Freimann Ein Gefühl der Freiheit

In der Radl-Werkstatt der Bayern-Kaserne reparieren Manfred Heidemann und seine Vereinskollegen aus der "1. Münchner Kugelwurfunion" Zweiräder, mit denen Flüchtlinge die Stadt erkunden können

Von Charlotte Schulze, Freimann

Die Kette lässt die Hände von Günter Deißenböck und Salah immer schwärzer werden. "Ich denke, so ist es richtig", sagt Deißenböck. Salah, der seinen Familiennamen nicht veröffentlicht wissen will, nickt. Zwischen Schläuchen, Pedalen und Werkzeugkisten schrauben Deißenböck und Salah in der Werkstatt der Bayernkaserne an einem Fahrrad. Wenn es repariert ist, wird es Salah gehören. Zwischen all den Zweirädern, die hier auf ihre neuen Besitzer warten, hat er sich für dieses eine, in hell-lila, entschieden. Das Problem: Die Kette ist gerissen, muss repariert werden und will jetzt nicht so, wie Deißenböck und Salah es wollen. Macht aber nichts, die beiden haben Zeit. Deißenböck, weil er Rentner ist, und Salah, weil der Krieg ihm seinen Arbeitsplatz genommen hat. Die Stadt, deren Kinder der 43-Jährige einst unterrichtete, besteht nur noch aus Ruinen und Trümmern.

Salah war Englischlehrer im syrischen Aleppo - in der Stadt, die seit nunmehr vier Jahren vom Bürgerkrieg gebeutelt ist. Statt Schulkinder mit Büchern im Arm laufen Männer mit Kalaschnikows durch die Stadt, anstelle von Schulbussen fahren Panzer durch die Straßen. "Bomben haben alles zerstört. Auch mein Haus", sagt Salah stockend auf Englisch. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen flüchtete er in die Türkei. Von dort aus schlug er sich nach Deutschland durch. Seine Familie bleibt vorerst in einem Flüchtlingslager an der türkischen Grenze. Salah ist seit Mitte Juli in München, allein.

Er hält den Lenker seines Rads mit einer Hand fest. "Alles was ich will, ist, meine Familie nach Deutschland zu holen. Ich vermisse sie sehr." Salah sagt, er wolle hier eine Arbeit zu finden. Ohne Deutsch sei das aber schwierig, deswegen müsse er so schnell wie möglich die Sprache lernen.

Die Tür der Werkstatt öffnet sich. Die Sonne dringt durch den Spalt und durchflutet das Innere des Arbeitsraums mit Licht. Heiße Luft strömt herein und vermischt sich mit Öl- und Gummigerüchen. Draußen stehen Männer, Frauen und Kinder, die darauf warten, eintreten und sich ein Fahrrad aussuchen zu dürfen, von dem sie sich Mobilität erhoffen, Bewegungsfreiheit in den sonst so beengenden Unterkünften. "Wir kommen raus, können die Stadt sehen und zum Englischen Garten fahren", berichtet Salah. Manfred Heidemann, der Leiter der Werkstatt, schließt die Türe. Nur einen Mann mit sechs Kindern lässt er herein. "Einer nach dem anderem. Ansonsten bricht hier das Chaos aus", sagt er.

Seit fast vier Jahren engagiert sich Manfred Heidemann in der Werkstatt. Auch er ist Jurist. "Anwälte gibt es in München wie Sand am Meer. Aber Leute, die Fahrräder reparieren können, an denen fehlt's." Weil Heidemann als Vater zweier Kinder das Flicken, Schrauben und Aufpumpen von Rädern nahezu blind beherrscht, hatte ihn sein Vereinskollege Guido Kuhn aus der "1. Münchner Kugelwurfunion", der sich auch bei der Inneren Mission engagiert, um Hilfe gebeten: Die Innere Mission wolle Flüchtlingen Fahrräder zur Verfügung stellen. Ob er sich vorstellen könne, dabei zu helfen? Heidemann sagte zu, Deißenböck auch und mit ihnen fünf andere Boulebrüder. Sie wollten helfen und die Menschen, die hier in Deutschland ankommen, willkommen heißen. Mittlerweile hat das Team gemeinsam mit den Bewohnern verschiedener Unterkünfte in München mehr als 1000 Fahrräder an Frau, Mann und Kind gebracht. Die Räder sind Spenden von Unternehmen, Privatleuten und der Stadt, die herrenlose Fahrräder an die Radlwerkstatt weitergibt, anstatt sie zu verschrotten.

