Zimmer gesucht, immer dringender.... Studienstart mit Hindernissen

Wenn zum Beginn des Wintersemesters viele Erstsemester nach Freising kommen, ist günstiger Wohnraum rar. Zahlreiche Studenten müssen lange suchen, weit ins Umland hinaus ziehen - oder sich mit einer Couch begnügen. Gut lernen lässt es sich so nicht...

Von Kim Björn Becker und Thomas Radlmaier

Ist das noch eine Annonce oder schon eine Bewerbung? "Ich bin 24 Jahre alt, unkompliziert, sport- und musikbegeistert, ernährungsbewusst und offen für jegliche Themen", steht da auf dem akkurat gefalteten und reinweißen Papierzettel. Nicht in krakeliger Handschrift auf kariertem Notizpapier geschrieben, wie so viele andere, sondern mit dem Computer als Ausdruck. Schriftart: Arial. Darunter noch Telefonnummer und E-Mail-Adresse sowie eine eigenhändige Unterschrift. So kann man sich, je nach Branche, auf ein Praktikum bewerben, vielleicht sogar auf eine Stelle.

Nur dass das dieser Zettel eigentlich keine Bewerbung sein sollte.

Ziel der Annonce ist eben kein Praktikum und kein Job, sondern ein WG-Zimmer in "Freising und der näheren Umgebung", wie es heißt, und das möglichst vom 1. Oktober an. Der ist nun schon lange vorbei. Gerade jetzt, wo viele Erstsemester ihr Studium aufnehmen, ist der Wohnungsmarkt in der Domstadt besonders angespannt. Ein gut sichtbarer Indikator für alle, die regelmäßig an einer der Freisinger Hochschulen zu tun haben: An der Pinnwand im Mensa-Gebäude, das von Studenten der Technischen Universität München (TUM) und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) gemeinsam genutzt wird, häufen sich kurz vor dem Beginn des Wintersemesters die Gesuche. Hunderte Zettel konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Passanten, und weil die zwischen Cafeteria und Mensa nicht eben groß ist, kommen oft Hilfsmittel in Gestalt von Leuchtfarben und ganzen Kolonien von Ausrufezeichen zum Einsatz. Manchen Schreibern merkt man schon an ihrer Handschrift an, dass sie bereits unzählige Zettel ähnlichen Inhalts geschrieben haben müssen. Und zwischendrin, mitten in diesem Meer der Aushangzettel, versucht es einer auf seine Art, seriös, mit Prägnanz und Unterschrift.

Der Autor der Annonce heißt Florian Avenarius. Ein paar Tage später sitzt der 24-Jährige im obersten Stock der Mensa. "Die Lage ist kritisch", sagt er beim Mittagessen. Mit der Lage meint er das Angebot an bezahlbarem Wohnraum für Studenten. Seit einem halben Jahr wohnt Avenarius, der gebürtige Elmshorner, in Freising, den Sommer über hat er hier ein Praktikum gemacht. Gegenüber den meisten anderen Studenten, die erst wenige Wochen vor Semesterbeginn ihre Zusage erhalten und deshalb kurzfristig ein Zimmer finden müssen, sollte das eigentlich ein Vorteil sein. "In den paar Monaten bin ich viermal umgezogen, weil ich immer nur zur Zwischenmiete wohnen konnte", sagt Avenarius. Jetzt, zum Beginn seines Studiums, sollte sich das ändern. "Zweieinhalb Monate musste ich suchen", sagt er. Zum 1. November zieht er in eine Zweier-WG, fünf Minuten vom Campus entfernt, 320 Euro warm.

