Einmal um die ganze Welt Robinson Blasberg

Nur mit viel Glück erreicht der Fürstenfeldbrucker Segler die Insel im Südpazifik, auf der Defoes Romanfigur gestrandet ist. Auch der 47-Jährige erleidet Schiffbruch. Ein Freitag wartet in dem Naturparadies nicht auf ihn, vielmehr verliert er einen bewährten Reisegefährten

Von Stefan Salger

In Daniel Defoes Erzählung Robinson Crusoe wird die Geschichte eines Seemanns erzählt, der als Schiffbrüchiger viele Jahre auf einer Insel verbringt und dort Freitag, einen neuen Kameraden und Wegbegleiter, kennenlernt. Der Fürstenfeldbrucker Weltumsegler Stefan Blasberg hat jüngst - nicht ganz freiwillig - so etwas wie eine Alternativversion zum 1719 erschienenen Roman geschrieben. Vor drei Wochen ist er auf der "wirklich magischen und traumhaft schönen Insel Robinsón Crusoe im Juan-Fernández-Archipel angekommen - 600 Kilometer westlich des chilenischen Valparaiso, im Südpazifik. Vorangegangen war freilich ein eher albtraumhaftes Erlebnis: Blasberg erlitt Schiffbruch: seine Segelyacht kenterte in einem Orkan. Zuvor bereits musste er Abschied nehmen von seinem griechischen Reisegefährten Aleko Stephan, den es nach zweieinhalbjähriger Fahrt wieder in die Heimat zur Familie zieht. Immerhin: 28 Jahre, so wie einst Robinson Crusoe, wird Stefan "Stepke" Blasberg kaum auf der Insel verbringen müssen. Sein Boot hat der 47-Jährige wieder flott gemacht. Die weiteren Reisepläne sind längst geschmiedet.

Gebannt verfolgten Blasbergs in Fürstenfeldbruck lebende Eltern Reni und Gert die dramatischen Ereignisse auf der anderen Seite der Erde, wohl wissend, dass ihr Sohn mittlerweile wohlauf ist. "Ich erhole mich von der Kenterung auf etwa dem halben Weg von Valdivia, dem bisher unschönstem Erlebnis dieser Reise", schreibt der in sein Logbuch. "Wir hatten aber großes Glück im Unglück und sind da relativ glimpflich und heil rausgekommen." Die meisten Schäden konnte Blasberg mit Bordmitteln reparieren. Ein wenig ärgert sich der Weltenbummler auch über sich selbst, habe er doch sein betagtes Boot, die Abraxas, "wohl ein bisschen zu voll beladen und durch das zusätzliche Gewicht ihre Seetüchtigkeit vermindert". Zudem hatte er sich vor der Abfahrt in Valdivia nicht über die zu erwartenden Wellenhöhen informiert. Ein fatales Versäumnis, ließ ein Sturm im Süden doch auf hohe Wellen auch im Norden schließen. Heute kann Stefan Blasberg schon fast wieder darüber lachen: "Fehler gehören dazu und man lernt aus ihnen."

Eine schnelle und extrem harte Überfahrt liegt da hinter dem Globetrotter, der seine Reise vor allem mit Gelegenheitsarbeiten und Bootsreparaturen finanziert: 82 Stunden für 480 Seemeilen. Das erste Mal seit dem Reisebeginn Mitte 2014 hat Blasberg wirklich Angst um Leib und Leben. Bedrohlich türmen sich die Wellenberge über der Nussschale auf. Blasberg holt die Segel ein, erstes Reff, zweites Reff, dann tauscht er das Genua- gegen das kleine Starkwindfock, vor der ersten Nacht noch das dritte Reff ins Großsegel. Es bläst mit 35 Knoten, die Wellen fangen an zu brechen. Am zweiten Tag: Wind mit 40 Knoten und mehr, das Meer weiß von der Gischt und den brechenden Wellen. Die Abraxas flüchtet nur mit kleiner Fock vor den Brechern, wird überflutet. Beidrehen bei den Wellen geht nicht, der Kapitän starrt wie gebannt und machtlos durch die Plexiglasscheibe des verbarrikadierten Niedergangs. In der zweiten Nacht reißen mit einem Schlag die Steuerleinen. Da steht Blasberg, akrobatisch in die Wände der Kombüse eingespreizt, und versucht, den großen Topf Linseneintopf aufzuwärmen, den er vor der Abfahrt gekocht hat. Dann aber kippt die Abraxas um. Und Blasberg kippt um. Und der Linseneintopf kippt um. Der Segler landet unterm Kartentisch, von Kopf bis Fuß mit Linsen übergossen, überall Wasser und Eintopf, das Cockpit eine Badewanne und der elektrische Autopilot, der immer für Notfälle einsatzbereit an seinem Platz neben der Pinne steckt, hängt an seinem Kabel außenbords im Meer. Aber die Abraxas richtet sich wieder auf. Blasberg steht zwischen einer Melange aus Bettzeug, Gemüse, Klamotten, Büchern, Gewürzen, Tassen und Seekarten und brüllt doch seine Erleichterung in die dunkle Nacht hinaus. Viel ist kaputt, aber er lebt. Der Mast ist noch da, sogar die Fock ist heil geblieben. Es folgen harte, kalte und nasse Stunden, während von hinten dauernd kalte Wellen ins Cockpit krachen. "Keine Sternstunde dieser Reise", notiert Blasberg. Aber weiter, immer weiter. Im Topf, der auf dem Herd festgebunden ist, findet sich noch eine Ration kalter Linseneintopf. Mit diesem Erlebnis im Rücken weiß Blasberg es um so mehr zu schätzen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Die Insel Robinsón Crusoe schildert er als "einen der faszinierendsten Flecken Erde". Blasberg besteigt alle Berge der Insel und genießt auf dem Paddelbrett den Blick auf die beeindruckende Steilküste. Im glasklaren Meer sind leuchtend bunte Fische, Robben und Seelöwen zu sehen. "Die Menschen hier sind überwältigend offen und herzlich, ich werde mit Fisch und dem heimischen Hummer beschenkt, und man kann gar nicht übersehen, wie glücklich die Leute und die vielen Kinder in ihrem einfachen, zivilisationsfernen Leben hier sind."

