Erste Siedlungen Sesshaft durch Urbier

Vorbereitet war die Feuerwalze auf dem Feld bereits, doch die Mitglieder des Historischen Vereins verzichteten auf die Brandrodung.

(Foto: Johannes Simon)

Der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf erläutert seine Theorie über den Homo sapiens als Steinzeitbrauer

Von Manfred Amann, Fürstenfeldbruck

Etwa 180 000 Jahre lang war der Homo sapiens als Jäger und Sammler erfolgreich, bis er vor etwa 15 000 Jahren allmählich sesshaft wurde. Aber warum? Gängigen Theorien nach soll die Verknappung des Wildbestandes, die es schwieriger machte, den Proteinbedarf zu decken, der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass die Menschen anfingen, Getreide anzubauen und später Tiere zu domestizieren. Diese Theorie hält der Zoologie-Professor, Evolutionsbiologe und Ökologe Josef Helmut Reichholf für völlig falsch. Er meint, dass der Genuss von einem bierähnlichen, alkoholischen Getränk aus vergorenem Wildgetreide, das man auf Wanderschaft nicht erzeugen konnte, die Menschen sesshaft werden ließ und das Brot backen erst sehr viel später kam.

Auch wenn es sich unglaublich anhöre, so sei das "Urbier" die Grundlage für die Entstehung von Siedlungen, in deren Folge sich gesellschaftliche Strukturen und die Kultur herausgebildet hätten, behauptet Reichholf. Der Wissenschaftler, der auf Anregung von Kreisheimatpfleger Toni Drexler etwa 70 Mitgliedern des Historischen Vereins für Fürstenfeldbruck und den Landkreis im Veranstaltungsforum unter zum Thema "Vom frei umherschweifenden Leben in die Sesshaftigkeit - wie kamen die Menschen auf den Ackerbau" referierte. Aufmerksame Zuhörer waren Mitglieder der Gruppe "Steinzeitbier", die mit Urgetreide und ohne Hefe in einfachsten Verfahren Bier herstellen wollen. Da am Rande des Haspelmoores bei Bodenproben an einer Siedlungsstelle der Mittelsteinzeit Weizenkörner aus der Zeit gefunden wurden, obwohl vermutlich noch kein Ackerbau betrieben wurde, könnte es sein, dass damals in unserer Region auch schon bierähnliche Getränke hergestellt wurden.

Ein "Spuckbier", bei dem Speichel als Hefeersatz verwendet wurde und wie es laut Reichholf heute noch in Afrika und Südamerika hergestellt wird, sollte das Steinzeitbier aber nicht werden, sagte der stellvertretende Vorsitzende Jürgen Horbach. "Am Anfang war das Bier", behauptet der Bierforscher, die als neolithische Revolution bezeichnete Veränderung der Lebensweise weg vom Nomadendatum hin zur Sesshaftwerdung habe nichts mit der Versorgung mit Nahrungsmitteln zu tun. Zu Beginn der Jungsteinzeit habe es keinen Wildmangel gegeben, eher einen Überfluss. Und weil die Nahrungsbeschaffung daher relativ einfach gewesen sei, habe sich der Mensch auf Genussbefriedigung konzentrieren können.

Selbst in Savanne und Sahara habe es vor rund 15 000 Jahren keinen Mangel an Pflanzen und Wildtieren gegeben. Außerdem hätte sich der aufrecht gehende Mensch nie freiwillig dem Ackerbau gewidmet, da sein Körperbau für Feldarbeit nicht geeignet sei, wenn nicht eine "Belohnung" in Aussicht gewesen wäre, glaubt Reichholf. Das gemeinsame Genießen des berauschenden und bewusstseinserweiternden Getränkes, das man bei Kulthandlungen oder in Gruppen genoss, wenn der Gärprozess abgeschlossen war, habe vermutlich auch die ersten Kultstätten hervorgebracht. Den Ursprung der primitiven Herstellung bierähnlicher Getränke sieht der Professor im vorderen Orient, im Bereich des damals fruchtbaren Halbmondes, aber auch im Tal des Indus (Reisvergärung) und in Mittelamerika (Maisbier).

Man könne Bier als "Impulsgeber" für die gesellschaftliche Entwicklung betrachten, denn "am Anfang stand der Genuss und nicht die Not", erklärte der 71-jährige Forscher aus Niederbayern. Auf die Frage, warum nicht Wein, wies Reichholf daraufhin hin, dass es die Trauben ja nur im Sommer gab und die Fäulnis schnell eintrat, während man Körner das ganze Jahr über mahlen und den damit angerührten Teig auf natürliche Weise zum Gären bringen konnte. Das zunächst rare alkoholische Getränk sei immer wichtiger geworden und habe die Gesellschaft erobert und seine Entwicklung mitgeprägt. "Nichts bringt die Menschen so zusammen wie das Bier", befand der Evolutionsbiologe mit Blick auf Biergärten und die vielen Volksfeste, "besonders in Bayern".