Führungsstärke Immer auf Hochtouren

Seit Anfang Januar leitet Sabine Bendiek Microsoft Deutschland. Verändern muss sie viel: in den Köpfen von Mitarbeitern, aber auch von Kunden. Das Unternehmen muss sich neu erfinden, um langfristig zu überleben

Von Katja Riedel

Es gibt wohl wenige Menschen, Frauen insbesondere, die sich darüber freuen würden, mit einem ICE verglichen zu werden. Sabine Bendiek ist so ein Mensch, auch wenn sie mit ihrer freundlichen Stimme, den feinen Gesichtszügen und den kurzen blonden Stoppelhaaren nicht im entferntesten an einen Hochgeschwindigkeitszug erinnert. "Ein ICE, auf Schienen gefesselt", sagt sie, und Bendiek sieht dabei aus, als empfände sie das, was ein Kollege einmal über sie gesagt hat, als Prädikat. "Ich kann sehr intensiv sein", sagt sie. "Mich mit Gegebenheiten abzufinden, ist keine Stärke von mir."

In ihrem neuen Job muss sie das auch nicht, im Gegenteil. Seit Anfang Januar ist Sabine Bendiek, 49, Chefin von Microsoft Deutschland und somit von 2700 Mitarbeitern. Sich eben nicht damit abzufinden, was sie in dem Unternehmen vorfindet, ist ihre Jobbeschreibung: ihr Auftrag, aber auch ihre persönliche Mission. Einst hat Microsoft den Softwaremarkt wie ein Sonnenkönig beherrscht, Microsoft hat Bill Gates jahrelang zum reichsten Mann der Welt gemacht. Jetzt sind die IT-Unternehmen weltweit in einer Umbruchphase, und auch Microsoft muss sich neu erfinden, um langfristig zu überleben. Microsoft will Hardware-Lieferant sein und zudem Marktführer für das Cloud Computing, das Daten nicht mehr auf Endgeräten speichert, sondern im Internet. Und Microsoft will auch die Industrie weiter digitalisieren, mit dem Internet der Dinge, den vernetzten Maschinen und Geräten. Deutschland, das Land der Technologieunternehmen, ist für IT-Unternehmen besonders spannend, für Microsoft der zweitwichtigste Markt der Welt. Und für Sabine Bendiek ist es besonders reizvoll, diese Wandlung zu meistern. Verändern muss sie viel: in den Köpfen von Mitarbeitern, aber auch von Kunden, die allem, was im Internet gespeichert wird, in Deutschland bisher äußerst skeptisch gegenüberstehen.

Für Sabine Bendiek liegt der Reiz gerade im Schweren, in der Anstrengung. Vielleicht hat sie das auch im Sport gelernt, beim Achterrudern. Auch im Berufsleben hat sie sich schon oft durchkämpfen müssen, gegen vorwiegend männliche Konkurrenz und gegen die Befürchtung, dass sie als Frau vielleicht nicht genügend Härte mitbringe, genügend Durchsetzungskraft. Beides scheint sie sehr wohl zu haben: Inzwischen ist sie eine der wenigen Spitzenmanagerinnen der deutschen Technologiebranche, jetzt auch eine der wenigen Münchner Unternehmensführerinnen. Vor Microsoft war sie schon als Deutschlandchefin bei dem Speicherhersteller EMC tätig. Nicht nur ihre Erfahrung macht Sabine Bendiek zu einer imposanten Erscheinung. Mit ihren 1,80 Meter überragt sie schon rein körperlich manchen Mann. Viel mehr noch aber wirkt sie durch die Aufmerksamkeit, die sie Gesprächspartnern schenkt. Immer da, immer wach. Dass sie auch einen Coach hatte, mit dem sie an Auftreten und Zielen gearbeitet hat, dringt durch jeden ihrer geschliffenen Sätze, die sie ruhig und entschlossen vorträgt. Ihre norddeutsche Herkunft klingt als sanfte Färbung durch: "Ich finde es klasse, Chef eines Teams zu sein, das erfolgreich ist", ist so ein Satz. "Am meisten freue ich mich, wenn Leute, mit denen ich arbeite, ihren Weg machen." Oder: "Ich schreie nicht, ich dekretiere nicht. Ich kann meine Meinung in Gesprächen ändern. Aber: Am Ende will ich diejenige sein, die entscheidet, da oder da lang geht's." Sie versteht es, eben noch über technische Feinschmeckerthemen zu fachsimpeln und ohne zu Zögern auf andere Bereiche umzuschwenken, bei denen "der Nerd in mir", wie sie ihr technikaffines Ich nennt, völlig zu verschwinden scheint. Es sind jene Momente, in denen sie über Kunst spricht, über Literatur, über ihre Ausflüge in die Off-Theaterszene ("Das kann gar nicht experimentell genug sein, es bringt mich auf neue Gedanken"). Auch das eine Seltenheit bei IT-Managern, bei Männern wie Frauen.

Mit ihrer Körpergröße von 1,80 Metern überragt Sabine Bendiek, die neue Chefin von Microsoft Deutschland, schon rein körperlich manchen Mann.

(Foto: Alex Schelbert)

Die gebürtige Kielerin Bendiek hat mehrere Professionen gelernt. Zunächst hat sie in Mannheim Betriebswirtschaft, dann am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge Management und Computerwissenschaften studiert. Den Master hat sie dort nicht gemacht, es fehlten Geld und damit einige Kurse, sagt sie. Sie schrieb jedoch die Abschlussarbeit über objektorientierte Datenbanken - später, in den Neunzigerjahren, beriet sie für die Unternehmensberatung McKinsey Banken bei solchen Projekten. Zu McKinsey war sie übrigens über einen alten Bekannten gekommen: Martin Blessing, derzeit noch Chef der Commerzbank und damals ebenfalls in der Unternehmensberatung. Siemens Nixdorf, Dell, Risikokapital-Beratung, in jeder ihrer Karrierestationen hat Sabine Bendiek Beziehungen aufgebaut, sie pflege "viele alte Freundschaften", sagt sie.

