Geheimnisvolles Tunnelsystem Moosburgs verborgene Welten

In manchem Keller fühlt man sich, als wäre man in der Zeit zurückgereist.

(Foto: Oh)

Alte Gänge und Gewölbe durchziehen den Untergrund der Stadt, die einzigen Dokumente dazu sind vernichtet. Drei Hobbyfotografen erkunden nun diese Orte, entdecken dabei Hinterlassenschaften der Amerikaner und Gänge, die nach einem Meter enden.

Von Maika Schmitt, Moosburg

Der Weg in die Moosburger Unterwelt führt heute durch ein Elektronikgeschäft. Hausbesitzer Klaus Stampfl geht mit seinem Schlüsselbund voran durch einen Hausflur und einen kleinen Fahrradkeller. Noch ahnt man nicht, was sich hinter einer unscheinbaren weißen Tür am Ende des Raumes verbirgt. Doch der Schlüssel öffnet sie, und dahinter warten unverputzte Wände, muffige Luft und eine grob behauene Steintreppe, die in die Tiefe führt. Hier wird "Moosburg ganz anders".

Es ist auch der Name des Projekts von Matthias Gabriel, Alfred Bold und Marko Maier. Die Freunde erkunden Orte, an die man normalerweise nicht kommt und fotografieren sie. Lost places ist der englische Begriff für die Bewegung, die auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Sie fotografieren zum Beispiel alte Gewölbekeller und verschüttete Gänge, von denen es in Moosburg offenkundig viele gibt. "Das waren immer nur Gerüchte und irgendwann wollten wir dann wissen, ob die wahr sind", berichtete Matthias Gabriel. Ausgestattet mit Stativ, Blitz und Kamera ist er mit Alfred Bold unterwegs, um einen alten Brauereikeller abzulichten. Gleich am Fuß der Treppe entdeckt er einen zugemauerten Torbogen. Dort ginge es bestimmt noch weiter, in Gewölbe, die seit Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten niemand mehr betreten hat. Aber wie so oft ist der Weg versperrt.

"Fire Exit route, walk" steht auf roten Pfeilen an den Wänden

Doch auch in dem verschachtelten, zugänglichen Kellerteil gibt es für die zwei Hobbyfotografen viel zu entdecken: Oben entlang ziehen sich Rohre bis in den nächsten Raum, dessen Decke ganz schwarz ist. Der Fußboden ist uneben und mit alten, groben Steinen gepflastert. Durch die Lüftungsschlitze dringt immer wieder der Lärm der Straße in den Keller und doch fühlt es sich hier unten an, als wäre man ein Stück in der Zeit zurückgereist. An den Wänden finden sich immer wieder rote Pfeile, die zum Ausgang weisen: "Fire Exit route, walk" steht darauf. Englisch, weil die ehemalige Brauerei nach dem Zweiten Weltkrieg ein Stützpunkt der Amerikaner war. Auch solche Dinge lernt man, wenn man auf der Suche nach verborgenen Orten ist. "Ein Bild ist doch viel schöner, wenn ich auch die Geschichte dahinter kenne", erklärt Matthias Gabriel. Alfred Bold und ihm ist die Begeisterung über den Keller deutlich anzumerken. Ständig wird das Kamerastativ umgestellt und mit verschiedenen Belichtungsdauern experimentiert.

Wenn Matthias Gabriel und Alfred Bold (rechts) den Moosburger Untergrund fotografieren, entfährt ihnen schon mal ein begeistertes "geil, geil, geil".

(Foto: Marco Einfeldt)

"Geil, geil, geil", hört man es flüstern, bevor der nächste Blitz den dunklen Kohlenkeller erhellt. Sogar einzelne Kohlen liegen noch herum, vor einer Wand, die ebenfalls aussieht, als wäre sie nachträglich zugemauert worden. Klaus Stampfl wird diese Wand jedoch nicht einreißen lassen - zu aufwendig, da der aktuelle Keller für die Nutzung ausreicht. Eine kleine Enttäuschung für die Jungs von "Moosburg ganz anders". Gerne würden sie sehen, was sich hinter den Mauern verbirgt und ob es wirklich ein Geflecht aus Tunneln unter der ganzen Stadt gibt. Hinweise darauf finden sich viele. Gänge, die nach einem Meter enden, haben sie schon entdeckt und eben zugemauerte Torbögen. Auch bei Bauarbeiten wurden bereits Tunnel offengelegt, sie alle führen offensichtlich zur Kirche, doch dort findet sich nichts. Bis auf einen Heizraum nicht einmal ein Keller. Das klingt nach Stoff für einen Abenteuerroman und ist auch ein Grund für die Begeisterung von Alfred Bold für sein Hobby: "Ich weiß nie, was mich erwartet. Außerdem ändert sich der Blickwinkel. Früher bin ich immer mit einem Tunnelblick durch Moosburg gelaufen". Jetzt tut er es mit sehr wachen Augen.

