Wallanlage Die Rätsel von Bernstorf

Wieder einmal haben Studenten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt das Erdreich durchsucht, um dem Boden Geheimnisse der etwa 13 Hektar großen Wallanlage aus der Mittleren Bronzezeit zu entlocken

Von Petra Schnirch, Kranzberg

Sitzen kann in dem kleinen Bauwagen niemand mehr. Auf Tisch und Bänken reiht sich Scherbe an Scherbe - braune und beige Fundstücke, die noch trocknen müssen. Fein säuberlich sortiert liegen sie auf durchsichtigen Plastiktütchen mit Zettel und Nummer. Die schönsten Stücke mit unterschiedlichen Verzierungen bewahrt Grabungsleiter Benjamin Richter gesondert in einer kleinen Pappschachtel auf. Wieder einmal haben Studenten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt das Erdreich am Bernstorfer Berg durchsucht, um dem Boden Geheimnisse der etwa 13 Hektar großen Wallanlage aus der mittleren Bronzezeit zu entlocken. Diesmal hatten sie besonders viel zu archivieren. In dem etwa acht mal zwei Meter großen Schnitt haben sie insgesamt 1200 Fundstücke entdeckt.

Immer wieder haben Studenten des Vor- und Frühgeschichtlers Rüdiger Krause in den vergangenen fünf Jahren im Wald bei Bernstorf gegraben. In diesem Jahr sind sie auf Belege für eine überraschende Erkenntnis gestoßen: Anders als bisher gedacht, ist der etwa 1,6 Kilometer lange Wall aus Holz und Erde kurz nach 1340 vor Christus nicht komplett abgebrannt. Auf einer Länge von 250 Meter ist er offenkundig stehen geblieben. Warum dies so war, das ist eines der vielen Rätsel von Bernstorf.

Archäologie ist ein mühsames Geschäft: Die Studenten um Grabungsleiter Benjamin Richter (Bildmitte) haben das Erdreich Schicht für Schicht abgetragen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Auch diesmal mussten die sieben Studenten in den vergangenen fünf Wochen Schwerstarbeit leisten. Ein Wurzelberg neben dem Schnitt im Waldboden zeugt davon. Mit der Hand mussten sie das Erdreich Schicht für Schicht abtragen, da auch nahe an der Oberfläche viele Fundstücke lagen.

Für die Archäologen sind die neuen Ergebnisse sehr interessant. Gleichwohl wird wohl immer ein Geheimnis bleiben, wozu die größte bekannte Befestigung der mittleren Bronzezeit nördlich der Alpen errichtet worden war. "Den eigentlichen Sinn und Zweck der Anlage werden wir nicht mehr kriegen", sagt Krause. Wichtige Erkenntnisse erwartet er sich von der Doktorarbeit von Vanessa Bähr, selbst schon Grabungsleiterin in Bernstorf, die noch vor Weihnachten veröffentlich werden soll.

Fest steht für den Frankfurter Wissenschaftler, dass es sich schon allein wegen der Größe um einen "ganz besonderen Platz" gehandelt haben muss, möglicherweise um einen Verteilerknotenpunkt, um Handel zu betreiben. Der Bau müsse von den "Eliten" der damaligen Zeit in die Wege geleitet worden sein, sagt Krause. Denn dazu "brauchte man organisierte Strukturen". Diese Eliten haben womöglich im Umfeld gelebt, deshalb wirft Vanessa Bähr auch einen Blick auf die nähere Umgebung.

Rüdiger Krause (l.) und Rupert Gebhard begutachten die Fundstücke der aktuellen Grabung.

(Foto: Marco Einfeldt)

Vermutlich sei Bernstorf nie richtig in Funktion, nie groß besiedelt gewesen, erklärt Krause. Über die Archäobotanik habe man aber Reste von Kulturpflanzen nachweisen können. Warum die Anlage so schnell wieder verlassen wurde, ist das nächste große Rätsel. Eine mögliche Erklärung: Es handele sich um eine Umbruchszeit, sagt Rupert Gebhard, Europa sei wenig später "komplett umgekrempelt" worden. Der Leiter der Archäologischen Staatssammlung München ist an diesem Nachmittag kurz in Bernstorf, um sich über die Ausgrabungen zu informieren.

Wie der Wall schon kurze Zeit nach seiner Entstehung in Brand geriet, ob es ein Unglück oder eine rituelle Verbrennung war, warum ein Teilstück stehen blieb, das sind weitere offene Fragen. Für seine Doktorarbeit untersucht Benjamin Richter ähnliche Ereignisse aus dieser Zeit von Rumänien bis England.

Siedlungsspuren finden sich am Bernstorfer Berg aber auch schon vom Ende der frühen Bronzezeit, ebenso aus der späteren Hallstattzeit. Damals muss auf dem Plateau viel Erdreich verlagert worden sein. Dies erschwert den Archäologen die Arbeit heutzutage ebenso wie die Landwirtschaft späterer Jahrhunderte und der Kiesabbau, durch den ein großer Teil der Anlage verloren ging. "Es ist viel zerstört worden", sagt Krause. Trotzdem würden die Frankfurter gern weiterforschen. Offen ist jedoch die Frage der Finanzierung, denn die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist ausgelaufen.

Gold wird geprüft

Vor ziemlich genau einem Jahr ist die Nachricht eingeschlagen wie eine Bombe: Der Chemiker Ernst Pernicka bezweifelt, dass der in Bernstorf gefundene Goldschmuck tatsächlich aus der mittleren Bronzezeit stammt. Dazu sei das Edelmetall viel zu rein. Untersucht wird es derzeit in der Bundesanstalt für Materialforschung in Berlin. Der Frankfurter Vor- und Frühgeschichtler Rüdiger Krause, der mit einigen seiner Studenten Geschichte und Archäologie des Bernstorfer Berges erforscht, rechnet damit, dass die Ergebnisse Mitte Oktober veröffentlicht werden - und er ist nach wie vor davon überzeugt, dass es auch in der Bronzezeit schon entsprechende Verfahren gab, um so reines Gold zu erhalten.