Von Glück kann da reden, wer es in eins der insgesamt vier Studentenwohnheime schafft, die das Studentenwerk München in Freising betreibt. Diese bieten zusammen etwa 950 Studenten Platz und bestehen aus Einzelzimmern und Appartements. Nach Angaben des Studentenwerks betragen die Wartezeiten für einen Wohnheimplatz zwischen einem und zwei Semestern. Je nach Wohnung liegen die Mieten zwischen 183 und 328 Euro pro Monat. Dass die Wohnheimplätze bei Studenten begehrt sind, verwundert kaum angesichts der Preise, die Mieter auf dem freien Markt in Freising zu bezahlen bereit und imstande sein müssen: Je nach Wohnungsgröße kostet der Quadratmeter hier im Durchschnitt zwischen 8,01 und 9,90 Euro. "Diese Preise sind für Studenten natürlich alles andere als optimal", sagt Volker Zinkernagl vom Mieterverein Freising.

Gerade für ausländische Gaststudenten, die ein Semester oder ein Jahr in Freising bleiben, ist es schwierig, einen Wohnheimplatz zu bekommen - viele kommen erst kurz vor Beginn des Semesters in der Domstadt an. Einer von ihnen ist Soma Csaplár, 21, aus dem ungarischen Kecskemét. Vom Wintersemester an studiert er zwei Semester lang Gartenbau an der TUM in Weihenstephan. Angekommen ist er etwa zwei Wochen vor Semesterbeginn - mitten zur Oktoberfestzeit. "Die ersten Tage habe ich in München in einem Hostel gewohnt", sagt er. In Freising hat es dann gar nur für einen Schlafplatz auf einer Couch eines deutschen Studenten gereicht - für 60 Euro pro Nacht. Wiesnzeit eben, die auch in der beschaulichen Domstadt die Preise nach oben treibt. "Nach dem Oktoberfest wurde es günstiger, derzeit zahle ich 25 Euro pro Nacht." Eine Woche nach seiner Ankunft war er mit seiner Suche noch immer keinen Schritt weiter. "Mehrere Dutzend Vermieter habe ich per E-Mail angeschrieben", sagt der Gaststudent. "Nicht eine Antwort kam." Offenbar, meint Soma, erreichten die Vermieter so viele Anfragen von Studenten, dass sie nach den ersten paar Absagen einfach müde würden, noch zu antworten. "Immerhin habe ich jetzt ein paar Telefonnummern, da sind die Chancen vielleicht etwas höher." Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, dem Studenten geht bald das Geld aus und das Stipendium wird immer nur quartalsweise ausgezahlt. "Bis es das erste Mal so weit ist, muss ich noch ein paar Wochen überbrücken." Der Wechsel von seiner Couch in eine richtige Wohnung muss deshalb nahtlos funktionieren. "Doppelte Mieten als Übergang, auch nur für kurze Zeit, kann ich mir nicht leisten."

Isabell Ramming vom Akademischen Auslandsamt der HSWT kennt unzählige solcher Geschichten. Die studentische Betreuerin hilft ausländischen Studenten dabei, in Freising oder Umgebung eine Wohnung zu finden. Die 24-Jährige formuliert Anschreiben per E-Mail, fungiert als wichtige sprachliche Stütze bei Wohnungsbesichtigungen oder stellt einfach Kontakte her. Sie weiß, dass es ausländische Studenten auf dem Freisinger Wohnungsmarkt besonders schwer haben. Was Ramming bei Wohnungsbesichtigungen immer wieder erlebt, ist "eine Scheu vor neuen oder fremden Kulturen auf Seiten der Anbieter". Sie drückt es mit Absicht so vorsichtig aus - nicht dass noch der Eindruck entsteht, die Freisinger Vermieter seien ausländerfeindlich. Das Problem sei vielmehr, so Ramming, dass "viele hier nicht genug über fremde Länder wissen". Auf eine Anfrage erhalte man als Gaststudent meistens eine Absage.

Dass es auch anders laufen kann, zeigt der Fall eines brasilianischen Stipendiaten: Lucas Chilelli da Silva, der zum Start des Wintersemesters nach Freising an die HSWT gekommen ist, hat endlich eine Wohnung gefunden. Mehrere Wochen wohnte der 24-Jährige bei einem Freund in München zur Untermiete. Ramming hat auch Lucas nach seiner Ankunft in Deutschland bei der Wohnungssuche unterstützt. "Inzwischen hat er in München etwas eigenes gefunden", sagt die Betreuerin.