Vortrag

Da "Moosburg ganz anders" immer bekannter wird, hält Matthias Gabriel am Mittwoch, 20. April, einen Vortrag über das Projekt. Er wird Bilder zeigen und von den Fototouren unter der Stadt berichten. Beginn ist um 20 Uhr in der Aula der VHS Moosburg, der Eintritt ist frei. Wer sich schon einmal einstimmen möchte, kann sich viele Bilder im Internet unter www.moosburganders.blogspot.de und unter www.facebook.com/moosburganders/ ansehen. Auf den beiden Seiten berichten Matthias Gabriel, Alfred Bold und Marko Maier regelmäßig von ihren Entdeckungstouren. MSTT

Beim Rundgang durch die Stadt fallen plötzlich Mauern mit Lüftungsschlitzen auf, die keinen Eingang haben. Oder Bodengitter, die zu einem der Gänge führen könnten. Moosburg scheint nach der Stadtführung mit Matthias Gabriel und Alfred Bold nur noch aus Höhlen, Kellern und verschütteten Gängen zu bestehen. "Mich reizt es, Orte zu entdecken, an denen schon lange keiner mehr war", erzählt Gabriel, als die beiden vor einem Tunnel stehen, der in einem Hang verschwindet. Möglicherweise war es einst eine Schmugglerroute, um die Zollstationen der Stadt zu umgehen - inzwischen ist er mit einem Gitter verschlossen. Trotzdem steht er auf der Liste der Fotojäger natürlich ganz oben. Gerade warten sie allerdings noch auf eine Genehmigung vom Bauamt. Ohne Wissen wollen sie keinen der Tunnel betreten, denn das könnte gefährlich werden. Nicht so sehr die Baufälligkeit, sondern vielmehr der Luftmangel ist ein Problem in den alten Gemäuern, das haben die Freunde auch schon am eigenen Leib erfahren müssen, als ihnen in einem Keller nach 40 Minuten die Luft wegblieb. "Da hat danach ganz schön der Kopf gebrummt!". Einen Abbruch tat das ihrer Leidenschaft freilich nicht.

Begonnen hat das Projekt der drei gebürtigen Moosburger vor einigen Monaten im Keller des Bistro Woch'nblatt, gleich neben dem Elektronikgeschäft. Auch dort war früher eine Brauerei, in der Gabriels Vater angestellt war. Die drei waren begeistert von den Welten, die sich unter Moosburg auftaten und wollten ihre Entdeckungen teilen: "Moosburg ganz anders" ging online und über Nacht fanden die Bilder Hunderte Anhänger auf Facebook.

Die Öffentlichkeit soll mehr über den Untergrund erfahren

Inzwischen werden Matthias Gabriel, Alfred Bold und Marko Maier sogar auf der Straße erkannt und bekommen Einladungen in Keller. Den Untergrund ganz zu erforschen und dann der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, das ist das Ziel der drei. Vorbild ist die Stadt Zeitz in Sachsen-Anhalt, wo ebenfalls Hobbyforscher die Tunnelsysteme erkundeten und schließlich für den Tourismus öffneten. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Bisher hat sich auch niemand für das Tunnelsystem interessiert. Seit das Moosburger Archiv 1865 abgebrannt ist, sind alle Dokumente vernichtet, die einen Hinweis darauf geben könnten.

Bei ihrer Suche bekommen Matthias Gabriel, Alfred Bold und Marko Maier inzwischen jedoch Unterstützung von verschiedenen Stadträten und dem Moosburger Archivar. Immer neue Keller und Zugänge haben sie seitdem entdeckt. Trotzdem - frustrierend sei es schon, nur an bereits geöffneten Orten zu fotografieren, sagt Gabriel und lässt seinen Blick sehnsuchtsvoll über ein altes Haus schweifen, unter dem er einen weiteren Tunnel zur Kirche vermutet. "Aber irgendwann lässt uns bestimmt mal jemand eine zugemauerte Wand einschlagen", sagt er und grinst. Und wer weiß, welche versteckten Orte sich dann unter Moosburg auftun werden.

Mehr Bilder aus dem Untergrund und Infos zu dem Forschungsprojekt "Moosburg ganz anders" unter www.moosburganders.blogspot.de.