Fürstenfeldbruck Lagerkoller in der Asyl-Erstaufnahme

Bereits zweimal haben die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung in Bruck demonstriert.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Zwei nigerianische Flüchtlinge berichten von Perspektivlosigkeit, Übergriffen des Wachpersonals, nächtlichen Abschiebungen und beengten Wohnverhältnissen. Die Regierung weist die Vorwürfe zurück

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Zweimal haben Flüchtlinge aus der Erstaufnahmeeinrichtung am Fliegerhorst schon gegen die Verhältnisse dort demonstriert. Mitarbeiter von Sozialverbänden warnen seit Monaten vor einem Pulverfass, weil die Regierung Menschen ohne Perspektive und ohne Arbeitserlaubnis zusammenpferche. Die Brucker Polizei ist immer wieder im Einsatz, um Auseinandersetzungen zu stoppen. Zwei nigerianische Insassen berichten der SZ nun über die Lage. Sie wollen anonym bleiben, deshalb wurden ihre Namen geändert. Derzeit leben etwa 900 Menschen in der früheren Kaserne.

Unmittelbarer Auslöser für die Demonstration im April war nach ihrer Darstellung ein Übergriff des Wachpersonals. Eine Gruppe von Jungs kam vom Fußball zurück und wurde am Eingang kontrolliert. Dann hätten sich Sicherheitsleute einen rausgepickt, um noch mal zu kontrollieren. "Der Wachmann hat bloß seine Genitalien betatscht", sagt Kevin G. Das sei kein Einzelfall, sondern komme öfter vor. Der Junge wehrte sich und schlug nach dem Wachmann, andere griffen ein.

Obwohl Räume leer stünden, sei sie mit vier anderen Frauen in ein Zimmer gesteckt worden, berichtet Patience O. Sie würden sogar zu zehnt in einem Raum leben, sagt Kevin G. Die Bäder liegen auf den Gängen und werden von Bewohnern mehrerer Zimmer genutzt. Sie würden regelmäßig und mehrmals am Tag gereinigt, seien aber nach kurzer Zeit wieder verdreckt und vermüllt. "Die Leute sind selber schuld, aber man kann nicht miteinander darüber reden, manchmal wegen der Sprachbarriere, aber auch, weil sich manche angegriffen fühlen, dann gibt es wieder einen Kampf", sagt Patience O.

Das Essen finden beide im Prinzip in Ordnung. Bloß am Abend sei die Verpflegung unmöglich, weil sie kalte Mahlzeiten vorgesetzt bekämen, etwa Pasta mit Sauce "aus dem Kühlschrank". Viele Afrikaner würden darauf verzichten und etliche auf den Zimmern selbst kochen, was schon wegen des Brandschutzes verboten ist. Die Flüchtlinge kaufen draußen Nahrung und Kochutensilien und schmuggeln diese durch die Eingangskontrolle. Werden sie erwischt, würden ihnen die Lebensmittel abgenommen. Überraschen die Wachleute jemanden in den Schlafräumen und nehmen ihnen die Kochgeräte weg, gibt es regelmäßig Streit, auch mal handgreiflich ausgetragen, des öfteren habe am Ende die Polizei eingegriffen.

Viele haben Angst, abgeschoben zu werden. Sie verstecken sich am Abend oder übernachten woanders. Denn die Polizei kommt in der Regel in den frühen Morgenstunden, weil die Flüge entsprechend terminiert sind. Liegt jemand nicht in seinem Bett, würden andere Zimmer durchsucht, sagt Kevin G. Dann werden viele aus dem Schlaf gerissen und sind aufgeregt, weil sie fürchten, abgeschoben zu werden.

Aufgrund der Ungewissheit über ihr Schicksal sei die Anspannung unter den Flüchtlingen groß, sagt Kevin G. Dauernd kursieren Gerüchte. Dreimal seien jeweils 50 Flüchtlinge mit Bussen abgeholt worden, alle fürchteten sich vor Sammelabschiebungen. Dabei seien die Leute in eine andere Unterkunft im Norden Bayerns verlegt worden. "Dort ist es sogar besser, weil die Leute selber kochen dürfen", sagt Patience O. Perspektivlosigkeit und Frust seien das Hauptproblem, sagt Kevin G. "Die meisten sitzen bloß den ganzen Tag in den Zimmern rum", berichtet er. Kevin G. und Patience O. sagen, dass sie seit etwa einem Jahr in der Unterkunft leben. Beide haben die gefährliche Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer überlebt, haben andere dabei sterben sehen. Kevins Schlauchboot wurde von Kidnappern beschossen und versenkt. Er und andere Überlebende seien aus dem Wasser gefischt und in Libyen in einem Camp festgehalten worden, bis jemand Lösegeld bezahlt hätte.

Die Regierung von Oberbayern wies die Kritik der beiden Nigerianer zurück. Es gebe zwar einige wenige Zimmer mit etwa zehn Betten, allerdings seien diese Räume zwischen 35 und 70 Quadratmeter groß. Die Verpflegung richte sich nach Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Alter, Gesundheit, kulturelle sowie religiöse Gebote und Besonderheiten würden berücksichtigt. Am Abend biete ein Caterer eine Brotzeit aus Wurst, Käse und Brot sowie kalten Nudelsalat. In der kalten Jahreszeit werde zusätzlich warme Suppe ausgegeben. Nicht bekannt ist der Regierung der Vorwurf, dass Sicherheitsleute Flüchtlinge bei Kontrollen absichtlich an Genitalien berührt hätten. "Ein derartiges Vorgehen würden wir keinesfalls tolerieren", betonte eine Sprecherin.

Der Stadtrat beschäftigt sich an diesem Mittwoch mit der Erstaufnahme. Es geht um eine Vereinbarung der Stadt mit der Regierung, wonach dort maximal 1100 Menschen untergebracht werden dürfen. Die Nutzung soll befristet werden bis 2023, allerdings könnte die Regierung verlängern, wenn Bedarf besteht.