Integration Angekommen

Angekommen in Freising. Heimat verlieren - suchen - finden" war das Thema des zweiten Gesprächs in der Reihe "Sonntags am Domberg".

(Foto: Marco Einfeldt)

Drei Einwanderer erzählen im Kardinal-Döpfner-Haus, wie sie in Freising eine neue Heimat gefunden haben und warum das manchmal schwierig war. Ein vierter Gesprächsteilnehmer ist noch auf dem Weg

Von Laura Dahmer, Freising

"Ich kann hier nicht leben. Überall wird auf der Straße geschmust - und die Deutschen putzen ihre Nase so laut." Mit diesen Worten begründete der 15-jährige Cem Barlas seinem Vater, warum er nicht in Deutschland bleiben wollte. Beides gilt in seinem Heimatland, der Türkei, als unangemessen. 39 Jahre ist das her - heute lebt Cem Barlas in Hallbergmoos, in der Wohnung, in die er 1980 mit seiner Familie zog.

Wie Sylvia Zapf, Samuel Fosso und Yamen Bazer Bashi ist Barlas vergangenen Sonntag ins Kardinal-Döpfner-Haus gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. "Angekommen in Freising. Heimat verlieren - suchen - finden" war das Thema dieses zweiten Gesprächs in der Reihe "Sonntags am Domberg", das von der Stiftung Bildungszentrum und der Stadtheimatpflege Freising veranstaltet wird.

Ihr Haus in Istanbul war niedergebrannt, Barlas Familie stand damals, vor gut 40 Jahren, vor dem Nichts. Um das nötige Geld zu verdienen, ging der Vater schließlich als Gastarbeiter nach München. Cem Barlas zog mit seiner Mutter und seinen zwei jüngeren Geschwistern zu den Großeltern. Doch politische Unruhen machten der Familie in der Türkei das Leben schwer. "Meine Mutter stellte meinen Vater vor die Wahl: Entweder er kommt zurück oder wir kommen nach Deutschland", erinnert sich Barlas. Über einen Kollegen des Vaters fanden sie eine Wohnung in Hallbergmoos - dieselbe Wohnung, die Barlas auch jetzt noch bewohnt.

"Heute ist Freising meine Heimat", stellt der geborene Türke fest, der Leiter im Vertrieb eines großen Elektrokonzerns in München ist. Ein Zuhörer fragt ihn, warum es seiner Ansicht nach gut integrierte Türken wie ihn gibt - aber auch andere, die hier wie in einer Parallelgesellschaft leben würden. "Die meisten haben Angst, eine Riesenportion ihrer Identität aufzugeben", vermutet Barlas. "Sie fühlen sich als Türken, und wenn sie sich nur ein Stück weit davon entfernen, denken sie: Jetzt bin ich Deutscher. Und das wird in der Gemeinschaft leider oft abwertend verwendet."

Samuel Fosso fällt da ein Sprichwort aus seiner Heimat ein. "Wenn du in ein neues Dorf kommst, in dem man auf einem Fuß tanzt, dann tanz nicht gleich mit zweien. Lern erstmal die Spielregeln kennen." Der Kameruner kam 2001 nach Deutschland. Nachdem sein Vater in Fossos Kindheit plötzlich verstorben war, schickte seine Mutter ihn zu einer befreundeten Familie, weil sie nicht alle fünf Kinder allein ernähren konnte. Dort machte er sein Abitur und bekam ein Stipendium für ein Studium in Polen.

"Diese Stipendien wurden bei uns nicht in Anspruch genommen, weil den meisten die Sprache zu schwer war. Ich dachte mir, wenn ich dafür an die Uni gehen kann, dann ist die polnische Sprache auch kein Problem", sagt Fosso lachend. Während des Studiums lernte er seine Frau kennen, eine Deutsche. Er zog mit ihr nach Freising. Samuel Fosso engagiert sich hier kommunalpolitisch und hat MiBiKids ins Leben gerufen, einen Verein, der Deutschunterricht für Migrantenkinder anbietet.

Sylvia Zapfs Weg nach Freising war kein leichter. "Die ersten Wochen waren Angst und Panik", sagt sie rückblickend. Während des Krieges kam die gebürtige Breslauerin mit ihrer Familie in ein Lager in Sachsen-Anhalt. "Mein Vater und ich erkrankten an Typhus, das war unser Glück. Man ließ unsere ganze Familie frei, weil wir eine Gefahrenquelle darstellten." Tagelang lebten sie auf der Straße, ernährten sich von Kartoffelschalen und Abfällen. Letztendlich kam Sylvia Zapf 1961 nach Freising. Auch damals war die Wohnungsnot groß: "Ich habe im Seilerbrückl eine Bleibe gefunden, im unfertigen Haus eines Polizeibeamten", lacht sie. "So bin ich hier Freising angekommen. Und ich bin gut angekommen."

So ganz kann Yamen Bazer Bashi das noch nicht von sich behaupten. Der Syrer kam erst vor zwei Jahren in den Landkreis. "Mir gefallen besonders Demokratie und Sicherheit. Aber auch Bratwurst und Kartoffelsalat!" Er hat das Sprachniveau B2 im Integrationskurs und kürzlich den Führerschein gemacht, nun sucht er eine Arbeit. "Ich wünsche mir, mehr Kontakte in Freising zu knüpfen, hier eine Familie zu gründen, eine Anstellung als Buchhalter zu finden, wie in Syrien", sagt Bashi mit Blick in die Zukunft. Und: Mehr Vertrauen von den Menschen. Dann fühlt vielleicht auch er sich angekommen - wie Cem Barlas, Samuel Fosso und Sylvia Zapf. Barlas wird jetzt sogar manchmal von seinem Schwiegervater beim Naseputzen erwischt.