Je nach Zustand und Größe des Vehikels zahlen die Flüchtlinge fünf bis 15 Euro. Bringen sie das Fahrrad zurück, wenn sie es nicht mehr brauchen oder München verlassen, erhalten sie das Geld zurück. Wenn nicht, ist das auch okay, dann gehört das Zweirad ihnen. "Früher haben wir die Räder umsonst rausgegeben. Aber sobald etwas kein Geld kostet, verliert es an Wert. Oft sind kaputte Räder deswegen in den Büschen gelandet. Das ist jetzt viel besser," berichtet Heidemann.

Die Kette von Salahs Rad baumelt immer noch herunter. Langsam wird er unruhig. "Um zwölf gibt's Mittagsessen. Wenn ich das verpasse, krieg ich bis heute Abend nichts." Es ist fünf vor zwölf. "Essen oder Fahrrad" sagt Heidemann und schmunzelt. "Fahrrad!", lautet die Antwort. Etwas ratlos schaut Deißenböck durch seine randlose Brille auf die beiden Kettenenden in seinen Händen. "Für mich ist es ein Gewinn, hier mitzumachen. Ich lerne neue Leute kennen und kann helfen." Außerdem bastelt er gerne. Salahs Fahrradkette allerdings erweist sich als äußerst störrisch. Heidemann will helfen. "Zwei Chefs auf einmal, da hab ich kein Platz mehr" sagt Salah, lacht und tritt zur Seite. Doch auch Heidemann kommt nicht weiter. Und so wenden sich die "zwei Chefs" bald wieder anderen, weniger widerspenstigen Exemplaren zu.

Das Kinderrad von Ibrahim fährt nicht mehr richtig. "That one gave me some trouble - das hat mir Ärger gemacht", sagt der Zwölfjährige. Ibrahims Eltern kommen aus Libyen und Sierra Leone. Das allerdings konnten die Betreuer nur recherchieren. Der Junge mit der roten Jacke ist alleine nach Deutschland gekommen. Wie, ist unklar - was mit seinen Eltern passiert ist, weiß auch niemand.

Gegen Krieg, Verfolgung und Flucht können die Ehrenamtlichen in der Werkstattnichts tun. Doch sie können den Geflüchteten mit den Rädern den Alltag erleichtern und insbesondere den Kindern Beschäftigung bieten, Freude schenken. Ibrahim ist zufrieden: Sein Rad ist repariert. Er verlässt die Werkstatt um weiter über das Gelände zu radeln. In die Stadt fahren, wie die Großen, darf er nicht. Er ist noch zu jung. Und er ist viel zu jung, um ganz alleine aus seiner Heimat zu fliehen. Eigentlich.

Salah schaut Ibrahim nach. Er steht immer noch neben seinem Rad, das mittlerweile gar keine Kette mehr hat, und blickt sich um. Vielleicht nimmt sich ja doch noch jemand der Herausforderung an. Ein weiterer Helfer schnappt sich eine andere Kette von einem Haken an der Wand und friemelt sie in das Laufwerk. Er greift um den Reifen und bringt ihn zum Drehen. Die Kette surrt nun und das Rad zieht seine Kreise als sei nie was gewesen. "Jetzet. Gott sei Dank", ruft Deißenböck. Salah lacht und dankt. Dann endlich schiebt auch er sein Fahrrad ins Freie und radelt davon.