Geburtshilfe im Landkreis Freising Die Kosten explodieren

Die Hebammen kämpfen mit steigenden Versicherungsprämien und hohen Spritpreisen, einige Kolleginnen von Doris Stickel und Annette Fußeder haben bereits aufgegeben

Von Gudrun Regelein

Doris Stickel ist alarmiert: Vor allem der in den vergangenen zehn Jahren um das Dreifache angestiegene Beitrag zur Haftpflichtversicherung mache den selbständigen Hebammen im Landkreis das Leben schwer, beklagt sie. Hinzu kämen immer mehr Auflagen und die steigenden Benzinkosten. "Unser Berufsstand ist zwar nicht bedroht, hat sich aber mittlerweile gravierend verändert", sagt Stickel, die seit knapp 40 Jahren als Hebamme arbeitet und seit nunmehr 20 Jahren die Elternschule im Zentrum der Familie leitet. Zwar seien die Hebammen im Landkreis - gut 30 gibt es derzeit, die alle freiberuflich arbeiten - nicht weniger geworden, aber sie kenne Kolleginnen, die aus der Geburtshilfe ausgestiegen sind - weil es sich einfach nicht mehr rechne. Auch die Hebamme Evelin Altenbeck musste das Geburtshaus in Moosburg aufgeben und bietet nun nur noch Vor- und Nachsorge sowie Kurse an.

Grund seien die extrem angestiegenen Versicherungsbeiträge, sagt Stickel, die sich viele der Hebammen kaum noch leisten können. Lagen die vor etwa zehn Jahren noch bei durchschnittlich 1300 Euro, so müssen Geburtshelferinnen nun zwischen 3600 und 4200 Euro zahlen. Zwar sei die Gesamtzahl der Schadensfälle nicht gestiegen, erklärt die Hebamme Annette Fußeder, die von Januar an die Leitung der Elternschule übernehmen wird. Aber komme es bei der Geburt zu einer Behinderung des Kindes, so seien mittlerweile Schadenssummen in Millionenhöhe fällig. Entsprechend höher seien nun auch die Versicherungsprämien. Und auch die Bereitschaft zur Klage sei gewachsen. "Es wird viel prozessiert, verständlich, wenn man als Geburtshelfer vorsichtig wird", sagt Fuß-eder.

Das aber führt dazu, dass es "aus juristischen Gründen" in der Geburtshilfe eine immer größere Zahl an Vorschriften gibt - "für uns Hebammen ein weiteres Problem", sagt Stickel. Beispielsweise müsse nun an einem bestimmten Tag nach dem errechneten Geburtstermin die Geburt eingeleitet werden. Das sei vielleicht notwendig, um sich im "juristisch sicheren Bereich" zu bewegen, aber nicht ideal für eine individuelle Geburtshilfe. "Es ist kein Handwerk mehr, sondern orientiert sich am Juristen", beklagt auch Fußeder.

Zu den gestiegenen Beiträgen zur Haftpflichtversicherung, der Renten- und Krankenversicherung kommen dann bei einigen Geburtshelferinnen noch die Kosten für angemietete Räume - und alle treffen die gestiegenen Benzinpreise. Knapp 30 000 Kilometer beispielsweise fährt Stickel pro Jahr im Landkreis, um die Frauen zur Vor- oder Nachsorge zu besuchen. "Da macht sich der Spritpreis durchaus bemerkbar", sagt sie.

Beide Hebammen sind sich einig, dass ihre Arbeit besser bezahlt werden müsste; die Abrechnung über die Krankenkassen sei sehr knapp bemessen. Als Beispiel: 5,60 Euro erhalten Hebammen pro angefangener halber Stunde Beratung während der Schwangerschaft von den Kassen. "Es muss schon gut laufen, damit es sich rechnet", sagt Fußeder.

Etwa 14 Hebammen sind im Schichtdienst im Klinikum Freising tätig. Eine direkte Kostenbeteiligung durch die Klinik für die Haftpflichtversicherung ihrer Hebammen gibt es nicht, allerdings bestehe eine Sonderregelung, so Geschäftsführer Harald Schrödel. Da das Klinikum um die finanzielle Belastung wegen der gestiegenen Versicherungsprämien wisse, möchte es sich mit dem sogenannten Bereitschaftsdienstentgelt an diesen Kosten beteiligen. Etwa 800 Geburten pro Jahr gibt es im Freisinger Krankenhaus - 2012 waren es bislang etwa 600, berichtet Dario Vincenti, der Chefarzt der Gynäkologie. Solange eine Geburt problemlos verläuft, werde der Natur ihr Lauf gelassen. "Aber wenn ein Risiko da ist oder erkannt wird, dann greifen wir ein", erklärt Vincenti. Er kann nicht bestätigen, dass die Zahl der Klagen zugenommen habe. "Durch eine immer sicherere, bessere Medizin nehmen die Schadensfälle sogar ab", sagt er. Aber bei den wenigen Fällen, die vor Gericht landen, gehe es dann tatsächlich gleich um Schadensersatz in Millionenhöhe.

Machen ihre Arbeit gern, fordern aber eine angemessene Bezahlung: die beiden Freisinger Hebammen Doria Stickel (links) und Annette Fußeder.

(Foto: Marco Einfeldt)