Folgen der Müller-Brot-Insolvenz Alles versemmelt

Die Insolvenz von Müller-Brot trifft nicht nur die Mitarbeiter hart, Sie warten seit sechs Wochen auf ihren Lohn. Auch die Pächter der Verkaufsfilialen stehen vor dem Nichts - und verzeichnen Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent.

Von Katja Riedel und Alexandra Vettori

Und plötzlich steht sie vor dem Nichts: mit einem Haufen Schulden, mit einem gewaltigen Umsatzeinbruch von mehr als 50 Prozent, und ohne Plan für die Zukunft. Eva Tomaso (Name geändert) ist Franchisenehmerin von Müller-Brot im Werdenfelser Land. In einem normalen Monat, sagt sie, habe sie 22 000 Euro Umsatz erzielt, in diesem Februar gerade einmal 9000 Euro. "Das ist alles eine große Katastrophe", sagt sie. "Wie zahle ich meine Verkäuferinnen? Meine Miete? Mein Auto?"

Die selbständigen Betreiber von Müller-Brot-Filialen stehen mit leeren Händen da. Sie verzeichnen Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent.

(Foto: Marco Einfeldt)

Tomaso hat sich deshalb einer Pächter-Initiative angeschlossen, die von Müller-Brot Antworten verlangt: Wie soll es jetzt weitergehen? Welche Semmeln sollen sie verkaufen? Wer haftet für den Schaden? Und: Wo sind die Sicherheitseinlagen geblieben, die jeder Pächter an Müller-Brot zahlen musste? Bei Tomaso waren es 13 500 Euro, sie nahm einen Kredit auf. Vor mehr als zwei Wochen haben die Pächter Müller-Brot aufgefordert nachzuweisen, dass ihr Geld sicher angelegt ist. Darauf warten sie, bis heute. Und auch Mehrheitseigner Klaus Ostendorf, der vor einer Woche noch in einem Interview mit der SZ eine angemessene Schadensregulierung in Aussicht gestellt hatte, schweigt nun.

Helfen will der Münchner Anwalt Wolfgang Bengen. Ihn haben bislang 137 Franchisenehmer beauftragt, ihre Rechte zu prüfen. Die Mitarbeiter seien arm dran - aber die Pächter treffe die Insolvenz noch härter, sagt er. "Ein Franchisenehmer bekommt kein Insolvenzausfall- oder Arbeitslosengeld. Der rutscht direkt in Hartz IV." Sich einfach einen neuen Zulieferer suchen, das könnten die Franchisenehmer nicht. Bei fast allen sei die Immobilie von Müller-Brot gepachtet. Nun scheinen die Investitionen, die die Pächter selbst getätigt haben, verloren zu sein, so wie die Kaution, die sie gezahlt haben, sagt der Anwalt. Am Samstag treffen sich einige Pächter in einem Gasthof in Massenhausen - um zu besprechen, was auf sie zukommt.

Was auf sie zukommt - das wüssten auch die angestellten Mitarbeiter gern. Etwa 1050 Menschen arbeiten noch für Müller-Brot: in den 17 Produktionslinien in Neufahrn, im Vertrieb, am Steuer der Lieferwagen. Sie haben schon seit dem 30. Januar, als die Produktion gestoppt wurde, keine Semmel oder Breze mehr ausgefahren, die in Neufahrn gebacken wurde. Das Firmengelände verlassen auch an diesem Freitag keine Firmen-Lkw, sondern um kurz vor 13 Uhr die letzten Putzkolonnen - leicht zu erkennen an den Aufschriften auf den Lieferwagen und den Kanistern mit blauer Flüssigkeit, die sie darin verstauen. Denn nun sind die Lebensmittelkontrolleure angesagt, die entscheiden müssen, ob die Produktion zumindest in Teilbereichen wieder angefahren werden darf. Um 13.04 Uhr passiert ein kleiner Konvoi das Tor. Ob es die Kontrolleure sind? Man sieht es ihnen nicht an.

Die Krägen hochgeklappt, mit sorgenvollen Mienen, eilen zur gleichen Zeit Mitarbeiter von Müller-Brot durch das Werkstor. Eine Abteilungsversammlung ist angekündigt, in einer Halle im hinteren Teil der Fabrik. Schon seit dem Donnerstagabend lädt der Insolvenzverwalter Abteilung für Abteilung. Er will es anders machen als die Müller-Brot-Chefs und mit den Betroffenen sprechen. Mit Journalisten reden dürfen die Mitarbeiter freilich nicht, die Geschäftsleitung habe es ausdrücklich verboten, heißt es.

Sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz, sie fürchten um die ausstehenden Löhne und, klar, sie sind sauer. Wie sauer, das ist ein Stück entfernt zu hören, dort, wo man vom Fabrikgelände aus nicht mehr zu sehen ist, zwischen den Hochhausblöcken in der Nachbarschaft. "Das war geplant, die haben den Hygieneskandal benutzt, um Insolvenz anzumelden, damit sie Leute rausschmeißen können", ist eine Frau überzeugt. Seit vielen Jahren arbeitet sie für die Großbäckerei, ihren Namen sagt sie verständlicherweise nicht. Hier muss man nicht lange suchen, um Mitarbeiter von Müller-Brot zu finden. "Allein hier in dem Haus arbeiten 60 Prozent der Bewohner bei Müller-Brot", sagt die Frau. Die Belegschaft trage keine Schuld an dem Skandal. "Wir haben immer unsere Arbeit gemacht. Und seit Jahren immer wieder auf Missstände hingewiesen, aber es ist ja nie was gemacht worden, geschweige denn investiert."

Es sind schwere Vorwürfe, die die Frau erhebt. Vorwürfe, die zuvor auch schon die Gewerkschaft NGG deutlich formuliert hatte. Sie sprach in den vergangenen drei Wochen über die Verhältnisse bei Müller-Brot, während die Firma selbst meist beharrlich schwieg.

Statt der Geschäftsführung reden also andere. Nicht einmal richtige Arbeitskleidung hätten sie gehabt, erzählt die Neufahrner Mitarbeiterin, "wir sind da teilweise in Jeans rein". Dass der Lohn seit einigen Jahren immer zu spät ausbezahlt wurde, hätten sie hingenommen. Derzeit stehe sogar noch das Januar-Geld aus. Das habe sich eben so eingespielt, sagt die Frau, auch auf Weihnachts- und Urlaubsgeld habe man regelmäßig verzichtet. "Das haben wir alles mitgemacht, Müller-Brot war für uns wie eine Familie. Und jetzt geht es ihnen nur darum, uns möglichst kostengünstig rauszuschmeißen." Und dann werde die alte Belegschaft zu niedrigeren Löhnen wieder angeheuert, fürchtet die Frau. Dann dreht sie sich um, sie muss zur Abteilungsversammlung. Schnell ruft sie noch: "Und schreiben Sie das, dass wir nichts dafür können. Wir sind nur die kleinen Lichter von ganz unten."