Seit Siemens, ihrem ersten Job 1985, hat Sabine Bendiek nur noch für amerikanische Unternehmen gearbeitet, in denen weibliche Führung üblicher ist als in deutschen Konzernen. Gelernt hat sie dabei, dass Frauen mehr Selbstbewusstsein, mehr Hartnäckigkeit zeigen müssten, um sich durchzusetzen. "Sie brauchen die Fähigkeit, wenn sie mal wieder richtig eine Wand getroffen haben, wieder aufzustehen. Und vor allem nicht zu sehr darunter zu leiden", sagt Sabine Bendiek. Wenn eine Frau befördert werden solle, schwinge noch immer die Angst mit, dass es ihr schwerer als einem Mann fallen könnte, Mitarbeitern Lieblingsprojekte wegzunehmen, wenn sie sich nicht als vielversprechend erweisen, oder andere unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen.

Kraft schöpft Sabine Bendiek aus allem, was mit Bewegung zu tun hat: Sie läuft, segelt, das Rudern hat sie mittlerweile aufgegeben, weil sie ihr Team immer häufiger bitten musste, auch mal eine Stunde auf die Ruderkollegin zu warten. "Ich spiele Golf, seit Jahren mit Handicap Platzreife. Ich bin einfach kein Golfnaturell, das geht mir alles nicht schnell genug", sagt die Managerin. "Nie übers Geschäft nachzudenken, passiert nicht. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, ganz abzuschalten."

Microsoft und München

Fast schon ist sie bezugsfertig, die neue Microsoft-Deutschlandzentrale in der Parkstadt Schwabing, die auf 26 000 Quadratmetern das angeblich modernste Bürokonzept Deutschlands umsetzen will. Vor etwa zwei Jahren hatte der Konzern entschieden, sein Hauptquartier aus Unterschleißheim nach München zu verlegen. In ein Quartier, in dem sich immer mehr Unternehmen sammeln, um die Nähe zueinander und zu großen Industriebetrieben zu suchen, aber auch um München aufs Firmenschild zu bringen, trotz hoher Gewerbesteuern. Begeistert waren die etwa 1700 Mitarbeiter zunächst nicht über den Umzug. Auch, weil Microsoft das neue Haus mehr als Begegnungs- und Konferenzzentrum angelegt hat denn als normales Bürogebäude. Heimarbeit ist also ausdrücklich erwünscht. Auch Sabine Bendiek betont, dass sie selbst viel unterwegs ist und auf tragbaren Geräten arbeitet. Sie sind Kern der neuen Firmenphilosophie. kari

Ihre Leistung zu messen, mit Fitnessarmbändern etwa, damit hat sie zwar geliebäugelt, sich aber dagegen entschieden. Sie will sich nicht vorrechnen lassen, wie viele Schritte noch fehlen, um ein gesundes Leben zu führen. Generell lebe sie "digitalisiert", "ich finde es schon toll, wenn ich Rezepte aus dem Internet lade und mein volldigitaler Herd und Dampfgarer wissen, was zu tun ist", erzählt sie. "Ich bin ein großer Effizienzfreund" - sie müsste es nicht hinzufügen. Ein digitales Ich auf Facebook gibt es von ihr nicht, ganz bewusst, wegen der allgemeinen Geschäftsbedingungen, die sie kritisch sieht. Dafür twittert Bendiek, für derzeit eher bescheidene 200 Follower, zum Beispiel über eines ihrer Lieblingsprojekte: Wie man Kindern das Programmieren beibringt, damit die nicht nur Spielen lernen, sondern auch Entwerfen.

Eigene Kinder hat Sabine Bendiek nicht, sie glaubt, dass es eine Entscheidung gegen ihre jetzige Karriere gewesen wäre, gegen die Spontanität, die vielen Reisen, die Mobilität. Digital und mobil zu leben, hat auch private Gründe. Ihr Mann lebt in Hamburg, wo auch sie viele Jahre ihres Lebens verbracht hat, sie selbst hat zuletzt in Frankfurt am Main gelebt. Nun also Microsoft, nun also München. Noch befindet sich ihr Büro in Unterschleißheim, von Ende August an in der Parkstadt Schwabing in München, in der neuen Deutschlandzentrale. Dort hat sie sich ehrgeizige Ziele gesteckt. Beim Thema Internet der Dinge soll Microsoft in Deutschland "einer der Marktgestalter" werden, in unmittelbarer Nähe zu den großen Technologiebetrieben, die es in München gibt. Einer der "Vorreiter in der digitalen Transformation" solle Microsoft Deutschland werden. Wie viele Freiheiten sie dazu habe, als Niederlassungschefin? "Bei einem amerikanischen Unternehmen hat man so viele Freiheiten wie man erfolgreich ist", sagt Bendiek.

Bendiek selbst will es schaffen, dass die Mitarbeiter "Ach schade" sagen, sollte sie sich einmal entschließen, etwas anderes zu machen. "Wenn es heißt: Zum Glück ist die weg, dann habe ich etwas falsch gemacht", glaubt sie. "Und das gelingt nicht, indem man immer nett ist, sondern indem man die Mitarbeiter weiterbringt und ihnen hilft, erfolgreich zu sein."