Fürstenfeldbruck Dribbler auf dem Prüfstand

Zum Talentsichtungstag des SCF kommen 25 Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis sowie aus benachbarten Städten. Im Blickpunkt stehen Ballgefühl, Durchsetzungsvermögen und schnelle Auffassungsgabe

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Ein vielleicht sieben Jahre alter Junge geht an der Hand des Vaters vom Kunstrasenplatz Richtung SCF-Sportheim. Er trägt ein T-Shirt in brasilianischen Nationalfarben, Turnhose sowie Fußballschuhe. "Und, wie war's?", fragt ihn sein Vater. "Wir haben gewonnen", erwidert sein Sohn strahlend. Der Abend also hat sich offenbar gelohnt. Es ist eine Szene am Rande des Talentsichtungstags beim Sportclub Fürstenfeldbruck (SCF). Sie illustriert, was für die Jugendspieler der Jahrgänge 2005 bis 2010 besonders wichtig ist: Einfach kicken, Tore schießen, gewinnen - auch wenn es nur um die Goldene Ananas geht.

Fürstenfeldbrucks U11-Trainer Cengiz Yildiz gibt Anweisungen für die nächste Übung. Die Jugendlichen sollen Spaß haben, aber es braucht auch Disziplin.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ob der SCF gewinnt, muss sich noch herausstellen. Für die sechs Jugendtrainer, die die 25 Kinder in drei Gruppen eingeteilt haben, geht es ganz konkret um die Nachwuchsgewinnung für den SCF und damit um so etwas wie Qualitätssicherung. Im Idealfall öffnen sich jenseits des reinen Spaßfaktors auf lange Sicht auch für die jungen Fußballer neue Türen. Der Verein genießt - bei allen personellen und finanziellen Querelen an der Spitze - vor allem im Jugendbereich einen exzellenten Ruf und belegt in Ligen und bei Turnieren oft vordere Plätze. Dadurch freilich weckt er auch Begehrlichkeiten: Die besonders guten Spieler werden regelmäßig von Talentscouts in den Fokus genommen und dann manchmal von namhaften Vereinen wie dem FC Augsburg, 1860 München oder dem FC Bayern abgeworben - 2015 waren es jahrsgangsübergreifend insgesamt 17 Spieler aus dem Jugendbereich.

Ballgefühl und Ballkontrolle sowie Lernbereitschaft sind in dem Alter noch wichtiger als schnörkelloses Passspiel und Kondition.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Reimschüssel ist beim SCF Trainer der unter Siebenjährigen (U7) und unter Neunjährigen (U9). Er verfolgt die Entwicklung mit Sorge. Die "Zusammenarbeit mit den "Platzhirschen" ist ihm zu einseitig - vor allem seit der FC Bayern 2012 Kooperationen mit anderen Fußballvereinen in der Münchner Region gekündigt hat, so auch mit Fürstenfeldbruck. Gemeinsam mit Kleinfeldkoordinator Thomas Hartl hat Reimschüssel erstmals den Talentsichtungstag organisiert. Dieser soll helfen, die Lücken zu füllen. Für die meisten Jungs, die gemeinsam mit ihren Eltern aus dem ganzen Landkreis und sogar aus benachbarten Städten wie München oder Dachau gekommen sind, wäre die Aufnahme in eines der SCF-Teams ein sportlicher Aufstieg. Manche nehmen das Angebot im Sportzentrum aber auch deshalb wahr, um die Stärken und Schwächen des eigenen Kindes einmal von Trainern jenseits des eigenen Vereins bewerten zu lassen.

Förderung von SCF und BFV

Das U11-Team des SCF spielt Kreisklasse der D-Junioren, die U12 in der Kreisliga. Die U13 spielte in den vergangenen Jahren regelmäßig in der Bezirksoberliga (BOL) und damit der höchsten Spielklasse - zurzeit belegt sie dort hinter dem FC Bayern - der allerdings mit einem jahrgangsjüngeren Team spielt) den zweiten Platz. Die Mannschaften bis zur U12 spielen fast immer gegen ein oder zwei Jahre ältere Gegner. Im Mittelpunkt steht die fußballtechnische Ausbildung, vor allem im Bereich der Ballkontrolle und im eins gegen eins. Bis zur U10/11 werden die Spieler auf allen Positionen eingesetzt, wobei Feldspieler auch im Tor spielen und umgekehrt. Ab der U12 finden dann auch erst regelmäßiges Torwarttraining und die ersten Einheiten Athletiktraining statt. Der wohl erfolgreichste Spieler mit Wurzeln in Fürstenfeldbruck ist der 24-jährige Adelshofener Benedikt Saller, der bereits beim FSV Mainz 05 gespielt hat.

