Flüchtlinge in Fürstenfeldbruck "Alle zittern, alle haben Angst"

Mehr als 1000 Menschen leben derzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung.

(Foto: Johannes Simon)

Mehr als 1000 Flüchtlinge leben mittlerweile in der Erstaufnahmeeinrichtung in Fürstenfeldbruck. Nachts kommt die Polizei für Abschiebungen - mancher ist da bereits untergetaucht.

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Die Stimmung unter der Flüchtlingen in der Erstaufnahmeeinrichtung am Fliegerhorst verschlechtert sich zunehmend. Beobachter sprechen von Lagerkoller, der immer öfter ausbreche. Die Zahl der Insassen wurde in den vergangenen Wochen auf mehr als 1000 aufgestockt. Obendrein sorgen Abschiebungen für Angst und Panik. Wie viele Menschen davon betroffen sind, darüber haben die Behörden angeblich keine Zahlen.

Mitte Januar sollte die Brucker Polizei elf Flüchtlinge abholen. "Wir haben die komplette Unterkunft durchsucht", sagte Michael Fischer, der stellvertretende Leiter der Inspektion. Einer war untergetaucht, am Ende konnten die Polizisten vier Personen mitnehmen und zum Münchner Flughafen bringen. Dort wurden sie in eine Maschine nach Italien gesetzt. Es handelte sich um den ersten sogenannten Dublin-Charterflug. Bislang gab es nur Einzelabschiebungen. Betroffen von diesen Dublin-Abschiebungen sind Flüchtlinge, denen deutsche Behörden nachweisen können, dass sie die EU zuerst in einem anderen Land betreten haben.

Wie viele Flüchtlinge im Landkreis in den vergangenen Jahren insgesamt abgeschoben wurden, konnten weder das Landratsamt noch die Regierung von Oberbayern sagen, obwohl sie die Bescheide erlassen. Es gebe nur eine oberbayerische Statistik und es mache zu viel Arbeit, die Fälle aus Fürstenfeldbruck herauszufiltern, teilte die Regierung mit. Für 2016 lägen keine Zahlen vor und 2017 seien keine Abschiebungen in ihre Zuständigkeit gefallen, lautete die Auskunft der Kreisbehörde.

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Die Asylhelferkreise wissen nur von wenigen Abschiebungen außerhalb der Erstaufnahme. Das Polizeipräsidium Oberbayern nannte für 2016 insgesamt sieben Personen, die von Polizisten aus Germering und Olching zu Sammelabschiebungen gebracht wurden. Dazu würden regelmäßig Einzelpersonen abgeschoben, wobei die Brucker Inspektion "vermehrt gefordert" sei, wie der Pressesprecher ausdrückte. Der stellvertretende Inspektionsleiter spricht von einem hohen Aufwand. Zwei Polizisten sind vier bis fünf Stunden im Einsatz, um jemanden abzuholen und zum Flughafen zu bringen.

Die Stimmung in der Einrichtung sei "hundsmiserabel", sagt Willi Dräxler (BBV), der bei der Caritas arbeitet und Integrationsreferent des Brucker Stadtrates ist. Als "kritisch" bezeichnet Werner Kainzinger die Lage. Er ist Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes, hat die medizinische Abteilung der Einrichtung mit aufgebaut und arbeitet dort seit Jahren. Seit vergangenem Sommer habe sich die Atmosphäre verändert. "Der Lagerkoller bricht leichter aus." Vor allem sei die Einrichtung viel zu groß, rügt Dräxler. "Schon 600 Leute sind nicht zu handhaben." Jetzt hat die Regierung die Zahl der Bewohner innerhalb weniger Monaten von rund 300 auf 1065 erhöht. Leidtragende sind in erster Linie die Flüchtlinge, aber auch die Mitarbeiter in der Einrichtung, Nachbarn und Polizisten, die bei Auseinandersetzungen gerufen werden, sagt Dräxler.

Die Dauer des Aufenthalts war erst auf drei Monate festgelegt, jetzt seien es oft sechs Monate und mehr, berichtet Dräxler. "Die Leute haben keine Perspektive, das geht nicht gut", warnt er. Julia Roth von der Kolping-Akademie klagt, die Menschen würden in der Einrichtung "verkümmern", weil sie keine Beschäftigung haben. Besonders schlimm sei es für Frauen mit Kindern, die bloß auf Gängen herumlaufen könnten. Dabei seien viele, Kinder wie Erwachsene, sehr wissbegierig, regelrecht bildungshungrig, erzählt die Sprachdozentin von Kolping, die dort zwei Kurse leitet.

Einige Asylbewerber sind zwar anerkannt oder haben einen Schutzstatus, können aber nicht aus dem Lager, weil sie keine Wohnung finden. Etwa ein Dutzend solcher Leute leben nach Angaben der Regierung seit mehr als einem Jahr in den Gebäuden. Für andere ist die Lage ziemlich hoffnungslos, etwa für Nigerianer, sie dürfen nicht bleiben und kriegen vom Landratsamt keine Arbeitserlaubnis. Afghanen haben oft keine Dokumente, die Behörden werfen ihnen vor, sie würden nicht kooperieren und seien illegal eingereist, sagt Dräxler. Dabei sei es schwer und teuer, Dokumente zu beschaffen. So koste allein die Taskira, eine Art Geburtsurkunde, die notwendig ist, um einen afghanischen Pass zu bekommen, schnell ein paar hundert Euro.

Dräxler geht davon aus, dass 95 Prozent der Flüchtlinge über ein europäisches Drittland eingereist sind. Allerdings können nur ein kleiner Teil tatsächlich abgeschoben werden, etwa, weil der Nachweis fehlt. Andere wehren sich noch am Flughafen, Piloten weigern sich dann, diese mitzunehmen. Die schon erwähnte Mitarbeiterin einer sozialen Organisation erzählt von einer Frau aus Nigeria, die Pech hatte. Sie sei das Opfer von Vergewaltigung und Zwangsprostitution gewesen und konnte nach Italien abgeschoben worden, weil dort ein Fingerabdruck von ihr registriert war. Damit fiel sie unter die Dublin-Regel. Wegen der Sammelabschiebung im Januar kam die Polizei in der Nacht und riss die Leute aus dem Schlaf, weil der Flieger am Morgen starten sollte. Im Herbst habe es mehrfach Razzien in der Nacht gegeben, am Morgen seien Jugendliche völlig übermüdet und verängstigt in Sprachkurse gekommen, berichtet Roth. Die Gefahr, abgeschoben zu werden, führe dazu, dass Menschen sich verstecken, zumindest über Nacht die Zimmer tauschen. Besonders zuverlässige Schüler meldeten sich für ein paar Tage von den Sprachkursen ab. "Alle zittern, alle haben Angst", sagt Dräxler.

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