Fürstenfeldbruck Politik und Ökonomie in der Zeitmaschine

Kommunikation auf Augenhöhe: Fraunhofer-Forscher Wilhelm Bauer (links) im Zwiegespräch mit Oberbürgermeister Erich Raff.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Ziel des Brucker Wirtschaftsempfangs ist es, ins Gespräch zu kommen und sich kennen zu lernen. Diesmal verhilft ein Wissenschaftler sogar zu einem Blick in die Zukunft: Wilhelm Bauer prophezeit, dass die Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz nochmals revolutioniert wird

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Es gibt Parallelen zwischen dem Wirtschaftsempfang der Stadt und der Champions League: Hier wie dort fallen Entscheidungen oft erst nach der regulären Spielzeit in der Verlängerung. In Fürstenfeld findet jene nach dem offiziellen Programm Rede, Referat und Musik am Büfett statt. An Bar oder Bistrotisch spielen sich Politiker und Vertreter der Wirtschaft den Ball zu. Unternehmer können ihre Anliegen ohne Einhaltung des formal bürokratischen Dienstwegs an den Mann und die Frau bringen, man lernt sich kennen, kann Namen Gesichter zuordnen oder pflegt bestehende Kontakte.

Die Stadt als Ausrichter des Empfangs will sich auf diese Weise zudem erkenntlich zeigen für das Engagement der Unternehmer - Oberbürgermeister Erich Raff räumt denn auch unumwunden ein, dass die Vertreter der Wirtschaft die Veranstaltung letztlich über die Gewerbesteuer selbst finanziert haben. 150 Gewerbetreibende haben die Einladung der Stadt angenommen und lassen sich vom Vokalensemble "Stimmband" der Kreismusikschule unter Leitung von Daniela Hennecke mit der "Swinging Prelude" auf Betriebstemperatur bringen. Nicht ganz so stimmgewaltig skizziert Raff, der erst vor ein paar Tagen zum neuen Brucker OB gewählt worden ist, die Eckdaten von Stadt und Wirtschaft: Man erfährt, dass das Durchschnittsalter der gut 38 000 Fürstenfeldbrucker bei 42,33 Jahren liegt, die Zahl der Auspendler mit 10 452 die der Einpendler (10 174) nun doch wieder leicht übersteigt, die Arbeitslosigkeit mit unter drei Prozent eigentlich eher Vollbeschäftigung ist und die Zahl der gemeldeten Betriebe sich bei 1034 stabilisiert hat. Raff macht aber auch klar, wo allen der Schuh drückt: Es fehlt an Flächen für den Wohnungsbau und für die Ansiedlung weiterer Unternehmen. Lediglich im Nordwesten des Gewerbegebiets Hasenheide gebe es möglicherweise noch etwas Spielraum.

Wilhelm Bauer, 60, denkt in größeren Dimensionen. Der Leiter des in Stuttgart ansässigen Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation denkt vor allem voraus. Dem renommierten und rhetorisch beschlagenen Referenten geht es ums große Ganze. Oder, um es noch wuchtiger klingen zu lassen, um "a smarter World". Im Saal sitzen Versicherungsagenten, Banker, Vertreter von Hightech-Firmen, aber auch Chefs und Chefinnen von Lebensmittel-, Brillen-, Schmuck- sowie Tee- und Kräutergeschäften. Niemand von ihnen wird sich dem Trend entziehen können, versichert der Professor. Seine Botschaft: Die ganze Wirtschaft wird auf links gedreht, und wer nicht mitmacht, der geht unter. Ganz so direkt sagt es Bauer nicht. Vor allem sieht er es positiv. Also: Wer mitmacht und bereit ist, sich die neuen Kenntnisse im Bereich der künstlichen Intelligenz anzueignen, wer mit Themen wie IT-Sicherheit oder Cloud Computing sachkundig jonglieren kann, der wird überleben - und das auch noch sehr erfolgreich. Deutschland habe seine Innovationskraft immer wieder unter Beweis gestellt, dürfe sich aber nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, so Bauer sinngemäß. Wie die schöne neue Welt künftig aussehen könnte? Statt Benzinkutschen könnten Kunden künftig die Mobilitätsdienstleistung kaufen, um vom Punkt A zum Punkt B zu kommen - egal ob mit Bahn, E-Bike, gemeinsam genutztem Elektroauto oder auch mit einem Mix daraus. Und die Handy-App zeigt minutengenau, wann der Backofen im Supermarkt die warmen Brezen ausspuckt. In China wurde bereits gezeigt, dass man ein ganzes Haus mit einem 3-D-Printer ausdrucken kann. Keine Bange: Diese erneute technische Revolution verursacht mitnichten eine Massenarbeitslosigkeit. Die Deutschen werden älter, viele gehen in Ruhestand - im Laufe des nächsten Jahrzehnts sei es lediglich erforderlich, so Bauer, etwa eine halbe Million Menschen weiterzuqualifizieren.

Klingt nach ferner Zukunftsmusik. Bruck könnte sich dennoch bereits in kleinen Schritten auf den Weg machen. Da passt es ins Bild, dass in der Nachspielzeit am Büfett ein IT-Experte Interesse an Büroräumen in der Stadt bekundet. Die hat vorgesorgt und lotet mit ihren Fragebögen ("Ihre Meinung ist gefragt") passenderweise unter anderem das Interesse an Gewerbehöfen sowie Bürozentren aus.