Auch Andreas Ebert hat einen Zettel mit seiner Telefonnummer am schwarzen Brett in Weihenstephan hinterlassen. Der 20-Jährige kommt aus Rottweil in Baden-Württemberg und hat sich in Freising für Landschaftsarchitektur eingeschrieben. Als ihn Ende Juli die Zusage per Brief erreichte, war Ebert überglücklich - schließlich habe die TUM und insbesondere der Studienort Weihenstephan einen "sehr guten" Ruf, erklärt er. Ebert hatte bis dahin aber noch nichts von Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche in Freising gehört. "Ich habe das gehörig unterschätzt", sagt er heute. Seit Anfang August sucht Ebert nun schon nach einer Bleibe. Bisher ohne Ergebnis. In der Zwischenzeit hat er sich sieben Wohnungen angeschaut. Bei keiner hatte er Glück. Wie die meisten, sucht auch der Baden-Württemberger auf den bekannten Wohnungsportalen im Internet, wie "WG-Gesucht" oder "Immobilienscout24", nach passenden Angeboten. Auf Facebook hat er zudem eine Seite zum studentischen Wohnungsmarkt in Freising gefunden. Doch auch dort erhalte er auf seine Anfragen hauptsächlich Absagen. "Viele schreiben auch gar nicht zurück", berichtet Ebert. Egal ob Einzelwohnung oder ein Zimmer in einer WG - er würde alles nehmen. "Was die Wohnung angeht, bin ich mittlerweile vollkommen anspruchslos." In seiner Verzweiflung habe er sogar eine Zeitungsanzeige aufgeben. Daraufhin habe sich auch tatsächlich jemand bei ihm gemeldet. "Aber der bot mir ein ganzes Appartement an, das war viel zu teuer." Derzeit wohnt der 20-Jährige bei Bekannten in Erding zur Untermiete. Mit dem Auto der Eltern pendelt er jetzt täglich nach Freising und zurück. "Meine Eltern sind beide berufstätig und eigentlich auf das Auto angewiesen", erzählt Ebert, "insofern ist das auch nur eine Lösung auf Zeit".

Die 18-jährige Jessica Hamman hat ihre Suche in Freising bereits nach zwei Wochen eingestellt. "Da findet man nichts. Freie Wohnungen sind völlig überteuert, da werden Wucherpreise verlangt, die sich kein Student leisten kann", sagt sie nicht ohne eine gewisse Empörung. Hamman hat gerade ihr Studium der Landschaftsarchitektur an der Fachhochschule begonnen. In den ersten Tagen hat sie sich statt mit dem Prüfungsstoff aber mehr mit Wohnungsangeboten beschäftigt. "Manchmal fährt man morgens bei Dunkelheit raus, schaut sich den ganzen Tag Wohnungen an und kommt abends bei Dunkelheit wieder. Ganz schön deprimierend." Nun sitzt sie in der S-Bahn von Freising nach München, dort steigt sie auf dem Weg zu ihren Eltern um. Es ist ein guter Tag für sie, denn nach zweieinhalbmonatiger Suche hat sie endlich etwas gefunden: "In der Nähe von Haag an der Amper habe ich ein WG-Zimmer", sagt sie. Eine Freundin und Mitstudentin wohnt gleich nebenan, sie hat auch ein Auto. Knapp 13 Kilometer sind es von der WG zum Campus. "Ohne Auto wäre das kaum machbar", sagt Hamman. "Und ich habe auch gar keinen Führerschein."

Florian Avenarius hat seinen Zettel inzwischen von der Pinnwand im Mensagebäude entfernt. "Manche überlegen sogar, in einem Zelt zu wohnen, wenn sie nichts finden", hat er von einem Bekannten gehört. Ob das geht, bei der Kälte? Avenarius zuckt mit den Schultern. Vielleicht ist es ja auch ein Gerücht. Wer weiß das schon.