Zeit, um die letzten Monate der Reise Revue passieren zu lassen: Im chilenischen Puerto Montt waren Blasberg und Stephan mit ihren beiden Segelbooten im August angekommen, begleitet von Freunden aus der Schweiz. Ausgelaugt und segelmüde hatten sie im Golfo de Ancud noch einen scheußlichen Sturm mit Hagel abbekommen. Sechs Wochen brachten sie die Boote auf der dortigen Werft wieder instand, nähten Segel, strichen die Rümpfe. "Das tollste war, das Aleko und ich die kompletten Werftkosten abarbeiten durften. Nachdem die hilfsbereiten Leute des Clubs mitbekamen das wir als Bootsbauer arbeiten und noch dazu knapp bei Kasse sind, boten sie uns an, eine alte, zurückgelassene Yacht für die Segelschule zu renovieren." Dort trennten sich dann die Wege der beiden Reisegefährten. Blasberg: "Aleko plagte Heimweh und er beschloss, noch mal in den Süden zu segeln und von dort zurück in den Atlantik Richtung Mittelmeer und Griechenland." Für den Fürstenfeldbrucker kam das nicht in Frage, er sehnte sich nach Monaten der Kälte nach den warmen Tropen. Und er wollte nicht ablassen von seinem größten Traum, den Pazifik zu besegeln. Die Reise geht also weiter, wenn auch ohne den besten Freund. "Auch ich habe manchmal Heimweh und vermisse Freunde und Familie, sowohl in Griechenland wie in Fürstenfeldbruck und Berlin", sagt er. Kontakt ist nur per E-Mail und manchmal Skype möglich. Da fühle man sich manchmal schon einsam und ganz schön weit weg, "aber auch das ist Teil einer solchen Reise, glaube ich".

Ein großer Traum von Blasberg: den Pazifik besegln.

(Foto: IPAD)

Stefan Blasberg denkt schon weiter. Was kommt nach der Pazifiküberquerung, nach 8000 Seemeilen und Wegmarken wie Australien und Neuseeland? Die Heimreise durch das rote Meer und die Piratengebiete sei wohl zu riskant für einen Einhandsegler. Für die Tour um Südafrika und durch den Atlantik zurück ins Mittelmeer werde aber wohl das Geld nicht mehr reichen.

Am Mittwoch, 21. Dezember, dem auf der Südhalbkugel längsten Tag im Jahr, setzt Stefan Blasberg die Segel und startet Richtung Osterinsel. 1700 Seemeilen, eine Distanz, die den erfahrenen Reisenden längst nicht mehr schrecken kann. Drei Wochen auf hoher See liegen vor ihm. Weihnachten ohne Gänsebraten, Neujahr ohne Sekt und Raketen. Aber dafür mit einer unendlichen Weite, mit Wind, Wellen und ab und zu ein paar Walen. Der Traum geht weiter.

Die SZ berichtet in lockerer Folge über die Weltreise. Teil 1 ("Auf einer Nussschale um die Welt"): 13. April 2015; Teil 2 ("Kokosnüsse, Kolonialkirchen, Kriminelle"): 29. Juli 2015; Teil 3 ("An der Schwelle zum Pazifik"): 16. Februar 2016; Teil 4 ("Wendemanöver am Ende der Welt": 1. September 2016; Reiseblog und weitere Informationen, auch über Möglichkeiten des Reise-Sponsorings, gibt es im Internet unter www.alekistan.com.