Wichtig ist reden "Ich bin da, wenn etwas ist"

Um das Holz zu stapeln müssen sich die Schüler absprechen und helfen. Viola Hobmaier und Praktikant Michael Englmann wollen so das Teamdenken stärken.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Schulsozialarbeit wird immer wichtiger. Die Sozialpädagogen fangen auf, was die Lehrer nicht immer so mitbekommen.

Von Clara Lipkowski, Freising

Kleinere Beleidigungen gebe es im Klassenchat auf Whatsapp öfter, sagt Emily Kosten, zwölf Jahre alt. Aber irgendwann las sie dort, sie gehöre in die "Mülltonne". "Ich war echt geschockt", sagt sie. Erst später erfuhr sie, warum ihre Mitschülerinnen sie verbal angriffen. Sie habe gelästert, hieß es. "Ich wusste aber gar nicht, wann ich das gemacht haben sollte."

Emily besucht die siebte Klasse der Mittelschule Neustift. Man könnte den Vorfall als Teenagerproblem abtun, Klassenchats sind weit verbreitet, meist werden harmlose Nachrichten getauscht, etwa welche Hausaufgaben anstehen. Viele Schulen im Landkreis nehmen solche Vorkommnisse wie bei Emily aber sehr ernst. Denn immer wieder werden Äußerungen gepostet, die dem Klassenfrieden schaden, statt ihn zu fördern. Schnell geschrieben und auf Senden geklickt, kann ein Chat zur Mobbingplattform werden.

Eine Zeit lang sei Emily weinend nach Hause gekommen, sagt ihre Mutter Raphaela Kosten, die Vorsitzende des Elternbeirats ist. "Als sie in der fünften Klasse neu an die Schule kam, bildeten sich Gruppen, Emily wollte dazu gehören, das ist ja klar, aber sie war immer das fünfte Rad am Wagen." Emily sagt: "Ich habe sie im Chat dann einfach schreiben lassen." Aber als es ihr zu viel wurde, ging sie ins Untergeschoss der Schule und klopfte an die Tür von Viola Hobmaier.

Zuständig für 140 Schüler

Hobmaier arbeitet seit Juni 2013 als Jugendsozialarbeiterin in der Mittelschule und hangelt sich an fünf Tagen in der Woche durch zig Termine mit Lehrern, Schülern und abends auch Eltern, wenn diese berufsbedingt nur spät können. Mobbing in Klassenchats ist immer wieder ein Thema. "Aber vor allem auch Probleme zu Hause, wenn sich Eltern streiten oder trennen", sagt Hobmaier. Kinder geraten dann oft in einen Loyalitätskonflikt. Hobmaier betreut rund 140 Schüler ab dem fünften Jahrgang, vor allem führt sie Gespräche. Regelmäßig geht sie in die Klassen, um zu zeigen: Ich bin da, wenn etwas ist. Der Bedarf sei enorm, sagt sie. Manche Kinder hätten Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, andere Sprachprobleme. Nicht nur Asylbewerber, vor allem Kinder von Familien, die aus dem EU-Ausland hergezogen sind, etwa weil die Eltern am Flughafen arbeiten. Im Gespräch zeige sich manchmal, dass wegen der Arbeit Zeit für die Kinder fehlt oder die Kinder bildungsfern aufwachsen. Manche zeigten depressive Verstimmungen, äußerten gar Suizidgedanken. Dann berät Hobmaier mit der Schulpsychologin, ob eine Therapie nötig ist.

Dass ihre Stelle geschaffen wurde, weil Lehrer überfordert sind, will die Sozialpädagogin Hobmaier so nicht stehen lassen. "Aber sie können Klassenprobleme nicht immer selbst klären." Whatsapp-Chats kriegen sie gar nicht unbedingt mit, weil das Handy in der Schule Neustift verboten ist und dann eben nach dem Unterricht online gestritten wird. Als Emily kam, wurden die Mitschülerinnen zum Gespräch aus dem Unterricht geholt. "Sie wussten dann schon, worum es geht", sagt Emily, "aber es kam heraus, dass ihnen eigentlich gar nicht klar war, was das bedeutet, so etwas zu schreiben." Ihre Mutter sagt: "Es ging dann auch darum, wie Emily sich selbst helfen kann, dass sie offen sagt, dass sie das verletzt hat und das nicht in Ordnung war. Eltern sollen sich ja gar nicht immer einmischen."

Workshops und Teamübungen dienen der Prävention

Dafür organisiert Hobmaier Anti-Mobbing-Workshops. Schüler sollen lernen, übergriffiges von tolerierbarem Verhalten zu unterscheiden, auch in sozialen Medien. Außerdem macht sie Teamübungen. Bei einem Seilspiel ziehen die Schüler an bunten Strängen, um einen Turm aus Holzklötzen zu bauen. Das klappt nur, wenn sich die Schüler helfen und absprechen.

Im Landkreis Freising arbeiten zurzeit 21 Sozialarbeiter an 17 Schulen. Da der Beratungsbedarf steigt, schafft die Neustifter Schule nun für den Grundschulzweig eine eigene Stelle, mit Beginn des Haushaltsjahrs 2019 soll sie besetzt werden.

Die Lerchenfelder Grundschule St. Lantpert hat diesen Schritt bereits gemacht und zum 7. Mai eine zweite Stelle geschaffen. Veronika Bachnick betreut mit ihrer neuen Kollegin Dorothea Fleckhammer in Vollzeit rund 500 Schüler an drei Standorten. Sie ist guter Dinge, dass sich die Situation bald bessert und sie wieder Zeit für einen wichtigen Teil ihres Jobs hat: Präventiv zu arbeiten, mit Workshops zum Umgang mit Medien oder Verhaltenstrainings. Alltägliche Probleme seien in dem Alter weniger das Cybermobbing, eher Probleme in der Familie, wie Scheidung oder Geldsorgen. "Wir betreuen zurzeit vor allem akute Einzelfälle, die haben einfach Vorrang."