Nach einem ähnlichen Prinzip wie der Talentsichtungstag des SC Fürstenfeldbruck sind die überregionalen Veranstaltungen des Bayerischen Fußballverbands (BFV) aufgebaut, die in diesem Jahr für den Jahrgang 2005, also Spieler der U11-Mannschaften, bayernweit am 17. Juli stattfinden - so auch in Bruck an der Klosterstraße 2 oder in Ampermoching im Landkreis Dachau. Wer dort ausgewählt wird, bleibt in seinem Heimatverein, erhält aber zusätzlich einmal pro Woche in einem der 45 BFV-Stützpunkte ein Zusatztraining. Online-Anmeldung noch bis zum 30. Juni unter ergebnisse1.bfv.de/editTalentsichtung.do.slg

Während etwa 40 Väter und Mütter hinter der Phalanx der Trinkflaschen im Schatten sitzen, kümmern sich bei brütender Hitze je zwei Trainer um die drei Gruppen. Im Mittelpunkt steht die individuelle Technik am Ball, das Dribbling eins gegen eins oder auch eins gegen zwei. Bei manchen Fußballvereinen ist die Erkenntnis eingekehrt, dass diese Fähigkeiten, die "Straßenfußballer" vom Schlage eines Franck Ribéry noch quasi blind beherrschen, bei der Ausbildung zu sehr ins Hintertreffen geraten und Kinder zu früh aufs schnörkellose Passspiel getrimmt werden. Im Blickpunkt stehen beim Talentsichtungstag aber auch das Durchsetzungsvermögen und die schnelle Auffassungsgabe beim Umsetzen der Übungen. Positionsspiel oder Kondition sind an diesem Tag nicht so wichtig. Auch hier zeigt sich, dass sich Kinder und Jugendliche ganz besonders begeistern lassen, wenn sie in einer Wettkampfsituation sind, eins gegen eins oder auch Mannschaft gegen Mannschaft. So wieseln die Sechs- bis Neunjährigen in ihrer Gruppe mit dem Ball am Fuß durch den Slalomparcours, um diesen möglichst schneller in dem kleinen Tor zu versenken als der Kontrahent auf der Nachbarbahn. Die Zehnjährigen stellen sich derweil komplexeren Aufgaben - laufen in vorgegebene Positionen, spielen Doppelpässe, umrunden einen imaginären "Pylonen-Gegner" und versuchen am Ende, den Torwart zu bezwingen. Vor allem aber im Spiel vier gegen vier mit durchwechselndem Torwart wird schnell klar, wer beidfüßig stark am Ball ist, wer schießen kann oder auch Qualitäten als Verteidiger mitbringt. Wer auffällt, erhält nach Auswertung der Traineraufzeichnungen eine Einladung zum regulären SCF-Jugendtraining - etwa die Hälfte der Bewerber werden ein paar Tage später eine solche Mitteilung erhalten.

Einer der Spieler, der sicherlich auch U11-Jugendtrainer Cengiz Yildiz aufgefallen ist, ist Paul Schnell-Kretschmer. Der hochgewachsene Zehnjährige hat gute Ballkontrolle, einen ordentlichen Antritt und einen strammen Schuss. "Dabei kann er auf dem kleinen Feld seine Schnelligkeit und Kopfballstärke noch gar nicht ausspielen", sagt sein Vater Steffen, der gemeinsam mit seiner Frau Eva aus Pullach gekommen ist und am Spielfeldrand steht. Paul spielt seit vier Jahren im Verein. Von Pullach ist er zur DJK Würmtal gewechselt, die mit der Münchner Fußballschule kooperiert. Dort wird er meist als Abwehr- oder Mittelfeldspieler eingesetzt. Seine Stärken stechen ins Auge. Wie aber ist es mit Schwächen? "Mein linker Fuß", räumt Paul unumwunden ein.

Weil die Familie nach Grafrath ziehen will, wird Paul die DJK wohl verlassen müssen. Auf den SCF und das Probetraining hat die Familie eine Bekannte aufmerksam gemacht. Die eineinhalbstündige Trainingseinheit habe Spaß gemacht, sagt Paul, die Trainer machen einen guten Eindruck auf ihn, außerdem seien sie "nett".

Nicht immer haben die Trainer des eigenen Vereins Verständnis für Spieler, die an solchen externen Sichtungen teilnehmen. "Nicht sehr begeistert" gewesen sei auch der Betreuer seines Sohns Arda, berichtet Abdullah Efe, der von seiner Frau Yasmin begleitet wird. Der Siebenjährige spielt in der F2 beim TSV Fürstenfeldbruck West. Die Familie wohnt in Maisach, da macht es nicht viel Unterschied, ob der Sohn nun zweimal die Woche zum Training in den Brucker Westen oder gleich zum Sportzentrum an der Amper gebracht wird. Hauptsache, der "fußballverrückte" Sohn wird nicht unterfordert und verliert deshalb nicht die Lust an dem Mannschaftssport. Der bringt nicht nur Fitness, sondern auch soziale Kompetenz. Den Leistungsgedanken stellt Efe nicht in den Mittelpunkt. So ehrgeizig wie manche anderen Eltern ist er nicht. Sicher, auch Thomas Müller hat klein angefangen. Aber Efe weiß, dass Talent allein nicht reicht, um später die Profikarriere einzuschlagen, von der jedes zweite Kind in diesem Alter noch träumt. Da sind selbst für die Besten der Besten noch viele Hürden zu nehmen. Nur sehr wenige schaffen das - mit viel Glück, sofern ihnen keine Verletzungen dazwischen kommen, sofern sie in der Pubertät nicht die Lust am Fußballspielen verlieren - und sofern sie optimal gefördert werden.