Fürstenfeldbruck Asylbewerber demonstrieren gegen Lebensbedingungen in Unterkunft

Viele der Demonstranten, die in der voll belegten Sammelunterkunft leben, stammen aus Nigeria.

(Foto: Voxbrunner Carmen)
  • 200 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft am Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck haben vor dem Landratsamt demonstriert.
  • Sie protestierten gegen die Lebensbedingungen in der Sammelunterkunft und die Streichung des Taschengelds.
  • Ein Polizeibeamter wurde bei dem Einsatz verletzt, zwei Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen.
Von Stefan Salger

Etwa 200 Asylbewerber haben am Mittwoch mit einer spontanen Demonstration die Kreuzung vor dem Brucker Rathaus blockiert. Sie protestierten gegen die ihrer Meinung nach unzumutbaren Lebensbedingungen in der Sammelunterkunft am Fliegerhorst und die Streichung des Taschengelds. Ein Polizeibeamter wurde bei dem Einsatz verletzt, zwei Demonstranten wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Um 7 Uhr sind die Demonstranten, begleitet von der Polizei, von ihrer Unterkunft aus gestartet. Es ist 8.30 Uhr, als die Situation dann vor dem Brucker Rathaus zu eskalieren droht. Nachdem der Verkehr im Zentrum vollkommen zum Erliegen gekommen ist und weil die Asylbewerber sich weigern, die Fahrbahn zu verlassen, gibt ein Beamter das Signal: "Fertig machen". Die etwa 50 Beamten aus Fürstenfeldbruck, die meisten in dunklen Overalls und ausgerüstet mit Schutzweste, Schlagstock sowie Arm- und Beinschutz, formieren sich zu einer Kette.

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Da ist klar, dass Appelle und Diplomatie nicht gefruchtet haben. Oberbürgermeister Erich Raff hatte gemeinsam mit Brucks Polizeichef Walter Müller und Präsidiumssprecher Hans-Peter Kammerer versucht, die Demonstranten zum Räumen der Kreuzung zu bewegen. Diese aber sind überzeugt, auf der Fahrbahn vor dem Rathaus die meiste Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie fordern, dass Fernsehsender Kamerateams schicken, um diesen ihr Anliegen vortragen zu können. Sie wollen keinen Meter zurückweichen, bevor diese Forderung nicht erfüllt ist.

Die Brucker Direktion setzt auf Deeskalation, informiert neben Printmedien auch überregionale Fernsehsender. "We have already informed the TV-Stations", ruft ein Beamter durchs Megafon. Mit den Lokalzeitungen wolle man sich nicht zufrieden geben, sagt ein aus Nigeria stammender Wortführer. Ein Kamerateam aber kommt nicht. Als die Beamten versuchen, die Menschenmasse langsam zurückzudrängen, wird der Einsatz zur Gratwanderung. Was eben noch wie ein Happening wirkte mit gemeinsamem Singen, Hochhalten von Plakaten und Wedeln mit gelben Forsythienzweigen, droht in Gewalt umzuschlagen.

Ein Beamter krümmt sich, nachdem ihm ein Demonstrant offenbar mit dem Finger ins Auge gelangt hat. Er wird ebenso von Mitarbeitern des Roten Kreuzes behandelt wie später eine hochschwangere Frau wegen einer Kreislaufschwäche. Polizisten setzen nun Helme mit Visieren auf. Die Stimmung wird aggressiv. Neun von zehn Demonstranten sind junge Männer, aber es sind auch mehrere Frauen mit Babys dabei. Sie gestikulieren, brüllen die Beamten an und prangern lautstark Missstände an.

Polizisten versuchen nach langen Verhandlungen, die Demonstranten vor dem Rathaus von der Fahrbahn zu drängen.

(Foto: Voxbrunner Carmen Mittelstetten)

In erneuten Verhandlungen können Vertreter der Polizei die Asylbewerber schließlich gegen 9 Uhr doch dazu bewegen, wieder zum 200 Meter entfernten Gerblpark zurückzukehren. Von dort hatte sie OB Raff gegen 7.30 Uhr Richtung Rathausinnenhof zu lotsen versucht - nicht ahnend, dass der Tross kurz vor Erreichen des geplanten Kundgebungsorts die zentrale Kreuzung blockieren würde. Raff war um 6 Uhr von der Polizei angerufen worden, die unter Berufung auf den Sicherheitsdienst von einer bevorstehenden spontanen Kundgebung berichtete.

Passanten beobachten die Demonstration aus der Distanz, filmen die Szenerie. Einige kommen ins Gespräch mit den Asylbewerbern. "Ich verstehe die Menschen schon irgendwie und natürlich haben sie auch das Recht zu demonstrieren, so lange alles friedlich abläuft", sagt Elmar Zahner, der mit seinem Hund unterwegs ist. Aber es gebe manchmal eine recht hohe Erwartungshaltung, die sich kaum erfüllen lasse.