Demenz Wenn der Verstand die Kraft verliert

Beim Fachtag für Demenz im Landratsamt machen Experten verschiedener Beratungsstellen und Einrichtungen den Zuhörern vor allem eines bewusst: Die Krankheit geht uns alle an

Von Felix Schulz, Fürstenfeldbruck

Das Hemd ist voll mit Tomatensoße, der Mund rot verschmiert und mit Besteck wird schon längst nicht mehr gegessen. Die Blicke der anderen Gäste im Restaurant stechen im Rücken. "Iss doch nicht wie so ein Kind, Papa", blafft man den eigenen Vater an.

Doch kann der alte Herr nichts für sein Verhalten, ist er doch nur Opfer seiner Demenz. "Das Nachlassen der Verstandeskraft", so kann der lateinische Begriff frei übersetzt werden, der schleichend und fortwährend die grundlegenden kognitiven, sozialen und emotionalen Grundfähigkeiten des Gehirns dahinrafft. "Viele Angehörige tun sich auch heute noch schwer, sich die Erkrankung eines Nahestehenden einzugestehen", erklärt Annette Koller, Fachreferentin für Seniorenbildung beim Brucker Forum für Demenz.

Sie ist zusammen mit Sonja Thiele, Referentin für Senioren und Demografie im Landkreis Fürstenfeldbruck, maßgebliche Mitgestalterin des "Fachtags für Demenz", der im Landratsamt stattfand. "Demenz ist partiell noch immer ein Tabuthema. Viele schämen sich dafür, sowohl Erkrankte als auch Angehörige", meint Sonja Thiel. Das ist wohl auch der Aufhänger des Fachtags, in Gesprächen mit Referenten und Verantwortlichen ist in diesem Zusammenhang wiederholt das Wort "sensibilisieren" herauszuhören, der Krankheit müsse ihre einschüchternde Wirkung genommen werden. So gaben verschiedene Experten von der Caritas, der Germeringer Insel oder vom Verein "wohlBedacht" Vorträge rund ums Thema Demenz, und boten den Besuchern, Kreisräten und Vertretern von Krankenhäusern, Pflegeheimen und Stiftungen ein Diskussionsforum an.

Vertreter von Seniorenheimen stellen ihre Einrichtungen vor (v. l.): Bettina Baum und Veronika Szanyi (Seniorenheim Jesenwang), Brahim Cheikh (Marthashofen) sowie Andrea Weiss (Theresianum).

(Foto: Günther Reger)

"Dieses Thema geht uns alle etwas an", formuliert Sonja Thiele. Zwar gebe es bereits viele Angebote wie zum Beispiel Seniorenfachberatungsstellen sowie Tages- und Kurzzeitpflegen, die den Angehörigen unter die Arme greifen könnten. Doch stellt sich die Frage, ob das reicht, um die Erkrankten selbst ein Leben in Würde zu ermöglichen. Für Sonja Thiele lautete die Antwort wohl nein, als sie vergangenen Oktober den "Runden Tisch Demenz" gründete, ein Zusammenschluss von Medizinern, Pflegern, Politikern und anderen Experten, um vor allem Handlungsvorschläge und Denkanstöße zu geben, wie sich die aktuelle Situation verbessern lassen könnte. In diesem Sinne hat das Gremium auch einen Überblick über mögliche Handlungsfelder zusammengestellt. Diese umfassen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der Beratung, der Wohn- und Lebensformen sowie der Schulungen für Fachpersonal und Ehrenamtliche. Das Thema Mobilität spiele dabei eine besonders große Rolle: "Für viele Betroffene ist es das Schlimmste, wenn sie sich selbst nicht mehr frei wohin bewegen können", berichtet Sonja Thiel. Dementsprechend müsse auch über Strukturen und Fahrdienste nachgedacht werden, welche trotz der Gegebenheiten die Teilhabe am sozialen Leben ermöglichen würden. Annette Koller will zudem aufzeigen, dass die Inklusion von Demenzkranken nicht nur Institutionen etwas angeht, sondern alle Bürger und Bürgerinnen: "Wenn man zum Beispiel Mitglied in einem Sportverein ist und eine Gruppe an Demenz leidender Menschen kennt, kann man versuchen, eine Verbindung herzustellen und die Betroffenen einzubeziehen."

Im ersten Stock haben die unter anderem das Landratsamt, die Diakonie, die Caritas oder auch die Agenda 21 aus Gröbenzell Stände aufgebaut, wo sich die Besucher in der Mittagspause mit Hilfe von Flyern, Broschüren und Gesprächen informieren können. Ein Stand weiß mit seinen vier bunt bemalten Holzkisten besonders Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Diese Boxen sind so konzipiert, dass man nur über einen an der Innenwand angebrachten Spiegel ins Innere sehen kann, wo die zahlreichen Gäste Linien nachzeichnen oder etwas ausschneiden sollen. Den Probanden fällt das Lösen der gestellten Aufgaben unter diesen Bedingungen äußerst schwierig, während Markus Proske betont genervt auf sie einredet. Der Demenz- und Humortherapeut ist nämlich das teuflische Genie hinter diesem "interaktiven Demenzpfad", der die Stresssituationen von Demenzkranken simulieren soll: "Es geht darum, das Gefühl zu transportieren, wie sich ein Mensch fühlt, nachdem er grundlegende Fähigkeiten wie den Orientierungssinn verloren hat", erläutert Markus Proske. Mit seiner Herangehensweise besucht er regelmäßig 15 Alten- und Pflegeheime, um Erkrankte aus dem "emotionalen Niemandsland" mit Hilfe von Kummunikation und Humor zu holen.

"Es ist ein Thema, das die Leute sehr berührt", sagt Sonja Thiele, Referentin für Senioren im Landkreis.

(Foto: Günther Reger)

Letztendlich sei die Ausrichtung des Fachtages nur der erste Schritt des "Runden Tisches". Der Zweite sei ein "Demenzratgeber", eine Broschüre, die über die Krankheit, Beratungsstellen und Hilfsangebote informieren soll. "Es ist ein Thema, das die Leute sehr berührt, da es auch einfach viele Menschen direkt betrifft", erzählt Thiele, "das kann man auch an den Reaktionen der Zuhörer sehen". Das Projekt stehe allerdings noch am Anfang und ist auf mehrere Jahre ausgelegt. Bis das Schamgefühl genommen und ein würdevolles soziales Leben auch mit Demenz möglich sei, gebe es noch viel zu tun.