Ausstellung "Kunst muss immer sehr politisch sein"

Der junge Fotograf Leo Simon hat Flüchtlinge auf dem Balkan besucht und eine Woche im Lager in Idomeni gelebt. Im Haus 10 zeigt er gemeinsam mit zwei Künstlerkollegen, wie der Alltag der Menschen dort aussieht

Interview von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Die Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge konnte durch den umstrittenen Deal mit der Türkei reduziert werden, und schon breitet sich die Freude über frei werdende Turnhallen aus. Dass das Flüchtlingsthema mit der Verschiebung an die Außengrenzen der EU und in die Türkei allerdings noch lange nicht gelöst ist, zeigt auch die aktuelle Ausstellung im Haus 10. Drei junge Fotografen zeigen dort unter dem Titel "Grenzen" Bilder, die sie über das Leben von Flüchtlingen gemacht haben. Einer von ihnen ist Leonhard Simon.

SZ: Herr Simon, halten Sie es für wichtig, dass sich Künstler auch mit tagesaktuellen Themen beschäftigen?

Leonhard Simon: Ich finde das sogar extrem wichtig. Weil nur die Kunst einen längerfristigen Blick auf diese Themen werfen kann, als es beispielsweise die Medien tun. Und die Kunst eröffnet Räume, in denen ungezwungener über etwas nachgedacht werden kann, als in der Politik, die immer irgendwelche Ziele verfolgt. Außerdem bin ich der Meinung: Kunst muss immer sehr politisch sein. Deshalb finde ich es schade, wenn sie auf einem abstrakten Level bleibt und sich nur mit "Schöngeistigem" beschäftigt, statt im dreckigen Tagesgeschäft zu wühlen.

Das Flüchtlingsthema ist in der Öffentlichkeit nun schon länger ein Thema. Warum haben Sie sich persönlich dieser Frage künstlerisch angenommen?

Ich bin selbst politisch aktiv und habe schon vorher Pegida und noch davor die ganzen rechten Parteien begleitet. Als ich dann eines Tages am Hauptbahnhof die vielen Flüchtlinge gesehen, die da auf einmal angekommen sind, habe ich angefangen, mich näher mit ihnen zu beschäftigen. Ich wollte wissen, was diese Menschen erlebt haben und woher sie kommen. Und ich wollte dorthin fahren und es festhalten.

Wo sind die Bilder, die Sie nun ausstellen, denn entstanden?

Ich war im Oktober auf dem Balkan unterwegs, an den Grenzen von Kroatien, Serbien und Mazedonien. Mit Freunden, die ich am Hauptbahnhof kennengelernt habe und die als Freiwillige in Griechenland geholfen haben. Und vergangene Woche noch einmal in Idomeni Das ist jetzt noch mal was ganz anderes dort .jetzt nachdem die Grenzen zu sind. Aber in der Öffentlichkeit wird nur wahrgenommen, wenn es dort Proteste oder ähnliches gibt. Aber das bestimmt nicht das Leben der Menschen in dem Lager. Genau diese Alltagsrealität ist es, die ich mit meinen Bildern zeigen will.

Was ist es denn, was den Alltag dort ausmacht?

Es ist eine ganz zweischneidige Situation: Das Leben der Menschen pendelt zwischen extremer Hoffnungslosigkeit und extremer Hoffnung. Das ist der Widerspruch, den ich zeigen will. Für alle Journalisten und Freiwilligen ist klar, dass es kaum Chancen gibt, dass diese Menschen noch dahin kommen, wo sie hin wollen. Dennoch haben die Menschen große Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Ich habe einen 21-jährigen Syrier getroffen, der sich als Metal-Fan bezeichnet und der eine Band gründen will. Er hat mir Videos von einem Drummer gezeigt, den er toll findet. Und er hat immer gesagt, "Scheiß Sonne, die Nacht ist mein Element". Ich war früher selbst auf Konzerten und habe mir vorgestellt, dass ich ihn auch hätte dort treffen können, wir hätten was getrunken und über ganz genau die selben Dinge geredet. Gleichzeitig hat er mich gefragt, ob er es noch schaffen wird. Und da muss man dann ehrlich sein. Ich habe ihm geantwortet, dass es so wie es aktuell aussieht, sehr schwierig sein wird.

Wie schafft man es denn, diese Situation künstlerisch festzuhalten?

Ich glaube, man braucht vor allem sehr viel Zeit. Ich zumindest fand es sehr angenehm, dass ich gleich eine ganze Woche dort war. So war Zeit, auch die kleinen Momente zu sehen, von denen es ja viele gibt. Natürlich gibt es immer auch die großen Momente, in denen es beispielsweise Proteste gibt, aber da ist es relativ leicht, die richtigen Bilder zu finden, da muss man sich nicht groß einfühlen. Aber mit der Zeit bekommt man ein Gespür dafür, was es ausmacht dort zu leben - sei es, wie sich jemand eine Decke oder ein Plastiktüte zum Schutz über den Kopf hält oder wenn Leute am Zaun hocken und rüber schauen.

Um das Leid der Flüchtlinge zu zeigen, werden oft Fotos von Kindern gewählt. Ist das bei Ihren Bildern auch so?

Mir war es wichtig, nicht nur Kinder zu zeigen. Klar, die sind immer süß und wecken noch einmal andere Emotionen. Aber es sind ja nicht nur die Kinder, die ihrer Hoffnungen beraubt werden. Im Gegenteil, die haben oft noch sehr viel mehr Spaß, auch wenn sie spüren, dass etwas nicht stimmt. Mir sind aber die anderen Menschen genau so wichtig: Der Familienvater, die Mutter, die jungen Erwachsenen, die vielleicht sogar studiert haben. Durch diese Geschichten kann man auch viel erzählen.

In wieweit kann man so einer Situation mit ein paar Fotos überhaupt gerecht werden?

Man kann natürlich immer nur einen Ausschnitt zeigen. Und zwar immer nur einen, der durch die Linse eines deutschen beziehungsweise westeuropäischen Beobachters kommt. Das ist eine Sicht, die man nicht ablegen kann. Ich habe mir eben bewusst die Frage gestellt, was ich mit den Bildern bewirken will. Meine Antwort war, dass ich ein Gefühl dafür schaffen will, was es heißt, dort zu leben und dass es ganz normale Menschen sind, über die wir da sprechen. Menschen mit Hoffnungen und Träumen, die durch eine Grenze zurückgehalten werden.

Ausstellung "Grenzen" im Haus 10, mit Bildern von Leonhard Simon, Lucia Gistl und Raphael Knipping. Vernissage am Freitag, 8. April, von 19.30 Uhr an, danach zu sehen bis zum 17. April.