Fürstenfeldbruck Langer Weg zur Erinnerungskultur

Die NS-Zeit wurde in Fürstenfeldbruck jahrzehntelang tabuisiert. Erst 1990 begann die Mauer des Schweigens zu bröckeln. Mittlerweile gibt es Mahnmale und Stolpersteine, aber noch immer zu wenig Aufklärung

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Kolonnen ausgemergelter, halbtoter Menschen in dünner, löchriger und schmutziger Kleidung mit Holzpantinen an den Füßen wurden bei Kriegsende durch die Dörfer des Landkreises getrieben. Tausende müssen sie gesehen haben, die Überlebenden der KZ-Außenlager in Landsberg, die dort Betonbunker für die Fertigung von Kampfflugzeugen bauten. Im November 1946 berichteten die Gemeinden an das Landratsamt über die Todesmärsche, Pfarrer schilderten die Ereignisse dem Ordinariat in München. Die Amerikaner und eine niederländischen Kommission untersuchten die Vorgänge. Doch in der Nachkriegszeit verschwanden die Ereignisse aus der öffentlichen Erinnerung, als hätten sie nie stattgefunden.

Die einzigen Gedenkveranstaltungen in dieser Zeit waren jene für die sogenannten Heimatvertriebenen. Vormalige Wehrmachtsgeneräle weihten 1961 ein Luftwaffenehrenmal am Fliegerhorst ein, das an die faschistische Ästhetik anschloss und den rassistischen Eroberungskrieg zum Freiheitskampf umdeutete. Niemand fand etwas dabei, Straßen nach Nationalsozialisten, Antisemiten und Rassisten zu benennen. Fleißige Chronisten blendeten die Nazizeit aus, verharmlosten diese oder griffen gar nazistische Vorstellungen auf.

So schrieb der Brucker Kulturreferent Lorenz Lampl noch 1985 in einer Ortschronik, "das Judenproblem stellte sich in Bruck nicht" oder "wilde Nazis im extremen Sinn gab es in Bruck kaum. .In Gröbenzell veröffentlichte der Bestsellerautor Otto Zierer (1977) eine Chronik, in der es heißt: "Von der Partei und ihren Aktivitäten spürte man nur wenig, die meisten Gröbenzeller blieben gute Nachbarn und Mitbürger." Das ist krasse Geschichtsklitterung: Brucker waren schon in der so genannten Kampfzeit der NSDAP äußerst aktiv, einige beteiligten sich am Hitlerputsch 1923, manche von ihnen waren üble Schläger. Gröbenzell war eine frühe Hochburg, wo die NSDAP mit etwa 35 Prozent bereits 1930 ein Rekordergebnis erzielte.

Für diese Verdrängungsleistung, die prominente Beobachter wie Hannah Arendt landauf landab in der Nachkriegszeit registrierten, gibt es eine zentrale Ursache. Der Nationalsozialismus war eine Zustimmungsdiktatur. Die Masse der Volksgenossen, wie sie im Jargon der Partei hießen, erwies sich als Mitläufer und Täter. Die Gestapo kam mit wenig Personal aus und verließ sich auf Denunzianten.

Im Lauf der Jahre verzeichnete die NSDAP in Fürstenfeldbruck rund 1300 Parteieintritte, darunter viele alteingesessene Handwerksmeister, Geschäftsleute, Künstler und Beamte. Kurt Lehnstaedt hat für Gröbenzell festgestellt, dass ein Drittel der Einwohner der Partei angehörten. Gerade die lokalen Eliten und die Mittelschicht hatten also allen Grund zu vertuschen, zu verheimlichen und zu relativieren, auch wenn an den Stammtischen der Krieg lautstark gewonnen wurde.

Durch die Recherchen des Lehrers Ulrich Bigalski sowie der Journalisten Anselm Roth und Dirk Walter wurden die Todesmärsche um 1990 wiederentdeckt. Die Mauer des Schweigens war durchbrochen, aber erst als die alten Nazis den Löffel abgegeben hatten. Es folgten etliche Werke, in denen die NS-Zeit adäquat und auf wissenschaftlichem Niveau behandelt wurde. Heute gibt es die Mahnmale in Bruck und Gröbenzell, Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus, allerlei Publikationen und Diskussionen. Andererseits erscheinen immer noch neue Ortschroniken, in denen die braune Vergangenheit oberflächlich statt aufklärend abgehandelt wird. In Puchheim-Ort steht ein Kriegerdenkmal mit der Inschrift "Helden gefallen im Ringen/um Deutschlands Ehre und Sein/Nie wird ihr Name verklingen/Heilig soll er uns sein." Das ist NS-Apologie pur.

Überall gibt es zweifelhafte Straßenpatrone. In Emmering wird der Bauunternehmer Josef Hebel gewürdigt, der dass größte Zwangsarbeiterlager im Landkreis einrichtete. In Olching existiert eine Warthegaustraße, benannt nach dem "Reichsgau" in Polen, dessen jüdische Bevölkerung in Chelmno ermordet wurde. Diverse Straßen sind nach Radauantisemiten wie dem Turnervater Jahn oder Richard Wagner benannt. In Gröbenzell und Maisach findet man den Schriftsteller Hermann Löns, der erklärte, dass "Naturschutz gleichbedeutend mit Rassenschutz" sei.

Bruck ist kein Einzelfall, aber die einzige Kommune im Landkreis, in der darüber gestritten wird. Gerade diese streckenweise aggressiv und faktenresistent geführte Diskussion zeigt, dass im Kontext des Rechtsrucks ein Rückfall in Sachen Erinnerungskultur droht. Allzu viele rechnen Verbrechen mit vermeintlich guten Taten auf: Messerschmitt hat doch den Kabinenroller gebaut und Wernher von Braun die Mondrakete. Im Streit über den Schriftsteller Julius Langbehn, der in Puch mit einer Straße geehrt wird, wurde sogar offen und öffentlich seine rassistische Ideologie verteidigt.

Solchen Leuten gilt es, entschieden entgegenzutreten. Was die Vergangenheit betrifft, sollten wir den Rat von Margret Mitscherlich beherzigen: Nur Trauern, Erinnern und die Konfrontation mit ihr können vor Wiederholung schützen.

Dieser Text ist die Zusammenfassung eines Vortrags, den der Autor am Donnerstag im Brucker Bürgerpavillon für das Sozialforum Amper gehalten hat.