird nur die Türkei schlecht gemacht", sagte der junge Mann, in Deutschland geboren, aber mit türkischen Vorfahren. Er sei zwar kein Anhänger Erdoğans und auch die Entlassungen und Verhaftungen finde er schlecht, aber in den deutschen Medien würden die Geschehnisse in der Türkei zu einseitig dargestellt. Das Land befinde sich doch im Krieg mit den Kurden.

Die Demonstranten sahen das anders. Der missglückte Putsch vom Juli werde genutzt, um eine Diktatur aufzurichten, sagte Erkan Dinar, einer der Redner. Er ist Mitglied im Landesvorstand der Linkspartei sowie Stadt- und Kreisrat in Weißenburg an der Donau. Vor drei Jahren hatte das Regime die landesweiten Proteste niedergeschlagen, die sich an den Auseinandersetzungen um ein Bauprojekt auf einem Platz in Istanbul entzündet hatten. Im Sommer 2015 begann die Regierung gegen die kurdische Zivilbevölkerung im Südosten militärisch vorzugehen. Inzwischen sind mehrere Zehntausend Türken entlassen und zwischen 10 000 und 20 000 verhaftet worden, darunter Journalisten, Wissenschaftler und Politiker der oppositionellen Kurdenpartei HDP.

"Die HDP stört den Sultan Erdoğan, der in seinem Palast mit den tausend Zimmern ungestört regieren will", sagte Dinar in seiner Rede. Der türkische Präsident paktiere mit Dschihadisten und pflege die gleiche Gesinnung wie die antisemitische Hamas im Gaza-Streifen oder die ägyptischen Muslimbrüder. Der Streit mit der Gülen-Bewegung, die dem Präsidenten als Drahtzieher des Putschversuches gilt, drehe sich dagegen nur um Pfründe. "Die haben keine ideologischen Differenzen", sagte Dinar. Songül Akpinar vom Münchner Ausländerbeirat wies in ihrem Beitrag darauf hin, dass HDP-Bürgermeister abgesetzt und eingesperrt wurden. "Wir rufen alle Freunde des Friedens, der Demokratie und der Menschlichkeit auf, zu protestieren", rief Akpinar.

Mehr als 4000 Menschen aus der Türkei hätten in den vergangenen Wochen und Monaten in Deutschland um Asyl ersucht, darunter auch die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft, schrieb die GEW-Kreisvorsitzende Margot Simoneit in ihrer Grußbotschaft. Sie erinnerte an ungehinderte Waffenlieferungen für die IS-Terroristen über die türkische Grenze. Helmut Zicklbauer vom Linken-Kreisvorstand kritisierte auch die Bundeskanzlerin. Angela Merkel verharmlose die Situation in der Türkei, um den Flüchtlingsdeal zu retten, sagte er und verwies auf die anhaltenden deutschen Waffenlieferungen an den Nato-Partner.