Hundegestützte Pädagogik Fanny, Mitschüler auf vier Pfoten

Fanny, der Schulhund des Camerloher Gymnasiums, hat ein wachsames Auge auf Philipp, Raphael und Sarah (von links).

(Foto: Marco Einfeldt)
  • Der Schulhund Fanny ist regelmäßig am Freisinger Camerloher-Gymnasium zu Besuch.
  • Die Labradorhündin hilft den Schülern, Ängste, Schwächen und Traumata zu überwinden.
  • Das Projekt wird vom Kultusministerium gefördert.
Von Katharina Aurich, Freising

Wenn Fanny mit der Biologielehrerin Gabriele Ernst in die Klasse kommt, haben die Schüler schon alle Taschen für den Hund unerreichbar hoch gestellt, denn die Labradorhündin findet alles Essbare. Während des Unterrichts läuft der Vierbeiner in der Klasse herum, schnüffelt interessiert an den Beinen der Kinder, "dann bin ich immer überrascht und freue mich, wenn sie bei mir ist", sagt Benjamin aus der 5b im Freisinger Camerloher-Gymnasium und Sarah fügt an, es sei schön, wenn Fanny frei herumlaufe und nicht an der Leine sein müsse.

Später lege sich der Hund dann meist vorne neben dem Lehrerpult auf seine Decke. Manchmal schnarche Fanny im Schlaf, erzählen die Kinder aus der ersten Reihe. Seit dem Schuljahr 2016/17 gehört die braune Hündin zum Schulalltag und nicht nur die Schüler der unteren Klassen haben sie ins Herz geschlossen. Auch die Abiturienten hätten den freundlichen Vierbeiner am liebsten im Unterricht dabei, erzählt Ernst. Bevor Fanny eingeschult wurde, absolvierte die Biologielehrerin eine Fortbildung für den pädagogischen Einsatz von Hunden an Schulen mit ihr, ein Projekt, das vom Kultusministerium gefördert wird.

Ihren Namen erhielt der Labrador passend zum musischen Gymnasium nach der Komponistin Fanny Mendelsohn. Natürlich gibt es auch Regeln, wenn Fanny in der Klasse ist, "wir dürfen sie nicht locken und nicht erschrecken" berichtet Fünftklässlerin Mia. Aber am Ende des Unterrichts wird Fanny ausgiebig gestreichelt, was die Hündin sichtlich genießt. Nicht nur an zwei Tagen in der Woche im normalen Unterricht der Biologielehrerin ist Fanny dabei, sondern sie wird zum Beispiel auch geholt, wenn sich Fünftklässler nach dem Übertritt anfangs nicht in die neue Schule trauen.

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Kinder mit Leseschwäche dürfen Fanny vorlesen. Das fällt den Kindern leichter als vor der ganzen Klasse

Der Labrador kommt dann aus dem Schulhaus heraus und begleitet das Kind hinein. Das funktioniere immer, schildert Ernst. Kinder mit Leseschwäche dürften Fanny vorlesen, die aufmerksam zuhöre, und das falle den Kindern dann viel leichter als vor der ganzen Klasse. Auch bei traumatischen Ereignissen, wenn beispielsweise ein Mitschüler einen schweren Unfall hatte, leistet der Labrador wertvolle Hilfe. Fanny wird in die Klasse geholt und die Lehrerin nimmt die Jugendlichen mit auf einen Spaziergang. Das fröhliche Wesen des Hundes und die Bewegung an der frischen Luft lösten erstarrte Gefühle und die Jugendlichen könnten leichter Emotionen wie Trauer oder Angst zulassen, schildert die Pädagogin, die in solchen Fällen eng mit dem Kriseninterventionsteam der Schule zusammenarbeitet. Für die meisten Schüler sei der Kontakt zu Fanny etwas ganz Besonderes, schildert Ernst, nur wenige hätten zu Hause selbst einen Hund.

Begegnen sie auf der Straße Hunden, sind die Kinder vorsichtig, "ich gehe ganz ruhig vorbei", sagen Lisa und Laurenz. Große Hunde seien aber oft nicht an der Leine, "dann habe ich Angst", erzählt Sarah. Auch Marlene, Elfie und Stefanie berichten, dass sie froh sind, wenn große Hunde angeleint sind. "Wenn es ein kleiner Hund ist, frage ich, ob ich ihn streicheln darf", erklären Ben und Veronika. Im Klassenzimmer der 5b ist es inzwischen selbstverständlich, dass ein Hund dazu gehört, den sie einschätzen, beobachten und streicheln können. Inzwischen gebe es immer mehr solche Projekte und sie werde öfters um Informationen dazu befragt, schildert Ernst. Im Landkreis Freising sei Fanny jedoch bisher der einzigeSchulhund.

Nicht jeder Hund kann Schulhund werden

Die "hundegestützte Pädagogik" werde von der Grundschule bis zum Gymnasium an Bayerns Schulen eingesetzt, heißt es dazu aus dem Kultusministerium. Fortbildungen für Lehrkräfte zum Thema Schulhund gebe es seit zehn Jahren, die Zahl steige stetig. Wie viele Hunde im Einsatz seien, werde nicht erfasst, so Julia Graf von der Pressestelle des Ministeriums. Nicht jeder Hund könne ein Schulhund werden, betont Gabriele Ernst, "die Fanny war dafür ein Glücksfall". Im Alter von sechs Wochen kam der Welpe zu Ernsts in die Familie und sei von Anfang an sehr freundlich und Menschen-bezogen gewesen.

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Nur einen Hund, den sie von Anfang an kenne und den sie genau einschätzen könne, würde sie mit in die Klasse nehmen, betont Ernst. "Ich weiß genau, was sie bisher erlebt hat und wie sie bei Stress oder wenn es laut wird, reagiert." Außerdem musste Ernst eine spezielle Haftpflichtversicherung für den Schulhundabschließen und Fanny wird einmal im Jahr von einem Tierarzt untersucht. Natürlich dürfe der Unterricht für den Hund nicht zu lange werden, höchstens vier Stunden sei die Hündin, unterbrochen von kleinen Spaziergängen, dabei, erzählt die Lehrerin. Wenn sie mit dem munteren, schwanzwedelnden Labrador durch die Gänge der Schule läuft, hellen sich Gesichter auf und ein fröhliches "Hallo Fanny" ertönt bei jeder Begegnung.