Medizin Gegen alle Widerstände

Bürgermeister Harald Reents (l.) mit dem Team der neuen Prasxis (v. links): Desiree Ratay, Nicole Böhm, Sarah Warnecke, Jürgen Ratay und Bernd Simon.

(Foto: Gerhard Wilhelm)

In Hallbergmoos eröffnet eine Kinderarztpraxis, obwohl der Landkreis Freising nach Ansicht der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern eigentlich überversorgt ist. Die Gemeinde, eine Praxis in Freising und die Eltern sehen dies anders. Der Kampf dauerte Jahre

Von Gerhard Wilhelm, Hallbergmoos

Der Gemeinde Hallbergmoos ist nach langem Kampf etwas gelungen, wovon viele größere Gemeinden träumen: von 1. Januar 2016 an hat sie eine eigene Kinderarztpraxis. Die neunte, die es dann insgesamt im Landkreis Freising gibt. Dass dazu nicht nur viel Überzeugungsarbeit bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), die über die Zahl der Ärzte entscheidet, notwendig war, sondern auch "viel Glück", gibt Hallbergmoos Bürgermeister Harald Reents zu. Denn nach Meinung der KVB ist der Landkreis bereits jetzt zu 113,6 Prozent mit Kinderärzten versorgt, also überbesetzt. Nach dem Versorgungsatlas der Vereinigung gibt es acht Kinderarztpraxen: sechs in Freising und je eine in Moosburg und Neufahrn. Dr. Bernd Simon, selber früher Delegierter in der KVB und bald Hauptansprechpartner der Eltern in der Hallbergmooser Praxis, kritisiert die "Planwirtschaft" der KVB, die an der Bedarfsrealität vorbei gehe. Er fordert: "Die Niederlassungssperre muss weg."

Rund ein Fünftel der knapp über 10 000 Einwohner von Hallbergmoos ist unter 18 Jahre alt. Bis zum Einschulungsalter sind es 657 Kinder (Stand Ende April 2015). Der Wunsch nach einem eigenen Kinderarzt war deshalb schon lange vorhanden, bei der Gemeinde und den Eltern, wurde aber stets abschlägig von der KVB beschieden. Nach der Bedarfsplanung reichten acht Ärzte. Doch Hallbergmoos sammelte unermüdlich Argumente für einen neunten. Im Landkreis Freising, der deutschlandweit den geringsten Altersdurchschnitt (40,6 Jahre Ende 2012) aufweist, ist Hallbergmoos wiederum die Gemeinde mit dem geringsten Durchschnitt: 38,4 Jahre.

Das haben auch die Gründer der Freisinger Kinderarztpraxis "Kinderlachen", Desiree und Dr. Jürgen Ratay, gemerkt: "Wir haben viele kleine Patienten aus Hallbergmoos, und die Eltern wünschten sich sehr eine Praxis am Wohnort zu haben. Das erspart ihnen und den Kindern lange, belastende Fahrwege", sagt Jürgen Ratay. Deshalb habe man überlegt, dort eine Dependance zu errichten. Bei der Gemeinde rannte der Kinderarzt offene Türen ein.

Doch vor einer Eröffnung galt es, die KVB von der Notwendigkeit zu überzeugen. Dabei half die Gemeinde mit aktuellem Datenmaterial, mit der das wirtschaftliche Risiko positiv bewertet werden konnte. Mit Unterstützung der Investoren des Munich Airport Business Parks wurden 240 Quadratmeter Bürofläche im Pegasushaus in der Zeppelinstraße 4 gefunden und von der Gemeinde angemietet. Die vermietet die Räume weiter an die Praxis - "gegen Aufschlag", wie Bürgermeister Harald Reents betont. "Wir subventionieren hier niemanden, sonder leisten nur organisatorische Hilfeleistung, weil die Praxis im Sinne der Gemeinde ist."

Dr. Bernd Simon, seit mehr als 30 Jahren niedergelassener Kinderarzt in München, hat den schwierigen Kampf um die Neueröffnung einer Praxis in der Unterföhring selber erlebt. Für ihn ist die Kassenärztliche Vereinigung nichts anderes als "eine Behörde", die vom Staat eingesetzt sei und gesetzliche Vorgaben erfülle, ohne jegliche Phantasie für eine wohnortnahe Versorgung. Es herrsche eine Überregulierung, "die uns Ärzten das Leben schwer macht". Den Ärzten müsste selber überlassen werden, wo sie eine Praxis eröffnen wollen, und es müsste ihnen auch überlassen bleiben, das finanziellen Risiko abzuschätzen. Kritik äußert er aber auch an Kollegen, denen es an Mut und Flexibilität fehle, eine Dependance zu eröffnen.

Beim Team der Freisinger Praxis "Kinderlachen" habe ihn einerseits das Konzept überzeugt, das auf Patch Adams' Idee einer bewussten Behandlung mit Herz, Verstand und "Clowning" beruht. "Lachen fördert die Selbstheilung", lautet ein Leitsatz des Teams. Und: "Jedes Kind hat das Recht auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit." Anfangs soll die Praxis in Hallbergmoos testweise nur dreimal in der Woche halbtags geöffnet sein. Dr. Simon ist sich aber sicher: "Das wird schnell mehr werden."