Fürstenfeldbruck Abgespeckter Fahrplan für die S 4

Im neuen Gutachten für den zweiten Bahntunnel in München kommt die S 4 schlechter weg als heute. Das Ministerium spricht von einem "Mengengerüst", das mit künftigen Verbindungen nichts zu tun hat

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Das Angebot für Pendler auf der S 4 wird sich verschlechtern, warnt der Bahnexperte Ralf Wiedenmann. Er bezieht sich auf Zahlen aus der neuen Nutzen-Kosten-Untersuchung für den zweiten Bahntunnel in München vom Herbst 2016. Eine Sprecherin des bayerischen Innenministeriums erklärte dazu, die Daten in dem Gutachten hätten nichts mit dem Fahrplan zu tun, der erst ausgearbeitet werde, wenn die Inbetriebnahme der Röhre in Aussicht steht. "Aktuell geäußerte Vermutungen nach einer Verschlechterung sind unbegründet", sagte sie.

Solche Nutzen-Kosten-Untersuchungen (NKU) sind vorgeschrieben. Liegt der Nutzen-Kosten-Quotient unter eins, gilt ein Vorhaben als nicht rentabel und es gibt kein Geld vom Bund. Der NKU-Abschlussbericht vom Oktober 2016 weist ein Ergebnis von 1,05 aus, ist also nur knapp im positiven Bereich. In dem Gutachten werden zwei Varianten für das Jahr 2025 berechnet, der "Ohnefall" ohne Bau einer zweiten Stammstrecke und der "Mitfall" mit Röhre und Express-S-Bahnen, aber ohne einen Ausbau der S 4, während auf anderen Strecken durchaus schon Ausbauten eingeplant sind.

Im Mitfall-Fahrplan werden Regionalzüge als Express-S-Bahnen deklariert, die durch den zweiten Tunnel fahren und 14 Minuten schneller am Marienplatz in München wären als normale S-Bahnen. Es sei aber unklar, wo diese Züge zwischen Geltendorf und München halten sollen, moniert Wiedenmann. Obendrein wären die beiden Express-S-Bahnen S14X und S24X aus Buchloe in Geltendorf bereits zu 99 Prozent ausgelastet. "Das Angebot an Sitz- und Stehplätzen für S 4-Fahrgäste ist damit schlechter als heute."

Wiedenmanns Erklärung dafür ist, dass man bei dem angekündigten 15-Minuten-Takt ohne Ausbau der S 4 nicht mehr Züge unterbringt. Deshalb seien die Verstärker-S-Bahnen, die heute verkehren, gestrichen und durch Regionalzüge ersetzt worden, die als Express-S-Bahnen etikettiert sind. Zwar könnte man zumindest längere Züge einsetzen, aber das bedeute, dass mehr Fahrzeuge gebraucht würden, was wiederum den NK-Quotienten gesenkt hätte, sagt Wiedenmann. Im Regionalverkehr sieht es so aus, als würden Geltendorf und Kaufering im Abendverkehr nur noch einmal pro Stunde statt wie heute zwei Mal angefahren, warnt er.

Im Ohnefall würde das Angebot im Vergleich zu heute sogar "massiv abgebaut", ohne dass dafür Gründe genannt werden. Derzeit fahren drei S-Bahnen als Langzüge und drei Verstärker als Vollzüge, im Ohnefall wären es künftig drei S-Bahnen als Langzüge, also insgesamt drei Zugabschnitte weniger. Mit der Bitte um Aufklärung hat sich Wiedenmann an die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), das Innenministerium und die Gutachter gewandt, aber bislang keine Antwort erhalten. Auf Anfrage der SZ teilte das Innenministerium mit, der richtige Fahrplan werde erst kurz vor Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke erarbeitet. Das betreffe insbesondere den vorgesehenen 15-Minuten-Grundtakt der S 4 und weitere Angebote. Auch die Platzkapazitäten je Zug werden erst dann endgültig festgelegt. Die NKU stelle bloß ein systematisches "Mengengerüst" dar und keine konkrete Angebotsplanung. Auf die Frage, was das Ministerium von Wiedenmanns Kritik hält, lautete die Antwort: "Wir interpretieren nicht. Wir geben nur Fakten bekannt."

Der 15-Minuten-Takt wäre allerdings nur ein Stolpertakt bis Buchenau, mit unregelmäßigen Fahrzeiten, wie der Gröbenzeller Kreisrat und Brucker OB-Kandidat Martin Runge (Grüne) unlängst bereits kritisiert hat. Am Abend soll der Takt ausgedünnt werden: Eichenau, Puchheim und Bruck werden nur noch jede halbe Stunde angefahren statt wie bisher alle 20 Minuten. Der Abschnitt zwischen Buchenau und Geltendorf wird nur im 30-Minuten-Takt bedient. Jetzt sind es im Berufsverkehr 20 Minuten. Aufgrund dieses Konzepts warnt auch Runge vor einer Verschlechterung des Angebots.

Wiedenmann kritisiert, dass die Fahrgastzahlen zwischen Leienfelsstraße und Pasing in der Spitzenstunde im morgendlichen Berufsverkehr im Vergleich zu einem Gutachten von 2011 um 20 Prozent auf 4190 Fahrgäste reduziert wurden. Wiedenmann hält das für unrealistisch, weil ein Teil der künftig etwa 30 000 Bewohner von Freiham die S 4 benutzen wird. Bereits jetzt werden Wohnhäuser im Bereich der Leienfelsstraße gebaut. Die Sprecherin des Ministeriums sagte dazu, man stütze sich auf neuere Zählungen. Diese hätten ergeben, dass die Nachfrage niedriger sei, als früher angenommen.