Frauennotruf auf dem Oktoberfest Schutz statt Scham

Alexandra Stigger vom Security Point weiß, wie hemmungslos die Stimmung auf der Wiesn werden kann. Das lässt sie nicht als Ausrede gelten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Streit mit dem Partner eskaliert oder die Handtasche ist plötzlich weg: Der Security Point ist die Anlaufstelle für Wiesn-Besucherinnen, die in Not geraten. 156 Frauen wurden im vergangenen Jahr betreut - doch viel mehr bräuchten auf dem Oktoberfest Hilfe.

Von Sabine Buchwald

Das Oktoberfest hat seine hässlichen Seiten. Alexandra Stigger kennt sie gut und sagt dennoch: "Ich finde, die Wiesn ist ein schönes Fest." Alexandra Stigger ist 29 Jahre alt und als gebürtige Münchnerin mit Wiesn-Besuchen groß geworden. Jetzt arbeitet sie dort. Nicht mittendrin, etwa in einem Bierzelt, sondern im Servicezentrum schräg unterhalb der Bavaria, das wie ein verrosteter Container aussieht. Dort sind der TÜV, das Rote Kreuz und das Fundbüro untergebracht - und dort ist während des Oktoberfestes die Anlaufstelle für Wiesn-Besucherinnen, die in Not geraten. "Es ist eine Oase der Ruhe", sagt Stigger.

"Security Point" heißt diese Oase im Untergeschoss des Verwaltungsbaus auf Neudeutsch. Der Name soll wohl Touristinnen aus dem Ausland ansprechen, die von den Münchner Frauen-Beratungsstellen Amyna, Imma und dem Frauennotruf nichts wissen können. Diese drei Institutionen haben 2003 die Anlaufstelle auf dem Oktoberfest initiiert. Die Finanzierung kommt von der Stadt München und immer mehr Sponsoren. Angefangen haben sie in einem Wohnwagen. Damals aber gehörte Stigger noch nicht zum Team des Frauennotrufs. Sie ist erst seit 2012 dabei als Sozialpädagogin mit traumatherapeutischer Ausbildung - seit vergangenem Jahr koordiniert sie die Mitarbeiterinnen des Security Points und ist dessen Sprecherin.

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Frauen suchen Hilfe

Man kann sie sich gut in einem Dirndl vorstellen. Ihr langes Haar trägt sie oft mit einem eingeflochtenen Zopf hochgesteckt, eine Frisur, die sich andere Frauen zur Tracht machen. Stigger mag Dirndl, aber nicht für die Arbeit. Da hat sie wie ihre Kolleginnen Hosen und eine einheitliche Weste an. Stigger macht die Einsatzpläne für die fünf ausgebildeten Sozialpädagoginnen und die 45 ehrenamtlich unterstützenden Frauen, einige von ihnen sind junge Frauen, die Soziale Arbeit studieren.

Immer eine Fachfrau und fünf bis acht Helferinnen arbeiten in einem Team. An Freitagen und Samstagen sind es mehr als an den übrigen Wochentagen. Die Bierzelte sind voll, das Bier fließt, es gibt mehr Fälle: Das kann eine Eskalation zwischen einem Paar sein, die für die Frau unschön endet; das kann eine Art Nervenzusammenbruch sein, weil der Trubel auf der Wiesn einfach überfordert; wer seine Handtasche verloren hat und mittellos dasteht, bekommt ebenso Hilfe am Service Point.

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2013 betreuten sie 156 Mädchen und Frauen. Eine Zahl, die nicht besonders üppig klingt in Anbetracht von 6,4 Millionen Besuchern. Stigger vermutet, dass viel mehr Frauen Hilfe bräuchten, aber nicht wüssten, dass es Hilfe gebe. Die Dunkelziffer, so schätzt sie, sei enorm hoch. Ebenso die Scham, überhaupt Hilfe zu suchen. Einmal, erzählt sie, seien fünf Frauen gleichzeitig da gewesen, die bitterlich weinten, weil ihnen ihre Situation so peinlich war.

"Eigenschutzfähigkeit eingeschränkt"

Wenn das Bier besser schmeckt, als es vertragen wird, vielleicht das Geld im Gewühl verloren und der Akku des Handys aus geht, kann leicht Panik aufkommen. Da passiert es, dass man sich plötzlich sehr allein in der Menschenmasse fühlt. Auch mancher Mann könnte Hilfe gebrauchen. "Aber bei Männern ist die Schamgrenze noch viel, viel höher", sagt Stigger. Vor allem Gäste aus dem Ausland, die womöglich ihre Gruppe nicht mehr finden oder nicht zu ihr zurück ins überfüllte Bierzelt dürfen. Stigger weiß, dass viele Gäste das Oktoberfest unterschätzen, vor allem, wenn sie es zum ersten Mal besuchen. "Typische Klientinnen bei uns sind Touristinnen, die noch nicht mal ein Hotelzimmer in München gebucht haben." In so einer Situation seien sie in ihrer "Eigenschutzfähigkeit eingeschränkt". Das ist Sozialpädagoginnen-Sprache. Man könnte auch sagen: Manche dieser Frauen werden in so einer Lage leichte Beute.

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"Selber schuld", das denken Stigger und ihre Mitarbeiterinnen nicht. "Wir sind der Meinung, dass eine Frau nackert über die Wiesn gehen können muss, und es darf ihr nix passieren." Nackt auf dem Oktoberfest? Eine komische Vorstellung. Besonders wenn man weiß, wie hemmungslos die Stimmung etwa an einem Samstagabend werden kann - aufgeheizt durch Licht, Lärm und Alkohol. Nicht nur in den Bierzelten. Stigger ist sehr ernst, als sie erwidert: "Die Verantwortung für irgendwelche Taten haben die anderen."