Arbeitskreis "Fahrradwerkstatt" Ein Stück Unabhängigkeit

Schrauben verbindet: Im Flüchtlingsdorf an der Wippenhauser Straße organisieren Konrad Wilhelm (rechts) und Stefan Lukas eine Fahrradwerkstatt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ein eigenes Radl bedeutet Flüchtlingen viel. In einer provisorischen Werkstatt helfen Ehrenamtliche bei der Reparatur

Von Katharina Aurich, Freising

Die ersten warmen Sonnenstrahlen locken die Menschen nach draußen, auf den Wegen im Flüchtlingscamp an der Wippenhauser Straße sind viele Bewohner unterwegs. Kinder spielen, Frauen tragen Einkaufstaschen in ihr Zuhause auf Zeit. Aus einem Fenster tönt Reggae-Musik - passend zur Frühlingsstimmung. Kinder und Jugendliche sind mit ihren Rädern unterwegs. In den Fahrradunterständen drängen sich Drahtesel jeder Größe und Bauart - ein buntes Durcheinander, das leider eher einem Fahrradfriedhof gleiche, sagt Konrad, einer der drei Helfer, die regelmäßig samstags in das Camp kommen. Sie reparieren dort Räder und versuchen, Struktur in das Ganze zu bringen.

Seit Herbst gibt es den Arbeitskreis "Fahrradwerkstatt", der aus dem Freisinger Helferkreis entstanden ist. Kaum sind die drei aus ihrem Auto ausgestiegen, werden sie in den verschiedensten Sprachen begrüßt und von Buben und jungen Männern umringt. Als Erstes laden die Helfer ihre Hocker und natürlich das Werkzeug aus, dann geht es sofort los. Für den elfjährige Ashkan aus Afghanistan ist sein Fahrrad sein ganzer Stolz, er habe es gebraucht in München gekauft, übersetzt Jaladin, der ebenfalls aus Afghanistan kommt und schon gut Deutsch spricht. Aber das Fahrrad von Ashkan bremst nicht mehr richtig, deshalb ist jetzt Konrads Fingerfertigkeit gefragt, der das Problem sofort sachkundig angeht. Die Räder stehen kopfüber und die "Monteure" knien davor oder hocken auf kleinen Schemeln. Das Werkzeug liegt in großen Taschen, die Konrad und Stefan, die beiden "Werkstatt-Chefs", mitgebracht haben.

Der Dritte im Bunde ist Sam aus Melbourne/Australien, der sich geduldig alle Probleme der Buben mit den Drahteseln anhört und dann das entsprechende Werkzeug holt. "Wir bräuchten dringend einen Raum oder eine Halle, ein größerer Schuppen in der Nähe des Camps würde auch reichen, wo wir die Räder und vor allem unsere Ersatzteile, die alle gespendet werden, und auch das Werkzeug lagern können", wünschen sich Stefan und Konrad. Von den rund 500 Flüchtlingen, die im Camp leben, besitzen 80 Prozent ein Fahrrad, schätzt Konrad. Er ist gelernter Fahrradmechaniker und bietet Flüchtlingen, die es lernen wollen, in seiner privaten, gut ausgerüsteten Werkstatt an, zu üben. Sein Traum wäre jedoch eine öffentliche Werkstatt für alle, um sich gegenseitig unterstützen zu können, aber auch als Kontaktmöglichkeit für Flüchtlinge mit der Freisinger Bevölkerung. Denn beim gemeinsamen Reparieren ergeben sich viele Gespräche, das weiß Konrad aus Erfahrung. Allerdings benötige man dafür auch Übersetzer, denn wie schon in der provisorischen Werkstatt deutlich wird, ist die Sprache das größte Hindernis, um zu besprechen, woran es hakt.

Natürlich erkundigen sich die Helfer auch, wo die Buben und jungen Männer herkommen, was sie sich wünschen und welche Pläne sie haben. Dafür werden dringend Übersetzer gebraucht, die sowohl Paschtu (Afghanisch), Urdu (Pakistanisch), Arabisch und auch Englisch oder Deutsch sprechen. Anfangs hatten Konrad und Stefan gehofft, dass jemand aus dem Camp nach einiger Zeit die Verantwortung für die Fahrräder übernehmen werde, andere anlerne und die vielen gespendeten Räder sortiere, erzählen sie, während sie fachmännisch Gangschaltungen und Bremsen wieder funktionstüchtig machen. Es fehle Manpower zum Reparieren, aber vor allem jemanden, der das Ganze strukturiere und organisiere. Die Helfer hatten sich als kleines Geschäftsmodell vorgestellt, die Flüchtlinge so auszubilden, dass sie selbst kaputte, gespendete Räder wieder in Gang bringen und diese dann für wenig Geld verkaufen, um sich ein kleines Zubrot zu verdienen. Aber der Plan funktioniere nicht, sagt Stefan, da keiner der Flüchtlinge daran Interesse zeige. Stefan sagt aber auch, dass er die Hierarchie-Strukturen unter den Bewohnern des Camps nicht durchschaue. Er könne sich vorstellen, dass niemand die Verantwortung übernehmen möchte, weil er womöglich fürchtet, von anderen Gruppen nicht akzeptiert zu werden oder weil er keinen Neid erzeugen wolle. Wahrscheinlich mache auch die "Heimatentwurzelungsverzweiflung", wie Stefan es nennt, die Flüchtlinge vorsichtig.

Fingerspitzengefühl sei auch für den regionalen Fahrradmarkt gefragt, denn man wolle den örtlichen Fahrradläden natürlich keine Konkurrenz machen. "Wir arbeiten gut zusammen und erhalten manchmal Ersatzteilspenden, uns geht es darum, die Flüchtlinge auf das Rad bringen", betonen Konrad und Stefan. Denn ein eigenes Fahrrad bedeute Mobilität und Unabhängigkeit, wie für den elfjährigen Ashkan, der damit jeden Morgen zügig zur Schule fährt und am Nachmittag die Umgebung erkundet.

Kontakt zur Werkstatt-Crew für Spenden oder Ideen für eine Unterkunft für Räder, Ersatzteile und Werkzeug: lukas.stefan69@web.de