Frauen als Drogenkuriere Weiblich, hörig, vollgepackt mit Kokain

Sie schluckten in Kondome gepresstes Kokain und nutzten ihre Schwangerschaft, um ohne Röntgen durch den Zoll zu kommen: Frauen aus Augsburg flogen zehn Jahre lang um die Welt, um für ein Kartell Drogen zu transportieren. Ein Zollfahnder erzählt.

Von Florian Fuchs

Am Ende nahmen sie ihn am Flughafen in Panama fest, da hatte Carlos Caesar Ch. den Ernst seiner Lage noch gar nicht begriffen. Der Drogenboss aus Nigeria war in den Jahren vor dem Zugriff ständig unbehelligt durch Südamerika gereist, auch mit dem Flugzeug. Er besaß verschiedene Pässe mit verschiedenen Nationalitäten, er hatte die richtigen Leute geschmiert. Der Mann hatte haufenweise Kohle, er fuhr teure Geländewagen und Sportwagen, ihm unterstand eine weltumspannende Organisation professioneller Kokainschmuggler. Er hatte Macht. Was also sollte ihm schon passieren? Dachte er.

Kurz darauf lieferte ihn Panama an die Bundesrepublik aus. Was Geheimdienste und Interpol, Zollfahnder aus München und Staatsanwälte nach jahrelanger Ermittlungsarbeit gegen ihn in der Hand hatten, das ahnte Ch. nicht einmal im Ansatz. Sie wussten, dass seine nigerianischen Helfer in Augsburg Frauen erst die große Liebe vorspielten und sie dann als Drogenkuriere um die Welt schickten, um das Kokain schließlich über halb Europa zu verteilen.

Manche Frauen waren schwanger, manche schluckten das in Kondome gepresste Kokain, um bei Kontrollen nicht erwischt zu werden - bis zu 1,5 Kilogramm pro Schmuggelauftrag. Die Ermittler wussten auch, dass es eine 17-Jährige gab, die von Stadt zu Stadt flog, um das Drogengeld zu transportieren. Eine besonders perfide Masche war das, welcher Zöllner filzt schon eine Minderjährige auf Drogengeld? Und die Fahnder konnten ihr Wissen belegen, durch Zeugenaussagen und zahlreiche Dokumente, die sie über die Jahre gesammelt hatten.

"Jetzt sitzt er hier in Haft, 14 Jahre", sagt Georg Kull über den Drogenboss. Der Münchner Zollfahnder ist der Mann, der Ch. verfolgt hat, knapp zehn Jahre lang. Er hat ihn gejagt, nicht mit der Waffe, sondern mit Akribie: 78 Ordner über den Nigerianer und seine Organisation hat Kull mit seinen Kollegen während der Ermittlungen angelegt, darin aufgelistet sind unter anderem Geldbewegungen, Flugrouten und Schmuggelwege. Der 64-Jährige und seine Leute haben den nigerianischen Drogenring beobachtet, analysiert und dann den Boss gekriegt, was nicht oft vorkommt. Der Erfolg der Fahnder gibt einen seltenen Einblick in den millionenschweren Handel mit Kokain.

Angefangen hatten die Ermittlungen 2003 in Großbritannien. Dem National Intelligence Service waren zwei deutsche Frauen aufgefallen, die von London nach Georgetown in die ehemalige britische Kolonie Guyana reisen wollten. "Nicht unbedingt ein typisches Urlaubsland", sagt Kull. Als die Frauen vier Wochen später im Februar wieder zurückkehrten, observierten die Engländer sie: Es dauerte nicht lange, da erwischten die Fahnder die beiden bei der Übergabe von 1,2 Kilogramm Kokain an einen Nigerianer. Eine der Frauen erwartete ein Kind.

Später gab sie zu, dass sie die Schwangerschaft gezielt benutzte, um Röntgenkontrollen zu entgehen. Auch andere Frauen handelten wohl so. Dass sie damit ihre Babys einer extremen Gefahr aussetzten? Egal. Die Ermittler identifizierten weitere vier Frauen aus Augsburg, die sie ebenso verdächtigten, Kurierinnen zu sein. Die Vermutung erhärtete sich, weil eine von ihnen bereits im Dezember 1997 am Flughafen Karatschi in Pakistan mit 1,1 Kilogramm Heroin festgenommen worden war. Offenbar weil auch sie damals schwanger war, hatten die pakistanischen Richter sie mit einem außergewöhnlich milden Urteil von zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe davonkommen lassen.