Heute läuft Rocky VI in den deutschen Kinos an. Doch die Zeiten haben sich geändert: Heute boxen auch Frauen. Ein Trainingsbesuch.
Das kleine Mädchen hat eine Wollmütze mit einem riesigen Herz auf. Es schaut seine Mutter an und fragt: ,,Mami, was machst du?'' Die Mutter antwortet: ,,Mami boxt noch eine Runde.'' Die attraktive 39-Jährige steht auf. Schlägt auf den Sandsack ein. Das kennt die Kleine schon.
Frauenpower im Boxring. (© Foto: Cahterina Hess)
Anzeige
So ist das, wenn Frauen boxen. Zumindest im Boxsportverein München e.V in der Auenstraße. Es hat wenig mit zerschlagenen Nasen und Nieren-K.O. zu tun. Auch laufen die Frauen keine Museums-Treppenstufen nach oben oder schreien vor Schmerz die Namen ihrer Männer - so wie Rocky Balboa nach seiner Frau Adrian.
Die "Rocky"-Filme haben mit der Realität hier wenig gemeinsam, und das wird auch mit dem heute anlaufenden "Rocky VI" nicht viel anders sein. Hier geht es nicht um Kämpfen und Siegen, sondern um den Spaß an der Körperbeherrschung. Die Entdeckung, wie viel Kraft man haben kann. Und sie dann auch zu nutzen. Bis dahin ist der Weg hart.
Am Anfang des Trainings: Fünf mal drei Minuten Seilspringen. Auf dem Schulhof ging das ohne Üben, einfach so. Das ist jetzt nicht mehr so. Die Reporterin fühlt sich wie ein hüpfendes Nilpferd. Verheddert sich, keucht schon nach der ersten Runde wie eine Dampflok. Aber weiter gehts, links, rechts, auf einem Bein, und dann rückwärts. Nach der dritten Runde schwitzen alle.
Der 13-jährigen Leni Bauer ist das gerade recht. Die Schülerin hat mehrere Sportarten ausprobiert, auch Fußball und Taek-won-do. Nichts war so gut wie Boxen. "Es soll ja schon anstrengend sein." Ein Pfeifton verkündet das Ende der letzten Seilspring-Runde. Sofort danach: 100 Sit-ups. Rechts, mitte, links. Der Körper schreit, der Bauch wird Eisen. Weiter.
Nichts beweisen
Kurz vor dem Training sagte ein Kollege zur Reporterin: "Frauen boxen nicht, die prügeln nur wild rum." Die 17-jährige Tanja Kunert zuckt mit den Schultern. Und Insa Grady, Sales und Marketing-Managerin und Mutter des kleinen Mädchens, sagt: ,,Wir müssen hier nichts beweisen. Aber der kann ja mal kommen." An solche Sprüche sind sie gewöhnt. Ärgern? Da sind sie einen Schritt weiter: Sie beachten sie gar nicht.
Als nächstes: Schattenboxen. Trainer Roberto Fischer macht es vor: Körper anspannen, konzentrieren, Beine auseinander. Arme in die Deckungshaltung. Schlag mit links, linker Fuß vor. Links, links, rechts. Und dann rückwärts. Wo ist nochmal der rechte Fuß? Boxen erfordert Konzentration.
Bewegungen müssen synchron ablaufen, im richtigen Moment. Damit der Schlag die größtmögliche Wucht bekommt. Mit geradem Arm schlagen. Auf den letzten zehn Zentimetern kommt erst die volle Kraft. Und nochmal von vorn. Und dann nochmal rückwärts. Die Arme werden schwerer. Und dabei ist noch kein einziger richtiger Schlag getan.
Trainer Roberto Fischer hat früher selbst aktiv geboxt. "Frauen sind nicht schwächer als Männer, und auch nicht weniger talentiert. Boxen ist eine Frage der Technik", sagt er. "Frauen können ganz schön hinhauen, aber sie sind trotzdem friedlicher. Bei Männern kommt immer die Macho-Kiste dazu. Wenn du da im Box-Training mal Basketball spielst, ist es wie Rugby."
Jetzt werden die Hände bandagiert. Damit man sich nicht wundscheuert im Handschuh. Roberto zieht die "Pratzen" über. Auf die sollen die Frauen ihre Schläge platzieren. Es geht in den Ring. Die 38-jährige Silke, die gerade mal 1,50 Meter groß ist, schlägt mit einer enormen Wucht, links, links, rechts.
Drängt den Trainer im Nu in die Ecke. "Früher habe ich dabei immer an meinen Chef gedacht", sagt die Sekretärin, "das hilft." Der Trainer gibt Kommandos, "konzentrieren, gerade schlagen, Fünfer-Serie!" Dann kommt die nächste dran.
Einen richtigen Kampf kann sich keine der Frauen vorstellen - allein schon, weil Verletzungen im Gesicht nicht schön aussehen. "Wenn, dann nur mit einem riesigen Kopfschutz", sagt Insa.
Robertos früherer Trainer schaut vorbei. Helmut-Jakob Fischer war in den Sechzigern selbst aktiv. Er findet es gut, dass die Frauen nicht kämpfen wollen. "Ich bin noch einer vom alten Schlag", sagt der 72-Jährige, "für mich sind Frauen was Schönes, Zärtliches. Ich möchte nicht, dass die sich so zerschlagen lassen."
Trainieren könne man auch ohne am Ende in den Ring zu steigen: "Eine Box-Ausbildung ist hervorragend: Gymnastik, Kondition, alles dabei. Und die Mädchen lernen, sich zu verteidigen, das ist ja nur gut - wo man oft so viel Negatives hört." Das denkt auch Silke: "Durch das Boxen bekommt man unheimlich viel Selbstvertrauen. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich sie auch zum Training schicken."
Mehr Informationen zu der Frauenboxgruppe unter untenstehendem Link. Trainiert wird in der Boxhalle in der Auenstraße 19 in München. Der Jahresbeitrag für den Boxverein kostet 75 Euro, hinzu kommen 62 Euro, die Roberto Fischer für seine Trainerleistung verlangt. Dieser Betrag allerdings kommt seiner Hilfsorganisation Faces in Indien zugute.
Studie von UN-Kinderhilfswerk
Die neueste Antwort